TK: Warum brauchen Ärzte zur Erkennung von Kindeswohlgefährdung eine Hilfestellung wie die App?

Dr. Uwe Schmidt: Wir wissen, dass Ärzte nicht alle Fälle von Kindeswohlgefährdungen erkennen, Unsicherheiten im Umgang mit dem Verdacht bestehen und nicht entsprechend reagiert wird. Seit 2012 existiert in Sachsen das Projekt "Verstetigung des medizinischen Kinderschutzes in Sachsen". Die Projektkoordinatorinnen haben die sächsischen Kinderkliniken bei der Gründung von Kinderschutzgruppen unterstützt.

Aktuell existieren in Sachsen 29 Kinderschutzgruppen, die die Indikatoren des Projektes "Verstetigung des medizinischen Kinderschutzes in Sachsen" erfüllen. Diese Indikatoren sind an die Empfehlungen bzw. den Leitfaden der Deutschen Gesellschaft Kinderschutz in der Medizin (DG KiM) angelehnt. Damit ist Sachsen deutschlandweit führend. 

Dieses Angebot erreicht jedoch nur die klinisch tätigen Kollegen. Gleichzeitig wird versucht, durch regionale Netzwerkbildung eine Kooperation zwischen den Kinderschutzgruppen, den Jugendämtern und den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen zu erreichen. Durch regelmäßige Veranstaltungen des Projektes werden diese Netzwerkbildungen unterstützt. 

Für die ambulant niedergelassenen Pädiater, Kinderchirurgen und Allgemeinmediziner soll durch die App ein weiteres adäquates Angebot geschaffen werden, um sie in ihrer Arbeit zu unterstützen und Handlungssicherheit in Fragen der Kindeswohlgefährdung zu erlangen.

TK: Wieso kann man Kindeswohlgefährdung so schwer erkennen? 

Dr. Uwe Schmidt: Nicht jeder Fall einer Kindeswohlgefährdung ist schwer zu erkennen. Bei klassischen Symptomen eines Schütteltraumas unter Berücksichtigung der entsprechenden Differenzialdiagnosen sind die Diagnosestellung und damit auch die Feststellung einer Kindeswohlgefährdung nicht schwierig.

Generell kann gesagt werden, dass bei schwerer körperlicher Misshandlung die Befundlage häufig eindeutig ist und die entsprechende Meldung erfolgt.

Es muss die Bereitschaft bestehen, in suspekten Fällen auch genauer hinzuschauen.
Dr. Uwe Schmidt

Schwieriger sind Fälle der Vernachlässigung, insbesondere Fälle der emotionalen oder kognitiven Vernachlässigung, da hier bei einem kurzen Arzt-Patienten-Kontakt nicht immer Auffälligkeiten erhoben werden können. Auch beim sexuellen Missbrauch besteht häufig eine spurenarme oder spurenfreie Befundlage.

TK: Hilft hier die App weiter?

Dr. Uwe Schmidt: Ja, die App gibt dafür spezielle Hinweise und Informationen. 

TK: Wie ist die rechtliche Situation der Ärzte - kann man Kindeswohlgefährdung "einfach so aufgrund eines Verdachts" zur Anzeige bringen? 

Dr. Uwe Schmidt: Grundsätzlich gilt für Ärzte in Deutschland die Schweigepflicht. Im Jahr 2012 trat das sogenannte Bundeskinderschutzgesetz in Kraft. Im Artikel 1 wird nun erstmalig das Recht auf fachliche Unterstützung bei der Beurteilung eines Kinderschutzfalles durch eine insoweit erfahrene Fachkraft des Jugendamtes, so genannte InsoFa's, geregelt. InsoFa's sind Spezialisten für Kinderschutz, also besonders qualifizierte Fachleute der Kinder- und Jugendhilfe.

Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit einer Meldung bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. Der Paragraf 34 des Strafgesetzbuches ("rechtfertigender Notstand") regelt unabhängig vom Bundeskinderschutzgesetz ausdrücklich die Möglichkeit der Meldung bei einer gegenwärtigen, nicht abwendbaren Gefahr für Leib und Leben. Grundlage einer Meldung muss der begründete Verdacht einer Kindeswohlgefährdung sein.

TK: Wie geht der Arzt "im Idealfall" bei einer vermuteten Kindeswohlgefährdung vor? 

Dr. Uwe Schmidt: Eine Kindeswohlgefährdung kann nur erkannt werden, wenn seitens der involvierten Ärzte die Bereitschaft besteht, in suspekten Fällen auch genauer hinzuschauen und die Möglichkeit eines Verdachts auf Kindeswohlgefährdung grundsätzlich mit in die Diagnostik einzubeziehen.

Diese App soll auch dem zumeist knappen Zeitkontingent des niedergelassenen Arztes Rechnung tragen.
Dr. Uwe Schmidt

Die Entscheidung zum weiteren Vorgehen im Verdachtsfall sollte idealerweise interdisziplinär im Rahmen einer Kinderschutzgruppe getroffen werden.

TK: Wo findet der Arzt die Kinderschutzgruppe?

Dr. Uwe Schmidt: Kinderschutzgruppen gibt es an Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin. In der App findet der Arzt die Kinderschutzgruppen, wenn er "Beratungsstellen" anklickt. Außerdem gibt es im Internet eine Übersicht.

