TK: Wann wurde Ihnen klar, dass Hessen am Beginn einer enormen Krise steht? Erinnern Sie sich noch, welche Gedanken Ihnen damals durch den Kopf gegangen sind?

Kai Klose: Ich kann dazu in der Erinnerung nicht den einen konkreten Zeitpunkt benennen. Hessen war durch die Rückkehrflüge aus Wuhan ja bereits Ende Januar mit dem Virus konfrontiert, als zwei Infizierte in der Universitätsklinik Frankfurt versorgt wurden. Der "erste" originär hessische Fall war dann am 27. Februar 2020 in Wetzlar.

Mit den erheblichen Einschränkungen und Kontaktverboten, die bundesweit in Kraft gesetzt wurden, war spätestens klar, dass wir es auch in Deutschland mit einer großen sozialen und ökonomischen Krise zu tun haben werden.

Kai Klose

Portrait des hessischen Sozialministers Kai Klose Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Hessischer Minister für Soziales und Integration

TK: Hessen ist bei der stationären Versorgung der COVID-19-Patienten seinen eigenen Weg gegangen. In dem von Ihnen mitentwickelten Stufenkonzept koordinieren sieben große Kliniken die Versorgung der Erkrankten. Die Behandlung der Intensivpatienten, die beatmet werden müssen, konzentriert sich ebenfalls auf diese sieben Krankenhäuser. Welche Ziele haben Sie mit diesem Konzept verfolgt, und hat sich diese Lösung aus Ihrer Sicht bewährt?

Klose: Ziel unseres Konzeptes ist, den Gedanken der Versorgung in der Region zu stärken. Das Stufenkonzept fördert den intensiven Austausch der Krankenhäuser in der Region und dient dem Wohl der Patientinnen und Patienten. Es ermöglicht praktisch, dass die Patientinnen und Patienten länger vor Ort versorgt werden können, weil im Hintergrund ein großes Krankenhaus bereitsteht, das helfen kann, sollte sich der Gesundheitszustand kritisch entwickeln.

Bei der Erarbeitung dieses Konzepts im Planungsstab stationäre Versorgung haben wir uns an den Erfahrungen in anderen Staaten orientiert. Dort hat sich gezeigt, dass es medizinisch günstig ist, wenn die Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern behandelt werden, in denen viel Erfahrung mit Beatmung besteht. Dazu zählen neben den koordinierenden Krankenhäusern eine Reihe weiterer, allein im Versorgungsgebiet Frankfurt-Offenbach gibt es sechs davon.

Wir stützen uns also zentral auf die sieben koordinierenden Krankenhäuser, aber eben nicht nur auf diese. Es sind im Laufe der Zeit eine Reihe von Level-2-Krankenhäusern hinzugekommen, die ebenfalls beachtliche Erfahrung bei der Behandlung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten erworben haben. Exemplarisch nenne ich an dieser Stelle das Kreiskrankenhaus Erbach im Odenwald. Dieses Krankenhaus war in dem schwer getroffenen Landkreis eine zentrale Stütze der Versorgung.

Dieses Konzept hat sich in vollem Umfang bewährt. Der Austausch zwischen den Krankenhäusern, den Rettungsdiensten, der Kassenärztlichen Vereinigung, den Gesundheitsämtern, dem Katastrophenschutz und vielen anderen ist wesentlich enger geworden. Dies hilft uns nicht nur bei der COVID-19-Pandemie, sondern auch in anderen Situationen, denken Sie zum Beispiel an die jährliche Grippewelle.

Bewohnerinnen und Bewohner von Altenpflegeheimen sind überproportional stark betroffen. Wenn es uns gelingt, in der Krise Strukturen zu schaffen, die dauerhaft halten, könnten wir der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen. Auch für die sektorenübergreifende Zusammenarbeit ist die aktuelle Struktur ein echter Schub.

TK: Die Coronakrise hat gezeigt, dass die Digitalisierung eine enorme Unterstützung für das Gesundheitswesen ist. Welche digitale Anwendung war aus Ihrer Sicht in der Krise eine besonders große Entlastung und gibt es ein digitales Tool, das Sie vermisst haben?

Klose: Die schnellen Maßnahmen und unbürokratischen Entscheidungen haben dafür gesorgt, dass das Interesse an digitalen Gesundheitsanwendungen deutlich gestiegen ist. Wie mir seitens der Ärzteschaft berichtet wurde, ist die Videosprechstunde, die einen enormen Anstieg verzeichnet, eine große Entlastung für alle Beteiligten. Insgesamt hat die Coronakrise die Annäherung der Selbstverwaltung an die digitale Versorgung im Gesundheitswesen befördert.

