Kiel, 18. November 2019. Nach der Geburt sein Baby fest in den Armen halten und es am liebsten gar nicht mehr loslassen: Diesen Wunsch haben die meisten Eltern nach der Geburt ihre Kindes. Doch kommt ein Kind vor dem errechneten Entbindungstermin als Frühchen zur Welt, bedeutet dies in der Regel Brutkasten statt auf Mamas Brust zu liegen. Ein liebevoller Körperkontakt von Frühchen mit ihren Eltern ist nur eingeschränkt möglich, weil sie in den ersten Lebenswochen häufig viel Zeit im Inkubator verbringen. Damit die Frühgeborenen dennoch die Geborgenheit der Eltern spüren können, testet die Lübecker Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie eine digital gesteuerte Gelmatratze des Start-ups Babybe. Sie gibt den Kindern in der künstlichen Welt des Inkubators das Gefühl, sie lägen direkt auf dem Oberkörper der Eltern.

Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 60.000 Babys vor dem errechneten Entbindungstermin als Frühchen auf die Welt. Allein in der Kinderklinik des UKSH in Lübeck werden jährlich etwa 500 Frühgeborene betreut, darunter 80 mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm.

Bewegung, Atmung und Herzschlag werden auf das Baby übertragen

Durch ein schildkrötenförmiges Modul, das den Eltern auf den Oberkörper gelegt wird, werden Stimme, Herzschlag, Atmung und Körpergeräusche aufgezeichnet und per Funk auf die Gel-Matratze, auf der das Frühchen liegt, übertragen und wieder in Bewegungen und Töne umgesetzt. Mittels kleiner Lautsprecher wirken die Herztöne und die elterlichen Stimmen positiv auf den Säugling, führen sichtbar zu einer Entspannung und unterstützen seine psycho-soziale Entwicklung.

Studien zeigen, dass die sogenannte Känguru-Methode, bei der das Frühgeborene möglichst häufig auf der Brust der Mutter oder des Vaters liegt, die gesundheitliche Entwicklung der Kinder nachweislich unterstützt. Ergebnisse dieser Studien zum "Känguruhing" sind in die Entwicklung der bionischen Matratze des Stuttgarter Start-ups Babybe eingeflossen. "Das System ist ein sehr emotionales Beispiel für eine digitale Innovation, von der gerade die schutzbedürftigen Babys profitieren werden. Die Technik kann eine liebevolle Berührung zwar nicht ersetzen, vermittelt dem Neugeborenen in der künstlichen Welt des Inkubators aber ein Gefühl von Körpernähe und elterlicher Geborgenheit", sagt Sören Schmidt-Bodenstein, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein. "Wir sind überzeugt, dass die Matratze das Potenzial hat, die Versorgung der Frühchen weiter zu verbessern. Deshalb engagieren wir uns in diesem Projekt."

UKSH in Lübeck setzt Matratze ein

"Wir freuen uns, dass wir als erstes Krankenhaus in Schleswig-Holstein die Matratze erfolgreich auf der Kinder-Intensivstation einsetzen und im Stationsalltag erproben können", berichtet Prof. Dr. Christoph Härtel, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am UKSH-Campus Lübeck. "Ein herkömmlicher Inkubator kann lediglich eine schützende und wärmende Umgebung für das Frühgeborene herstellen. Die neue Babybe-Matratze kann einen permanenten körperlichen Kontakt zwischen Mutter oder Vater und dem Kind simulieren, auch wenn dieses alleine im Inkubator liegt".

Erste Eindrücke seien positiv, berichtet Dr. Kathrin Hanke, Neonatologin am UKSH: "Wir können im Vergleich feststellen, dass die Frühchen ruhiger sind, regelmäßiger atmen und sich insgesamt stabiler entwickeln als wenn die Matratze nicht vorhanden ist." 

Pilotstudie zeigt positive Effekte 

Erste Ergebnisse einer Pilotstudie des Babybe-Systems - der Name steht für "be with your baby" - mit 15 Frühchen in Chile deuten darauf hin, dass die bionische Matratze die Atemfrequenz von Frühchen senkt und die Gewichtszunahme beschleunigt. Diese Ergebnisse sollen jetzt in einer multizentrischen wissenschaftlichen Studie bestätigt werden, an der das UKSH in Lübeck teilnimmt. 

Babybe-Gründer und Mechatronikingenieur Raphael Lang: "Babybe ist aus der Idee entstanden, dem frühgeborenen Baby das Gefühl zu geben, ganz nah bei der Mutter oder dem Vater zu sein. Wir wollten aber auch die Sorgen der Eltern verringern und ihnen ein besseres Gefühl geben. Durch Babybe haben die Frühchen auch während der Abwesenheit der Eltern - beispielsweise während die Mutter zu medizinischen Untersuchungen muss - das Gefühl von Körperkontakt."

Zehn Kliniken nehmen an der Studie teil

Im Rahmen der TK-Kooperation mit dem Start-up Babybe werden bundesweit zehn Geburtskliniken der Maximalversorgung, sogenannte Level-1-Kliniken, zu einem vergünstigten Preis mit dem System ausgestattet. Die teilnehmenden Kliniken verpflichten sich im Rahmen der Kooperation, Daten für eine multizentrische wissenschaftliche Studie mit rund 230 Frühgeborenen zu liefern. Für die Studie kommt das Babybe-System bei jedem teilnehmenden Frühchen vier bis acht Wochen zum Einsatz.