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TK: Worin sehen Sie den Mehrwert der App?

Silvana Thomas: Die seit November 2018 aktive Selbsthilfe Sachsen-Anhalt Süd App läuft kostenlos auf allen Tablet-PCs und Smartphones mit den Betriebssystemen Android und iOS. Sie ist für Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen, bundesweite Selbsthilfevereinigungen, Multiplikator/innen, Selbsthilfeaktive und Selbsthilfeinteressierte eine einfache sowie anonyme Möglichkeit einander nahezukommen, um sich im Anschluss zu begegnen. 


Die App ergänzt das Beratungsangebot der Selbsthilfeunterstützer und schafft eine Möglichkeit, dass Menschen mit Krankheit, Behinderung, sozialen oder psychosozialen Problemstellungen sowie deren Angehörige, sich aus der Handtasche oder Hosentasche heraus, rund um die Uhr, an jedem Ort und schnell über zahlreiche Selbsthilfeangebote informieren können. Gemeinsam erfreuen sich alle Anwender der App am einmaligen Nutzerlebnis, mit kinderleichter Bedienung durch Wischgesten beim Navigieren und dem Starten der Anwendungen mittels einer Fingerberührung. Besonders Senioren, die vorher einen Bogen um jeden Computer gemacht habe, sind von der App mit ihren übersichtlichen und gut lesbaren Inhalten fasziniert.

TK: Welche App-Inhalte interessieren die Menschen besonders?

Silvana Thomas: Fünf Auswahlmöglichkeiten stehen in der App übersichtlich zur Verfügung. Neben dem Betrachten der Homepage einer nahe gelegenen Selbsthilfekontaktstelle erfreuen sich die Bereiche der Video- und der Audiopräsentationen einem hohen und gleichstarken Interesse. Im Videobereich lernen die Interessierten die Selbsthilfekontaktstellen, die vielfältigen Selbsthilfethemen sowie die Menschen der Selbsthilfeunterstützung, -gruppen und -organisationen audiovisuell kennen. Im Audiobereich finden sie informative und umfangreiche Interviews sowie Hörbücher.

Diese lassen sie miterleben, wie sich Menschen mit herausfordernden Krankheiten, Behinderungen oder schwierige Lebenssituationen den Weg in die Selbsthilfe ebneten und was sich dadurch in ihrem Leben entwickelt hat. Hörbar bei jeder Tätigkeit und ganz nebenbei gewinnen sie umfangreiches Wissen über die einzelnen Krankheitsbilder, Behinderungen und psychosozialen sowie sozialen Problemstellungen und deren Lösungsstrategien. 

TK: Was glauben Sie, begeistert die Menschen daran, sich diese Interviews anzuhören und Videos anzuschauen?

Silvana Thomas: Ich glaube, Menschen sind eher an Menschen interessiert als an Zahlen, Daten und Fakten. Besonders in Krisensituationen wollen Menschen wissen, wie andere damit umgehen. Das finden sie in den Videoaufzeichnungen und Audioaufzeichnungen der Selbsthilfeengagierten. Die Audiobeiträge, in Form von Interviews begeistern mich ganz besonders. Hier genießen die Engagierten und gleichzeitig auch Betroffenen der Selbsthilfe die Möglichkeit, ihr Leben mit der schwierigen Situation Revue passieren zu lassen. Dabei stellen sie fest, welche Hürden sie bereits gemeistert haben und wie stark sie durch die Selbsthilfe geworden sind, um jetzt auch andere unterstützen zu können. Das Gefühl der Selbstwertschätzung ist deutlich wahrnehmbar und mitfühlbar.

Für die Hörenden gibt es viel Wissenswertes und als Bonus zeigt sich in jedem Gespräch ein gewisser roter Faden, eine nachvollziehbare Lebensstrategie. Ich interpretiere sie folgendermaßen: Egal, in welche schwierige Lebenssituation man kommt, sobald man das Unannehmbare akzeptiert, so wie es ist, in die Verantwortung geht, sich vernetzt, dadurch Informationen und Hilfe bekommt und eine förderliche Gemeinschaft genießt, kann man die herausfordernde Situation bewältigen und das Leben insgesamt viel besser gestalten. In jeder schwierigen Lebenssituation verbirgt sich die Chance, sich selbst näherzukommen, zu lernen, zu wachsen und stärker zu werden, um damit für andere auch eine große Hilfestellung zu sein. Diese in den Gesprächen unbewusst transportierte Lebensstrategie ist ein großes Geschenk. 

TK: Erleichtert die App als neuer Zugangsweg Menschen, die zögern, sich direkt bei einer Selbsthilfeeinrichtung zu melden, den Einstieg in die aktive Beteiligung? 
  
