Gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) hat Sympatient die Therapie bei einem Pressefrühstück Ende Januar in Hamburg vorgestellt. Betroffene können via App und Virtual-Reality-Brille zahlreiche Schulungsvideos und digital angeleitete Übungen absolvieren.

Kernstück der innovativen und leitliniengerechten Fernbehandlung ist die Konfrontation nach therapeutischen Prinzipien mit Angst auslösenden Situationen wie zum Beispiel Menschenansammlungen. Die App erfasst im Behandlungsverlauf regelmäßig die psychische Situation der Teilnehmer anhand eines Fragenkatalogs. In Krisenfällen nehmen spezialisierte Mitarbeiter des UKSH mit den Teilnehmern direkt Kontakt auf.

Welchen Weg Sympatient auf dem Weg zur Entwicklung der Therapie gegangen ist, erzählt Christian Angern, einer der drei Sympatient-Gründer, im Interview. 

TK: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine App gegen Angststörungen zu entwickeln?

Christian Angern: Mein Bruder und Mitgründer Julian hat am UKSH zum Einsatz von Virtual Reality (VR) in der Angsttherapie geforscht und erste VR-Systeme dafür selbst entwickelt. Diese neue Simulationstechnik funktioniert sehr gut für Angstpatienten und ist essenzieller Bestandteil der Expositionstherapie, dem medizinischen Behandlungsstandard bei Angststörungen. 

Uns ist schnell klar geworden, dass wir aber sehr viel mehr als VR entwickeln müssen, um die wirklichen Versorgungsprobleme zu lösen. Deshalb haben wir mit Invirto die erste digitale Therapie gegen Angststörungen entwickelt. Nach einem persönlichen Erstgespräch und einer ausführlichen Diagnostik erhält der Patient oder die Patientin Zugang zu Invirto. Neben einer therapeutischen App und einer VR-Brille, die der Patient auch nach Abschluss der Therapie behält, werden Patienten auch telefonisch von approbierten Therapeuten begleitet. 

Chris­tian Angern

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Gründer und Geschäftsführer von Sympatient

Für die Entwicklung einer so besonderen Versorgungsleistung war es auch klasse, eine Krankenkasse an Bord zu haben, die bereit ist, Innovation für die Verbesserung der Versorgung einzusetzen. Christian Angern

TK: Was war die größte Herausforderung bei der Entwicklung der Therapie? 

Angern: Das Wichtigste für uns war, die sogenannte Patient Journey, also den Behandlungspfad der Patienten, zu verstehen. In der Entwicklung haben wir eng mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein zusammengearbeitet, um zu erfahren, wo die Regelversorgung verbessert werden könnte. Wir haben uns viel Zeit genommen, um mit Therapeuten und Betroffenen zu sprechen. Nur so konnten wir die Grundlage für die Invirto-Therapie legen und eine wirklich innovative, qualitativ hochwertige Versorgungsleistung entwickeln. 

TK: Wie ist denn die Versorgungslage für Betroffene von Angststörungen? 

Angern: Der Großteil der Patienten ist leider unbehandelt, und dafür gibt es gute Gründe: Angststörungen sind hoch stigmatisiert, es ist leider in der heutigen Gesellschaft immer noch schwierig, das nötige Verständnis für die Erkrankung zu erhalten. Deshalb suchen viele Patienten keine ärztliche oder therapeutische Hilfe auf. Das wiederum führt dazu, dass sich bei rund 30 Prozent der Patienten die Erkrankung chronifiziert, und sie langfristig unter ihren Ängsten leiden. 

Außerdem haben wir derzeit eine rund fünf monatige Wartezeit auf den Start einer Psychotherapie. Ist die Therapie dann gestartet, hat man meistens lange Anfahrtswege und muss über Monate regelmäßige Termine für die Therapie wahrnehmen.

Um diese Probleme mit der Invirto-Therapie zu lösen, bieten wir deshalb nicht nur ein Erstgespräch und eine Diagnostik innerhalb weniger Wochen an - Patienten können nach dem Erstgespräch sofort mit der Behandlung starten. Die digitale Therapie kann dann vollständig zu Hause im eigenen Tempo durchgeführt werden. 

TK: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse, und wie hat diese ausgesehen?

Angern: Nach der Gründung von Sympatient haben wir mit diversen Kassen über eine Kooperation zu digitaler Therapie gesprochen. Das Team Versorgungsmanagement der TK stand unserer Vision einer digitalen Therapie sehr offen gegenüber, und so haben wir uns gefunden. 

Über die letzten anderthalb Jahre haben wir eng zur Ausgestaltung der Therapielösung kooperiert und einen gemeinsamen Versorgungsvertrag ausgearbeitet. Das war ein sehr guter und fokussierter Prozess und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Für die Entwicklung einer so besonderen Versorgungsleistung war es auch klasse, eine Krankenkasse an Bord zu haben, die bereit ist, Innovation für die Verbesserung der Versorgung einzusetzen.

Hintergrund

Christian Angern ist Gründer und Geschäftsführer von Sympatient. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler verantwortet neben der Geschäftsführung von Sympatient den Markteintritt ins Gesundheitswesen und die Kooperationen mit Kliniken und Krankenkassen. 

Das 2017 aus einer klinischen Pilotstudie am UKSH heraus gegründete Unternehmen Sympatient hat seinen Sitz in Hamburg. Das 9-köpfige Team wird finanziell von der Hansestadt Hamburg gefördert und wurde im September 2019 mit dem Hamburger Gründerpreis ausgezeichnet. Gründer sind Christian Angern, Julian Angern und Benedikt Reinke. 

Invirto ist die weltweit erste digitale Psychotherapie gegen Angststörungen für Zuhause. Dafür hat Sympatient acht Stunden Schulungsmaterial und fast vier Stunden VR-Bildmaterial für sieben verschiedene Angstszenen erstellt. Damit bilden sie die häufigsten Angst-auslösenden Situationen ab.