TK: Und was macht die dann konkret?

Dr. Uwe Schmidt: Kinderschutzgruppen sind ein Interdisziplinäres Team am jeweiligen Krankenhaus, dass sich um Diagnostik und Behandlung von Fällen kümmert, bei denen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung besteht. Kinderschutzgruppen treffen organisatorische Vorgaben, stellen Verbindungen zu Jugendämtern her, informieren innerhalb der Kliniken über Kinderschutz, sind Ansprechpartner bei Verdacht.

Ein wesentlicher Aspekt bei der Diagnostik und dem weiteren Vorgehen ist auch die Einbeziehung der Eltern durch Gespräche entsprechend den Vorgaben des Bundeskinderschutzgesetzes.

TK: Was sind das beispielsweise für Vorgaben?

Dr. Uwe Schmidt: §8a SGB VIII schreibt vor, die Eltern bei der Gefährdungseinschätzung mit einzubeziehen, "soweit der wirksame Schutz des Kindes nicht dadurch in Frage gestellt wird." Das ist also eine Ermessensentscheidung je nachdem, wie schlimm der Fall ist und wie kooperationsbereit die Eltern sind. 

TK: Inwiefern kann die Digitalisierung das Engagement gegen Kindeswohlgefährdung unterstützen?

Dr. Uwe Schmidt: Die Digitalisierung des Leitfadens in Form der App bzw. der zugehörigen Homepage erlaubt es den Ärzten als Nutzer, in jeder Situation, in der ein Smartphone oder PC griffbereit zur Verfügung steht, auf die benötigten Informationen sofort zuzugreifen. 

Ein Leitfaden in Papierformat steht häufig im Bedarfsfall dann nicht zur Verfügung. Eine Umfrage unter sächsischen Ärzten zeigte, dass die in Papierform vorliegenden Leitfäden zum Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt bzw. Opfern von Gewalt in der Familie den Ärzten entweder gar nicht bekannt sind oder von den Ärzten nur selten genutzt werden.

Hier ist es wichtig, durch Informationen über die verschiedenen Kanäle (Ärztestammtische, Fortbildungsveranstaltungen, Artikel im sächsischen Ärzteblatt etc.) auf die App hinzuweisen. Weiterhin besteht die Möglichkeit, Wünsche der Nutzer auf Gestaltung und Informationsgehalt auch in der bestehenden App umzusetzen und sie somit den Bedürfnissen der Nutzer auch anzupassen.

Auch die Absicherung und Unterstützung bei der Entscheidungsfindung war ein wesentliches Anliegen bei der Entwicklung der App. Durch einen geleiteten Pfad wird der Nutzer befähigt, Verletzungsbilder zuzuordnen, weitere Befunde einzuschätzen und ein abschließendes Urteil fällen zu können, ob sich der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung erhärtet oder nicht. Basierend darauf sind auch die notwendigen weiteren Schritte schnell abrufbar und mit entsprechenden Materialien unterlegt. 

Diese App soll nicht zuletzt auch dem zumeist knappen Zeitkontingent des niedergelassenen Arztes Rechnung tragen.

Die App "Hans und Gretel"

Die App "Hans und Gretel" soll Ärzte bei der Diagnostik der Kindeswohlgefährdung unter Beachtung der juristischen Grundlagen der Untersuchung und insbesondere beim weiteren Vorgehen (Meldung an Jugendamt oder Polizei/Staatsanwaltschaft) unterstützen.

Nach dem Einloggen in die App wird dem Nutzer das Angebot unterbreitet, zunächst weitere Information zu erhalten oder direkt mit der Dokumentation zu beginnen. Für die Dokumentation bietet die App einen Dokumentationsbogen zum Download an, der im Checklisten- Format sicherstellt, dass alle relevanten Informationen (Anamnese, Befunde, weitere Maßnahmen) auch gerichtsverwertbar dokumentiert worden sind.

Sollten weitere Informationen gewünscht werden, so kann unter verschiedenen Kapiteln ausgewählt werden. Das Kapitel "Gewaltformen" beschäftigt sich mit den verschiedenen Formen einer Gewalteinwirkung, die anhand zahlreicher Bilder erläutert werden. Weitere Kapitel betreffen verschiedene Definitionen, diagnostische Hinweise, allgemeine juristische Grundlagen und die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Meldung eines Verdachts der Kindeswohlgefährdung (ärztliche Schweigepflicht, Bundeskinderschutzgesetz, rechtliche Regelungen zum Bruch der Schweigepflicht im Strafrecht und im ärztlichen Standesrecht).

Ein Schwerpunkt wurde auf eine detaillierte Auflistung von Beratungs- und Meldestellen sowie den regional aktiven Kinderschutz gelegt. Diese sind nach Landkreisen geordnet abrufbar und enthalten alle wesentlichen Informationen wie Postanschrift, Telefonnummern, Faxnummern und E-Mail-Adressen sowie die jeweiligen Sprechzeiten.

Im Kapitel "Dokumentation" werden wesentliche Informationen zu den Grundlagen der Beweissicherungsdokumentation, zur Verletzungslokalisation kinderunfalltypischer und nichtkinderunfalltypischer Verletzungen, dem Vorgehen im Verdachtsfall sowie ein Dokumentationsbogen und ein Meldebogen für die Meldung an das Jugendamt zum Herunterladen angeboten.