Hierzu hat die Techniker Krankenkasse (TK) den DiGA-Report erstellt. Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, beantwortet im Interview Fragen zu den wichtigsten Ergebnissen des Reports. Hamburg ist dabei nicht nur ein beliebter Standort für DiGA-Hersteller, sondern liegt auch bei der Nutzerquote vorn.

TK: Frau Puttfarcken, als bekannt wurde, dass künftig "Apps auf Rezept" verordnet werden dürften, hat das ein gewaltiges Echo hervorgerufen - weil Deutschland damit Pionier war. Wie sieht nach eineinhalb Jahren die Realität bei den Verschreibungen aus - und was weiß man über die Wirkung?  

Maren Puttfarcken: Das mediale Echo war tatsächlich immens. In der Praxis stellen wir fest, dass die "Apps auf Rezept" noch nicht in allen Arztpraxen angekommen sind. Bislang haben bundesweit 7.000 Ärztinnen und Ärzte Rezepte für DiGA ausgestellt - das sind vier Prozent der rund 180.000 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Seit Start der Digitalen Gesundheitsanwendungen im Oktober 2020 bis Ende Dezember 2021 hat die TK 19.025 Codes für DiGA ausgestellt. Das ist ein Ergebnis des neuen DiGA-Reports. Ein weiteres: Die Top 3 unter TK-Versicherten - also die am häufigsten verschriebenen Apps - sollen gegen Rückenschmerzen, Tinnitus und Migräne helfen.

Interessant ist auch, wer die meisten Apps verschrieben bekommt: Es sind nicht - wie man annehmen könnte - die vermeintlich digital-affinen Jüngeren, sondern die Altersgruppe der 50- bis 59-jährigen TK-Versicherten. Im Schnitt ist die DiGA-Nutzerin bzw. der -Nutzer 45,5 Jahre alt.

Zusätzlich haben wir Nutzerinnen und Nutzer von DiGA befragt. Deren Beurteilung fällt eher gemischt aus: 19 Prozent der Befragten geben an, dass die App ihre Beschwerden gelindert hat. 43 Prozent stimmen eher zu, dass die App ihnen geholfen hat. 34 Prozent geben jedoch an, dass die DiGA ihnen nicht oder eher nicht geholfen hat

Maren Puttfarcken

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Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

TK: Das klingt ernüchternd. Woran hakt es denn? 

Puttfarcken: Die Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) bieten durchaus die Chance, Krankheiten patientenorientiert und modern zu behandeln oder besser zu managen. Im Vordergrund muss aus Sicht der TK aber der medizinische Nutzen für die Patientinnen und Patienten stehen! Hier haben wir bisher nur wenig positive Beispiele - gleichzeitig aber sehr hohe Kosten. Das liegt an dem bisherigen Zulassungsverfahren. Aktuell prüft das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), welche Apps von den Krankenkassen übernommen werden können. DiGA-Hersteller müssen erst nach einem Jahr Erprobungszeit den Nutzen ihrer Anwendung belegen. Für diese Zeit können die Hersteller den Preis so gut wie frei festlegen. Erst danach werden die Preise zwischen Hersteller und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verhandelt. Im ungünstigsten Fall werden DiGA verordnet, die nachweislich keine Verbesserung in der Versorgung erbracht haben. Zum Beispiel haben bis März 2022 vier DiGA ihre Erprobungsphase beendet. Davon konnte nur eine Anwendung die Wirksamkeit beweisen. Die drei anderen DiGA konnten keinen Nutzen oder nur einen Teilnutzen nachweisen. Für diese drei Apps erstattete die TK bis Ende 2021 insgesamt 1,6 Mio. Euro. Zwar gibt es nun eine Höchstpreisbremse, allerdings reicht diese nicht aus: Sie greift erst ab 2.001 Rezepten und reduziert den Preis um 6,6 Prozent, wie eine Modellrechnung im DiGA-Report zeigt. An der Stellschraube der angemessenen Preisfindung sollte daher gedreht werden. Insbesondere dann, wenn der Bekanntheitsgrad der DiGA in den Arztpraxen wächst. 

Wo werden Apps auf Rezept verschrieben

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In Berlin und Nordrhein-Westfalen werden die meisten Apps auf Rezept verschrieben. Schlusslichter bei den Verschreibungen sind Bremen und das Saarland, so die Ergebnisse des DiGA-Reports 2022.

Der HIP, Initiativen der Stadt Hamburg und die Gesundheitswirtschaft Hamburg mit ihrem E-Health-Netzwerk sorgen seit einigen Jahren dafür, dass das Ökosystem für Start-ups in der Hansestadt verbessert wird. Maren Puttfarcken

TK: Gibt es im DiGA-Report auch konkrete Aussagen zu Hamburg? 

Puttfarcken: Hamburg und Berlin sind beliebte Standorte für DiGA-Hersteller: Zum Redaktionsschluss des DiGA-Reports Ende 2021 hatten zehn der damals 17 gelisteten Hersteller ihren Sitz in den beiden Metropolen. Der Health Innovation Port (HIP), bei dem die TK Gründungsmitglied war, weitere Initiativen der Stadt Hamburg, unter anderem die Beteiligung an der Gesundheitswirtschaft Hamburg mit ihrem E-Health-Netzwerk, sorgen seit einigen Jahren dafür, dass das Ökosystem für Start-ups in der Hansestadt verbessert wird und diese sich hier niederlassen. Hamburg liegt ebenfalls bei der Nutzerquote vorn: In der Hansestadt wurden rechnerisch 1,7 DiGA-Rezepte auf 1.000 TK-Versicherte ausgestellt. Bundesweit liegt dieser Wert bei 1,5. Insgesamt wurden in der Zeit von Oktober 2020 bis Ende 2021 810 DiGA-Rezepte bei der TK in Hamburg erstattet. Das eher ländlich geprägte Nachbarbundesland Schleswig-Holstein hat eine ähnlich hohe Nutzerquote: Hier wurden 1,6 DiGA je 1.000 TK-Versicherte in Anspruch genommen bzw. insgesamt 836 Rezepte ausgestellt. 

Unser Fazit ist: Die Vorteile der digitalen Gesundheitsversorgung - zeit- und ortsunabhängige Versorgung - liegen auf der Hand und sollten genutzt werden. Die DiGA-Einführung Ende 2020 war dafür ein wichtiger Schritt. Dennoch muss der Gesetzgeber dringend nachschärfen, damit der medizinische Nutzen für die Patientinnen und Patienten sichergestellt wird und die Kosten - angelehnt an die ambulante Versorgung - in einem angemessenen Rahmen bleiben.

Hintergrund

Bei den DiGA - häufig auch als "Apps auf Rezept" - bezeichneten Anwendungen handelt es sich um zertifizierte Medizinprodukte niedriger Risikoklasse (Risikoklassen I und IIa gemäß europäischer Medizinprodukterichtlinie), die im Wesentlichen auf digitalen Technologien, den Smartphone-Apps oder Browseranwendungen beruhen.