TK: Herr Dr. Müller-Schwefe, die Digitalisierung im Gesundheitswesen nimmt Fahrt auf. Sie sind bekannt für eine eingehende körperliche Untersuchung von Schmerzpatienten. Sehen Sie trotzdem einen Nutzen von digitalen Therapien im Bereich Schmerz wie etwa Apps oder Übungsprogrammen für die Rückenmuskulatur vor dem Bildschirm auf der Basis von Sensorik?

Dr. Müller-Schwefe: Ohne Frage sind die ausführliche Erhebung der Vorgeschichte sowie die sorgfältige körperliche Untersuchung von Schmerzpatienten die Grundlage jeder Therapie. Für den langfristigen Therapieerfolg ist es entscheidend, dass die Patienten lernen, eigenverantwortlich ihre Gesundheit zu managen. Dazu gehört Achtsamkeitstraining, um Veränderungen im Körper frühzeitig wahrzunehmen sowie ein gezieltes aktives Übungsprogramm. Wenn Patienten dieses erlernt haben, kann die digitale Unterstützung über Apps eine große Hilfe sein, um über Sensoren frühzeitig auf Störungen hinzuweisen und zu den hierfür passenden Übungsfeld Behandlungen aufzufordern und gezielt anzuleiten.

TK: Ihr Kieler Kollege Professor Göbel hat eine Migräne-App entwickelt, die als „Selbstmanagement-Tool“ für Kopfschmerzpatienten gedacht ist und die ärztliche Therapie unterstützen soll. Wie bewerten Sie diese App?

Dr. Müller-Schwefe: Die Migräne-App von Professor Göbel ist ein hervorragendes Instrument, um Patienten zu helfen ihre Kopfschmerzen besser einzuordnen, die Art der Kopfschmerzen zu differenzieren und frühzeitig die richtigen Maßnahmen einzuleiten. So kann ein Fehl- und Übergebrauch von Medikamenten verhindert werden. In der Praxis hat sich bereits gezeigt, dass Patienten, die die Migräne-App von Professor Göbel anwenden, deutlich weniger Kopfschmerztage pro Monat erleben als vergleichbare Patienten ohne Anwendung dieser digitalen Hilfe.

TK: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft der Schmerztherapie werfen: Was werden in zehn Jahren die gravierendsten Unterschiede zu heute sein? Welche weiteren „Megatrends“ außer der Digitalisierung sehen Sie?

Dr. Müller-Schwefe: Die wichtigsten Entwicklungen in der Schmerzmedizin sehe ich in einer weiteren Individualisierung der Diagnostik und Therapie. Zunehmend verstehen wir wie unterschiedlich Menschen sind hinsichtlich ihrer genetischen Ausstattung, ihrer Reaktionsweisen und ihrer Bedürfnisse. Dies gilt besonders für die medikamentöse Therapie, bei der wir uns immer mehr von standardisierten Schemata entfernen und mehr und mehr auf die (“genetischen“) Unterschiede hinsichtlich Resorption, Wirkweise und Abbau eingehen, aber auch für die gesamten komplexen Therapiekonzepte für einzelne Patienten.

Zur Person

Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesie. Seit 1997 ist der Leiter des Schmerz- und Palliativzentrums Göppingen außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, die sich für ein besseres Verständnis und für bessere Diagnostik und Therapie des chronischen Schmerzes einsetzt.