Die Digitalisierung und die Möglichkeit des Homeschoolings in der Corona-Pandemie hat das Leben der Kinder noch mehr vor den Bildschirm verlagert. Im Interview geht Dr. Frank W. Paulus auf mögliche Gefahren und Risiken für die Kinder und Jugendlichen ein.

TK: Die Digitalisierung hat gerade in der gegenwärtigen Corona-Phase noch einmal einen ungeahnten Schub erhalten. Das hat gerade auch Einfluss auf die Welt von Kindern und Jugendlichen. Welche Veränderungen beobachten Sie und welche Gefahren sehen Sie?  

Dr. Frank W. Paulus: Die Covid-19-Pandemie wirkt sich massiv gerade auf Kinder und Jugendliche aus, auf ihr Erleben und Verhalten. Bereits vorliegende Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche vermehrt Symptome erleben wie Einsamkeit und Isolation, Kummer, Ängste, Depressionen, Schlafstörungen, psychosomatische Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen, aber auch Bewegungsmangel, Ernährungs- und Gewichtsveränderungen, Zunahme von familiärem Stress und Spannungen, teilweise auch Streitigkeiten bis hin zu Gewalt und zunehmende Armut.

Dr. Frank W. Paulus

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Leitender Psychologe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum des Saarlands

Neben dieser Zunahme psychischer Beeinträchtigungen und Störungen im Allgemeinen ist auch jetzt schon eine Steigerung der Nutzung digitaler Spiele bei Kindern und Jugendlichen - und gleichermaßen bei deren Eltern - feststellbar. Dies zeigen erste Studien und auch die Umsatzzahlen der Computerspielindustrie und die Anzahl der verkauften Computerspiele gehen in diese Richtung. 

Die sozialen Medien sind nützlich zur Aufrechterhaltung sozialer Kontakte und zur Vermeidung von Einsamkeit, ein sehr positiver Aspekt, gerade in der Pandemie. Nur: Alles, was nutzt, kann dann irgendwie auch schaden. Diese modernen Medien sind Unterhaltungsprodukte, aber Unterhaltungsprodukte mit klinischer Bedeutsamkeit, also ich meine sehr bedeutsam für psychische Symptome und Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Und die Zunahme der Nutzung sozialer Medien in der Pandemie hat auch zu einer Zunahme an Cybermobbing geführt, auch dazu gibt es erste Studien. Von Cybermobbing Betroffene zeigen ein verringertes Wohlbefinden und soziale Ängstlichkeit. Depression und Traumastörung bis hin zu Suizidgedanken können ernsthafte Folgen sein. 

TK: Die digitale Welt und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten machen vieles schneller, leichter oder gar erst möglich, Stichwort Homeschooling. Was müssen wir gerade bei Heranwachsenden tun, um sie vor unerwünschten Einflüssen zu schützen?  

Dr. Paulus: Homeschooling ist sicher eine wunderbare Sache,  vor allem wenn es funktioniert. Diese digitale Technologie kann sicher viel Gutes bewirken, wenn ein Schulbesuch nicht möglich ist. Die Motivation zum Schulbesuch kann aber auch sehr abnehmen dadurch. Schule ist halt auch sozialer Raum und Treffpunkt, der Lernen ermöglicht, auch sozial einbettet und emotionale Unterstützung anbietet.

Viele gehen wegen ihren Freunden in die Schule, nicht nur wegen dem Lernen. Sicher hilft es, die Ressourcen und Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu stärken, ein positives Selbstwertgefühl, gute soziale Kompetenzen, positive Beziehungen zu Gleichaltrigen und zu den eigenen Eltern zu haben. In der realen Welt verankert sein. Und die Medienmündigkeit der Kinder und Jugendlichen ausbauen, also einen vernünftigen und überdachten Umgang mit den Medien statt reine Medienkompetenz, das reine Beherrschen der Technik. Da sind die Eltern auch Vorbilder für die eigenen Kinder im Mediengebrauch. Und die Weichen werden da nicht bei den Jugendlichen gestellt, sondern im Kindes- und schon Kleinkindalter.

TK: Welche positiven Effekte sehen Sie durch die Digitalisierung etwa in Ihrem beruflichen Alltag?

Dr. Paulus: Also, das ist schon ganz wichtig und unverzichtbar geworden: Keine Vorträge könnten gehalten oder Fachartikel geschrieben werden. Konferenzen und Besprechungen funktionieren durch die Pandemie verstärkt zunehmend digital. Wo es gerade persönlich nicht oder zumindest nicht regelmäßig geht, sind telemedizinische Behandlungen hilfreich. Dabei ist aber oft eine Kombination mit persönlichen Kontakten sinnvoll und wirksamer, also besser man beginnt erstmal persönlich.

Und natürlich müssen IT-Sicherheit und Datenschutz berücksichtigt werden. Es gibt auch wunderbare digitale Trainingsprogramme. Motivierte Einstellungen zum Lernen oder verbesserte Lesefähigkeiten können auf die unterstützende Anwendung digitaler Medien zurückgeführt werden. Es gibt wirksame und spannende Trainings für Kinder- und Jugendliche z. B. bei Lese-Rechtschreib-Störungen, bei depressiven Erkrankungen, bei ADHS oder zur Emotionserkennung.

TK: Und wenn dann doch Probleme oder gar Störungen im Zusammenhang mit Digitalisierung entstehen?

Dr. Paulus: Prävention ist immer am besten. Wenn das nicht möglich ist, benötigt man eine Behandlung, des Kindes oder Jugendlichen und den Einbezug der Eltern. Die Kernfrage in der Behandlung lautet: "Wie kann jemandem geholfen werden, der ein schädigendes Verhalten selbst nicht ändern möchte?"

An dieser Stelle wird durch die Gründung der "Ambulanz Digitalisierung Und Psychische Störungen" (ADUPS) der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes im Jahr 2020 eine bislang bestehende Versorgungslücke in der Großregion geschlossen. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Saarlandes unterstützt den Aufbau dieser Spezialambulanz.

Die Anmeldung von Patienten zu Behandlungen in der ADUPS erfolgt über das Sekretariat der Ambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Telefon:  0 68 41 - 16-242 33. Weitere Informationen gibt es in diesem Flyer.

Zur Person

Dr. Frank W. Paulus ist Psychotherapeut und war nach dem Studium der Psychologie in verschiedenen Bereichen an den Universitätskliniken des Saarlandes tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Computerspiel-Abhängigkeit und Cybermobbing,  psychische Störungen im Vorschulalter, ADHS und Angststörungen. Seit 2009 ist er Leitender Psychologe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar.