TK: Warum sind Sport und Bewegung für MS-Patienten wichtig?

Prof. Dr. Peter Flachenecker: MS-Betroffene leiden an einer Vielzahl von Beschwerden und Symptomen wie eingeschränkter Mobilität, Gang- und Gleichgewichtsstörungen, kognitiven Störungen und einer erhöhten Erschöpfbarkeit ("Fatigue"), um nur einige zu nennen.

Wie bei Gesunden und anderen chronisch Erkrankten sind auch bei der MS die positiven Auswirkungen auf diese Symptome durch viele wissenschaftliche Untersuchungen gut belegt. Allerdings wird MS-Betroffenen oftmals aus falsch verstandener Vorsicht und der Angst vor einer Verschlechterung der Erkrankung von sportlicher Aktivität abgeraten. Diese Ängste sind aber völlig unbegründet.

Sport und Bewegung sind sichere und effektive Maßnahmen auch für MS-Betroffene, durch die viele der belastenden und die Leistungsfähigkeit einschränkenden Krankheitssymptome verringert werden können.

Prof. Dr. Peter Flachen­ecker

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Chefarzt des Neurologischen Rehabilitationszentrums Quellenhof in Bad Wildbad

TK: Das Besondere an "MS bewegt" ist ein individuell zugeschnittenes Coaching. Wie wird dieses Programm erstellt?

Prof. Flachenecker: "MS bewegt" ist ein internetbasiertes Angebot. Über eine eigens dafür entwickelte App erhalten MS-Betroffene ein persönliches Bewegungscoaching und individuell  auf ihre Leistungsfähigkeit zugeschnittene Übungen und Trainingspläne, die von einem Therapeuten online erstellt werden. Zusätzlich werden die Betroffenen mit einem Fitnesstracker ausgestattet, der Bewegung im Alltag und bei sportlichen Aktivitäten erfasst.

Die Trainings- und Aktivitätsdaten werden über die App an den Therapeuten gesendet, der anhand der Rückmeldung der Betroffenen das Training individuell gestaltet und an MS-bedingte Symptome anpasst. Die Ziele von „MS bewegt“ sind die Förderung gesundheitsbezogener Selbsthilfe und der Aufbau eines körperlich aktiven und gesundheitsförderlichen Lebensstils. Die Betreuung durch medizinisches und therapeutisches Fachpersonal ist ein Kernbestandteil des Angebots.

TK: Wie werden die MS-Patienten erreicht, die nicht so sportaffin sind, aber gerade deshalb von dem Programm besonders profitieren?

Prof. Flachenecker: Im Oktober 2019 startet eine multizentrische Studie, bei der die Wirksamkeit von „MS bewegt“ in Bezug auf das Bewegungsverhalten wissenschaftlich überprüft wird. Hierbei werden von den teilnehmenden Zentren (niedergelassene Neurologen, neurologische Kliniken, neurologische Rehabilitationskliniken) gezielt die Patienten angesprochen, die einen körperlich inaktiven Lebensstil pflegen und somit besonders von diesem Programm profitieren können. Für die spätere Regelversorgung wird es wichtig sein, dass Ärzte ihre Patienten auf die Möglichkeit dieses Programms hinweisen.

TK: Wie kann verhindert werden, dass die Patienten nach dem Ende des Programms in ihre alten Lebensgewohnheiten zurückfallen?

Prof. Flachenecker: Das ist in der Tat eine Gefahr. Allerdings zeigen die bisherigen Erfahrungen mit Online-Trainingsangeboten, dass die körperliche Aktivität auch über die Dauer des Trainings aufrecht erhalten werden kann. So haben wir im Neurologischen Rehabilitationszentrum bei einem derartigen Programm zeigen können, dass die positiven Effekte bis zu drei Monate nach Beendigung des Online-Trainings anhalten, das Training also eigenständig fortgeführt wurde.

"MS bewegt" verfügt neben der Erfassung von Bewegungsverhalten und dem individuell zugeschnittenem Training über eine Reihe von Modulen zur Informationsvermittlung und Verhaltensmodifikationen, wodurch wir uns eine langfristige Verhaltensänderung und die Verstetigung der körperlichen Aktivität erhoffen.

TK: Welche Chancen für die Neurologie sehen Sie durch die Digitalisierung generell? 

Prof. Flachenecker: Die Digitalisierung schreitet auch in der Neurologie unaufhaltsam voran und kann viele Bereiche in Diagnostik und Therapie unterstützen. Hier stehen wir sicherlich erst noch am Anfang der Entwicklung. Eine Chance dabei ist sicherlich, dass damit Personengruppen erreicht werden können, die keinen oder nur einen erschwerten Zugang zu einer adäquaten Therapie haben bzw. deren Mobilität eingeschränkt ist. "MS bewegt" zum Beispiel ermöglicht eine individualisierte Therapie, ohne dass ein qualifizierter Therapeut in der Nähe sein muss, ganz bequem von zu Hause aus.   

Zur Person

Prof. Dr. Peter Flachenecker studierte Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Von 1992 - 2002 absolvierte er seine Facharztausbildung an der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg. Von 2002 - 2004 war er als Chefarzt der Abteilung für Neurologie der Klinik Bavaria Bad Kissingen tätig. Seit 2004 ist Prof. Flachenecker Chefarzt des Neurologischen Rehabilitationszentrums Quellenhof in Bad Wildbad, einer Rehabilitationsklinik mit Schwerpunkt „MS“. 

Seit 2006 ist er als Arzt Mitglied im Vorstand der AMSEL (Aktion Multiple Sklerose Erkrankter in Baden-Württemberg e.V.) und gleichzeitig Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der AMSEL.