Viele der digitalen Tools sind bereits seit längerem auf dem Markt. Die Coronakrise hat gezeigt, dass die Anbieter solcher Technologien schnell auf die aktuellen Bedürfnisse reagieren können. Beispielsweise erleben digitale Gesundheitsanwendungen wie Apps derzeit einen Boom. Hier dürfen wir bei allem Enthusiasmus nicht aus den Augen verlieren, dass diese neuen digitalen Angebote auch einen empirisch belegbaren Nutzen haben müssen und die Nutzer sich auf die Datensouveränität und den Datenschutz verlassen können - ganz besonders, weil es um Gesundheitsdaten geht.

In Hessen ist das digitale System IVENA seit dem Jahre 2012 landesweit als internetbasiertes Steuerungs-Zuweisungssystem für den Rettungsdienst und die weiterversorgenden Kliniken erfolgreich im Einsatz. In Hessen haben wir IVENA frühzeitig zur Unterstützung der Bewältigung der COVID-19 Pandemie zu einem zentralen Informations- und Berichtsinstrument durch die Etablierung einer zusätzlichen digitalen Meldeplattform "Sonderlage" ausgebaut. Zusätzlich wurde der Bestand an Beatmungsgeräten und persönlicher Schutzausrüstung erfasst.

Ziel der Erweiterung ist es, der Geschäftsführung, den verantwortlichen Ärzten, den Verantwortlichen der Gesundheitsämter, den Ärztlichen Leitern des Rettungsdienstes sowie dem HMSI eine durchgängige und einheitliche Informationsgrundlage zu geben. Für die Meldenden und die zuständigen Behörden konnte der Aufwand auf die notwendigsten Informationen reduziert werden; und Informationen zu auftretenden Ressourcenengpässen schneller bei den Verantwortlichen der zuständigen Landesbehörde, Gesundheitsämtern und Rettungsdienst vorliegen.

Weiterhin unterstützt die digitale Plattform IVENA die Zusammenarbeit der Beteiligten und den Datenaustausch zwischen den Kliniken und insbesondere den intensivmedizinisch Verantwortlichen, sodass auch ein fachlicher Austausch zu Fragen der intensivmedizinischen Versorgung effektiver untereinander bearbeitet werden kann, um den notwendigen ressourcenschonenden Einsatz z.B. der Beatmungsressourcen zu gewährleisten. 

Es war absehbar, dass neben den akutstationären Versorgungskapazitäten in Hessen auch das ambulante Versorgungssystem sehr stark in Anspruch genommen wird. In dieser Phase wurde eine Koordinierung der sektorenübergreifenden Versorgung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten, insbesondere auch im Bereich der ambulanten Versorgung, unerlässlich. Ziel ist die Reduzierung unnötiger Transporte des Rettungsdiensts sowie die Entlastung der Notaufnahmen in Krankenhäusern bei ambulant zu versorgenden Patienten unter dem Grundsatz ambulant vor stationär. Erreicht wird diese Patientenführung durch eine transparente Darstellung der in den einzelnen Sektoren jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen. Durch die Anbindung der COVID-19-Schwerpunktpraxen an IVENA wird auch künftig eine gemeinsame Nutzung der Versorgungsebenen möglich. 

Die digitale Vernetzung der sektorenspezifischen Systeme Krankenhäuser, ambulanter Sektor und Rettungsdienst, ermöglicht somit die Vernetzung als Gesamtsystem. Über die jeweilige aktuelle medizinische Versorgungssituation ist es den Beteiligten möglich, frühzeitig Belastungssituationen zu bewerten und entsprechende Maßnahmen zu veranlassen. Die digitale Meldeplattform IVENA bietet die nötige Flexibilität, um das System bei Bedarf an die Situation anpassen zu können. Es hat so wesentlich zur Bewältigung der akuten COVID-19-Lage beigetragen.

TK: Wie lautet Ihr wichtigstes Fazit aus der Krise bisher? Was würden Sie wieder so machen und was würden Sie vielleicht rückblickend anders handhaben?

Klose: Für ein Gesamtfazit ist es noch zu früh, auch wenn wir das Virus derzeit im Griff zu haben scheinen, ist die Krise noch nicht überstanden. Früh belastbare Strukturen zu schaffen und die ambulanten und stationären Strukturen genau wie den öffentlichen Gesundheitsdienst kommunikativ eng anzubinden, ist sicher ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg. Dazu gehört auch der Zusammenhalt eines so hoch engagierten Teams, das den Willen hat, die Krise gemeinsam zu bewältigen. Aber es gelten auch zwei banale Sätze: Jede Krise ist anders. Und hinterher ist man immer schlauer. Deshalb ist die Schlussphase jedes Pandemieplans stets ein "lessons learned".

Zur Person

Kai Klose ist seit 18. Januar 2019 Hessischer Minister für Soziales und Integration. Von Oktober 2017 bis Januar 2019 war er Staatssekretär und Bevollmächtigter für Integration und Antidiskriminierung im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Der Idsteiner ist von Beruf Lehrer und war von 2009 bis 2017 Mitglied des Hessischen Landtages, was er nun wieder ist.