"Weg frei für die Telemedizin" - so und ähnlich titelten einige Zeitungen, als die Delegierten des Deutschen Ärztetags im Mai 2018 das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung lockerten. Doch nicht nur Kosten- und Sicherheitsaspekte, sondern auch Planungsgespräche verzögerten teilweise die ersehnte Entwicklung. Inzwischen wird der Digitalisierungsprozess im Gesundheitswesen nun aber sogar noch schneller vorangetrieben. Hier erweist sich Corona sogar als Beschleuniger von Entwicklungen.

Jörn Simon

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Leiter der TK-Landesvertretung Rheinland-Pfalz

Dabei stellt die Pandemie jeden Einzelnen von uns vor große Herausforderungen und insbesondere das Gesundheitswesen muss vor Überlastung geschützt werden. Während das Virus in anderen Ländern Systemschwächen offen legt, darf man hierzulande bislang zu der Zwischenbilanz gelangen, dass die Politik Vieles richtig gemacht hat. Blickt man beispielsweise in die USA, so wird auf dramatische Weise deutlich, dass das amerikanische Gesundheitssystem eher ein „Schönwettersystem“ ist. In New York wurde die Sterblichkeit der beatmungspflichtigen Covid-19-Patienten laut des renommierten Journal of the American Medical Association auf weit über 80 Prozent beziffert. Angesichts dieser alarmierenden Daten dürfen wir offenbar zu Recht auf die Architektur unseres Gesundheitssystems vertrauen.

Videosprechstunde senkt Ansteckungsrisiko

Doch auch für uns hielt Corona Lektionen bereit: Eine davon ist die Erkenntnis, dass es gut gewesen wäre, in Sachen Digitalisierung ein paar Schritte weiter zu sein. Dass Videosprechstunden etwa für Ärzte und Versicherte eine große Entlastung sein können, war vor kurzem für viele Menschen noch Theorie. Die Pandemie zeigte dann eindringlich, dass ein virtueller Arzt-Patienten-Kontakt hilfreich ist, um das Ansteckungs-Risiko zu reduzieren. Gleichzeitig zeigt sich, dass es im deutschen Gesundheitswesen noch viel Potenzial für digitale Transformation gibt. Die Bundesregierung hatte mit Inkrafttreten des Digitalen Versorgungsgesetzes (DVG) zu Beginn dieses Jahres die Weichen gestellt, um digitale Versorgungsangebote im Alltag nutzbar zu machen, doch es fehlten Präzisierungen. Der Kabinettsentwurf des Patientendatenschutz-Gesetzes (PDSG) bessert hier nach.

Gleichwohl ist davon auszugehen, dass diesem "Digitalgesetz" noch weitere Gesetze folgen werden, um den Digitalisierungsprozess weiter auszugestalten. Das PDSG ist dem prioritären Grundsatz der Patientensouveränität und -sicherheit verpflichtet. Begrüßenswert ist, dass der Kabinettsentwurf den Ansatz verfolgt, die Zugriffsberechtigung in mehreren Umsetzungsstufen zu regeln, da dies Sicherheit schafft. Herzstück des Entwurfs ist die elektronische Patientenakte (ePA), welche als optionales Angebot zur Verfügung stehen wird. Die Datenhoheit liegt bei den Versicherten, nur sie entscheiden, ob sie ihre Daten mit ihren Ärzten teilen möchten. Doch für den weiteren Erfolg ist entscheidend, wie unkompliziert die Anwendungen genutzt werden können. Alle Daten, wie etwa Befunde, Arztbriefe und Rezepte des Versicherten, müssen daher auf einer Plattform - der ePA - aufzufinden sein. Patienten haben einen Anspruch darauf, dass Ärzte und Krankenhäuser diese auch befüllen. 

Geplante App in bestehende Angebote integrieren

Mit Inkrafttreten des PDSG dürften sich für die Versicherten weitere Vorteile auftun: Nicht nur die digitale Facharztüberweisung, sondern auch die Einführung des E-Rezepts für verschreibungspflichtige Arzneimittel ist ab dem 1. Januar 2022 als Anwendung der Telematikinfrastruktur (TI) vorgesehen. Nicht nachvollziehbar ist allerdings die Kompetenzerweiterung der gematik an dieser Stelle: Letztere soll für die Erstellung und Zulassung der App zuständig sein. Mit dieser Rolle würde sie in den freien Wettbewerb der Anbieter eingreifen.

Damit die Anwendungen als einfach und pragmatisch wahrgenommen werden, ist eine integrierte digitale Lösung alternativlos. Das bedeutet folglich, dass die geplante App der gematik für das elektronische Rezept in existierende Angebote der Krankenkassen (z.B. Frontend der ePA) integrierbar sein muss. Es wäre Versicherten nicht vermittelbar, warum sie für das E-Rezept und für zum Beispiel die Krankschreibung zwei verschiedene Apps benötigten.

Begrüßenswert ist auch, dass Versicherte Daten ihrer ePA freiwillig der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen können. Bedauerlich ist allerdings, dass Krankenkassen und Verbände nicht mehr zum Kreis der Nutzungsberechtigten - anders als im Referentenentwurf - zählen. Zum Aufgabengebiet von Krankenkassen gehören die Verbesserung der Versorgungsqualität und Analysen des Versorgungsgeschehens. Daher ist dieser Ausschluss nicht nachvollziehbar. Extrem hilfreich wäre in dem Zusammenhang zudem in der vertragsärztlichen Versorgung - wie im stationären Bereich - das Diagnosedatum tagesgenau abzubilden. Das würde sektorenübergreifende Analysen ermöglichen.

Sieht man von solchen noch ungeklärten Fragen ab, kommt die Digitalisierung dank dieses Entwurfs einen großen Schritt voran.