TK: Herr Muhle, 2022 wird Bilanz über die Legislatur gezogen. Wie hat sich Niedersachsen in Sachen Digitalisierung in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?

Stefan Muhle: In den vergangenen Jahren haben wir bei der Digitalisierung Niedersachsens einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Mit dem Masterplan Digitalisierung existiert seit August 2018 erstmalig eine Digitalstrategie mit ambitionierten Zielen und 91 konkreten Maßnahmen. Nach etwas mehr als drei Jahren können wir sagen, dass davon 87 Prozent bereits umgesetzt oder verwaltungstechnisch abgeschlossen wurden. Weitere neun Prozent befinden sich in der verwaltungstechnischen Umsetzung. Diese Zahlen sprechen für sich und zeigen, dass die Landesregierung Digitalisierung umsetzt. Die äußeren Rahmenbedingungen und Innovationszyklen sind in diesem Themenfeld so dynamisch, dass tagtäglich neue Anforderungen und Bedarfe auf Niedersachsen hinzukommen, die über die im Masterplan formulierten Vorhaben hinausgehen. Daher haben wir mehr als 100 weitere Maßnahmen auf den Weg gebracht. Als Beispiel seien hier exemplarisch die Digitalisierung der Tagesbildungsstätten, die Initiative für ein Smart Living Cluster, ein Helmholtz Forschungszentrum für Cybersecurity oder die Initiative zur Vereinheitlichung der Datenschutzaufsicht in Deutschland genannt. Wenn Sie mich also nach einer Bilanz fragen, dann kann diese bis hierhin nur positiv ausfallen. Und die Legislaturperiode ist ja auch noch nicht zu Ende. Wir haben weiterhin viel vor. Im Mai wollen wir beispielsweise erstmalig eine umfassende Landesstrategie zur Künstlichen Intelligenz vorstellen.

Die Legislaturperiode ist ja auch noch nicht zu Ende. Wir haben weiterhin viel vor. Stefan Muhle

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TK: Im Gesundheitssystem gibt es manchmal Kritik an der digitalen Entwicklung und Einführung von digitalen Lösungen. Ist diese aus Ihrer Sicht berechtigt?

Muhle: Wie in vielen anderen Bereichen auch, hat die Corona-Pandemie bei der Digitalisierung des Gesundheitssystem als Katalysator gewirkt. Ob Telemedizin, Videosprechstunde oder elektronische Patientenakte, Gesundheits- oder Corona-Warn-App - vielfach haben wir mit digitalen Lösungen einen Schritt in die richtige Richtung gemacht von dem sowohl Bürgerinnen und Bürger, als auch Beteiligte des Gesundheitssystems oder der öffentlichen Verwaltung profitieren. Aus meiner Sicht gibt es im Wesentlichen zwei Aspekte, die in Deutschland im Kontext der Digitalisierung weiter verbessert werden müssen.

Zum einen ist dies die Schaffung von einheitlichen Standards und Schnittstellen für digitale Systeme im Gesundheitswesen. Nur so können Einrichtungen und Behörden, auch bundesländerübegreifend, schnell und effektiv zusammenarbeiten und ein Flickenteppich inkompatibler Lösungen vermieden werden. Auch hier können wir von den Folgen der Pandemie, z. B. aus der Kontaktnachverfolgung, lernen.

Den zweiten Aspekt würde ich mit Nutzen und Vertrauen umschreiben. Dies sind die entscheidenden Kriterien, damit sich digitale Lösungen im Allgemeinen, aber insbesondere im Gesundheitswesen, durchsetzen und eine breite Anwendung finden. Dabei ist es ganz egal, ob es sich um eine Video-Sprechstunde oder eine Gesundheits-App handelt. Zum einen muss ein erheblicher Nutzen vorliegen, z. B. durch eine kurzfristige Terminfindung, schnelle Ferndiagnosen oder ein Bonuspunktesystem für eine gesunde Lebensweise. Gleichzeitig muss aber auch das Vertrauen in die Sicherheit und der Schutz der hochsensiblen persönlichen Daten gewährleistet werden. An dieser Stelle machen wir in Europa und Deutschland Schritte in die richtige Richtung.

TK: Was würden Sie sagen, sind für Niedersachsen die größten Chancen wenn Sie an die Digitalisierung im Gesundheitssystem denken?

Muhle: Für ein Flächenland wie Niedersachsen können die Chancen, die digitale Lösungen wie Telemedizin und Telepflege bieten, aus meiner Sicht gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In Zeiten des Fachkräftemangels und der zunehmenden Verschiebung der Bevölkerung von Land zu Stadt können wir damit auch für ältere Menschen länger ein selbstbestimmtes Wohnen in den eigenen vier Wänden auf dem Land ermöglichen. Dieser Trend wird sich aufgrund des demographischen Wandels weiter verstärken.

Für ein Flächenland wie Niedersachsen können die Chancen, die digitale Lösungen wie Telemedizin und Telepflege bieten, aus meiner Sicht gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Stefan Muhle

TK: Zum Thema digitale Innovationen im Bereich Gesundheit aus Niedersachsen - sehen Sie hier ein wichtiges Handlungsfeld Ihrer Digitalstrategie?

Muhle: Auf jeden Fall. Im neu von uns geschaffenen Zentrum für digitale Innovationen Niedersachsen (ZDIN) widmen wir uns diesem Aspekt beispielsweise mit einem eigenen Zukunftslabor. Neben der anwendungsorientierten Forschung zur digitalen Diagnostik, telemedizinischen Angeboten und individualisierter Therapiemöglichkeiten steht dort auch die Hochleistungsmedizin, mit dem Mensch im Mittelpunkt, im Fokus. Gleichzeitig fördern wir aber auch den Transfer innovativer Forschungsideen in die Praxis, z. B. durch eigens dafür eingerichtete Startup-Zentren oder einen Wachstumsfonds, der bei der Umsetzung und Skalierung der innovativen Geschäftsmodell unterstützt.

TK: Zum Schluss noch etwas Persönliches: Welche digitale Lösung im Gesundheitsbereich würden Sie selbst gerne schon jetzt nutzen?

Muhle: Für viele Menschen wäre es heute ein großer Gewinn, Tage und Nächte möglichst gesund zu verbringen: ausgeschlafen und ausgeruht, gut und richtig ernährt und mit dem richtigen Maß an Bewegung - eine digitale Lösung, die mir dabei helfen würde, wäre ein Gewinn für mich. Das aber datensicher und ohne erhobenen Zeigefinger, wenn es dann doch mal abends einige Biere geworden sind.