Silvana Thomas: Dass Menschen so offen mit ihren schwierigen Lebenssituationen umgehen, sich in die Öffentlichkeit begeben, Tabus brechen, über die Selbsthilfegruppe und deren Aktivitäten berichten, erleichtert vielen Menschen den ersten Schritt, aus der Passivität heraus ins Handeln. Es motiviert, die eigene soziale Isolation zu überwinden. Das kann ein Gespräch mit der Selbsthilfekontaktstelle sein, um in eine passende Selbsthilfegruppe zu kommen oder diese im Bedarfsfall sogar selbst zu gründen. Häufiger gehen die Interessierten direkt auf die Selbsthilfegruppe zu und nehmen an einem Treffen teil. Das ist bedingt dadurch, weil viele Selbsthilfegruppen ihre organisatorischen Daten, wie Treffpunkt und Ansprechpartner in den Beiträgen der App bekannt gemacht haben. Selbsthilfekontaktstellen berichten über Klienten, welche sich in der App vorinformierten und mittels Kontaktbutton ins Gespräch (Telefonat oder E-Mail) gekommen sind. Ein Wachstum der Gemeinschaften aus Gleichgesinnten in den Selbsthilfegruppen ist mittlerweile deutlich zu vernehmen. 

TK: Wie viele Selbsthilfegruppen haben bisher die Chance der App genutzt, um sich selbst und ihre Arbeit vorzustellen?

Silvana Thomas: In Sachsen-Anhalt Süd gibt es über 600 Selbsthilfegruppen und sieben paritätische Selbsthilfekontaktstellen. Alle Gruppen mit Video- und Audiobeiträgen in die App zu integrieren, wird noch etwas Zeit und Raum in Anspruch nehmen. Die Mitarbeiter der Selbsthilfekontaktstellen haben neben ihrer Beratungs-, Unterstützungs- und Netzwerktätigkeit also noch alle Hände voll zu tun. Ein weiterer wichtiger Handlungsschritt ist es, die Selbsthilfevertreterinnen und -vertreter dahin gehend zu qualifizieren, dass sie selbstständig Audio und Videoaufnahmen erzeugen und diese in die App integrieren. Die ersten Medienworkshops sind für den Verlauf des Jahres geplant und genießen zunehmende Anmeldezahlen. In den letzten zwei Monaten haben sich bereits über 40 Selbsthilfegruppen mit der Erstellung von Audio- oder Videoaufnahmen beteiligt und über 1000 schauende und hörende Interessierte bestätigen den Erlebnis- und Lerneffekt dadurch. 

TK: Das Projekt beinhaltete zum Start der App eine Schulung der Selbsthilfevertreterinnen und -vertreter zum Umgang mit digitalen Medien. Wie ist die Resonanz darauf?

Silvana Thomas: Über 93 Prozent der Selbsthilfevertreter besitzen mittlerweile ein Smartphone oder ein Tablett. Oft ist die Handhabung der mobilen Geräte geläufig. Dennoch sind sie dankbar, wenn Sie bei der Installation der App aus dem Playstore oder iOS Store Unterstützung bekommen. Durch eigenständiges Ausprobieren aller Funktionen der App wird dem natürlichen Entdeckergeist Folge geleistet. Im Anschluss daran sind viele über eine kleine Einführung in die App dankbar. Dies kann durch die Mitarbeiter der Selbsthilfekontaktstellen geschehen oder sie nutzen die Erklärung der App, im Bereich der Videoaufnahmen. Auch hier wird Schritt für Schritt erklärt, wie kinderleicht die App zu bedienen ist. Sobald die App geläufig ist, zeigt sich hier wieder ein typisches Merkmal der Selbsthilfe, indem die Aktiven Ihr Wissen gern an andere weiter geben. Die mittlerweile schon dreistelligen Downloadzahlen der App wachsen kontinuierlich weiter. 

Zur Person

Silvana Thomas arbeitet seit April 2018 für die paritätischen Selbsthilfekontaktstellen der Regionalstelle Süd am Projekt „Junge Selbsthilfe“ und entwickelt Strategien, um auch jüngere Zielgruppen zu erreichen. Ihr umfangreiches Wissen aus Wirtschaftsstudium, Weiterbildungen im Kommunikations- und Coachingbereich und zuletzt ihre Arbeit als Dozentin in der Erwachsenenbildung lässt sie in ihre Tätigkeit ebenso einfließen wie die langjährigen Erfahrungen aus der Leitung ihrer Selbsthilfegruppe für junge pflegende Angehörige. Mit technischem Know-how legt sie ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung und Implementierung der neuen Medien. Deren einfache Handhabung, Reichweite und Wirksamkeit sind für sie Garant, leicht Menschen im Alter von ca. 18 bis 45 Jahren über Selbsthilfe zu informieren und sie für ein Engagement in der Selbsthilfe zu gewinnen.