TK: Frau Dr. Landgraf, Sie gelten als Vorreiterin, wenn es um die Digitalisierung in der Pflege und Praxis geht. Welche Chancen sehen Sie in den digitalen Abläufen?

Dr. Irmgard Landgraf: Wenn man die Digitalisierung in Pflege und Praxis im Bereich der stationären Pflege bewerten will, ist es wichtig, zu verstehen, warum ärztliche Pflegeheimversorgung so herausfordernd ist und eben oft nicht optimal gelingt. Bewohner in Pflegeheimen sind ja in der Regel nicht nur alt und multimorbide, sondern auch häufig von Polypharmazie betroffen. Aufgrund kognitiver oder körperlicher Einschränkungen brauchen sie rund um die Uhr Unterstützung durch Pflegekräfte. Diese sind auch für die gesundheitliche Versorgung und die Therapie-Sicherheit zuständig und müssen dazu eng mit den zuständigen Hausärzten zusammenarbeiten. Und genau das ist schwierig. Denn in Deutschland arbeiten cirka 90 Prozent der pflegeheimversorgenden Ärzte hauptberuflich in ihren Praxen und nicht im Pflegeheim. Im Bedarfsfall müssen Ärzte angerufen und informiert werden. 

Nicht alle Ärzte sind außerhalb der Praxiszeiten telefonisch erreichbar. Während der Sprechstunden aber ist der Praxisanschluss oft dauerhaft besetzt oder es kann nur der Anrufbeantworter oder eine medizinische Fachangestellte erreicht werden. Ein versprochener Rückruf von uns Ärzten scheitert dann oft daran, dass Pflegekräfte während ihrer Arbeit nicht immer sofort ans Telefon gehen können oder die zuständige, unseren Patienten und seine Probleme gut kennende Pflegekraft eventuell schon gar nicht mehr im Dienst ist.

Zur Person:

Dr. Irmgard Landgraf arbeitet seit 1993 als niedergelassene Hausärztin und Fachärztin für Innere Medizin. Bereits seit 2001 betreut sie ein Pflegeheim telemedizinisch.

So müssen Informationen von einem zum anderen weitergegeben werden mit dem Risiko, dass sie verloren gehen oder Missverständnisse entstehen und dass deshalb eine adäquate ärztliche Intervention erst nach Tagen oder gar nicht erfolgt. Das geht natürlich zu Lasten der Behandlungs- und Patientensicherheit. Es kommt so immer wieder zu eigentlich vermeidbaren dramatischen Krankheitsentwicklungen oder stationären Einweisungen multimorbider Pflegeheimbewohner, die den Patienten selbst, aber auch die Versorgungsstrukturen belasten.

Hier kann Digitalisierung und digitale Vernetzung als ein ideales Instrument genutzt werden, die so bedeutsame sektorenübergreifende Kommunikation zwischen niedergelassenen Ärzten und Pflegekräften im Heim einfacher und sicherer zu machen. 

In dem von mir seit 1996 betreuten Pflegeheim kommunizieren Pflegekräfte und Ärzte bereits seit 2001 digital vernetzt über die elektronische Pflegeheim-Akte miteinander, das heißt, die telefonische Erreichbarkeit ist unwichtig. Wir tauschen orts- und zeitunabhängig jederzeit wichtige Informationen aus. Wir erreichen uns damit zeitnah, nämlich innerhalb weniger Stunden, ohne unsere Arbeit für diese Kommunikation unterbrechen zu müssen. Wir lesen und reagieren auf die digitalen Nachrichten dann, wenn wir Zeit haben, uns auf den betreffenden Patienten zu konzentrieren. Der gesamte Kommunikationsprozess ist digital natürlich schriftlich fixiert und deshalb für alle an der Versorgung Beteiligten nachvollziehbar. Diese Transparenz erhöht die Behandlungssicherheit gravierend. 

Wichtig ist auch, dass mich alle wichtigen Informationen sicher und innerhalb weniger Stunden aus erster Hand, nämlich von der zuständigen Pflegekraft, erreichen. Und ich kann umgehend auch ohne Heimbesuch mit Handlungsanweisungen, diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen und bei Bedarf auch Visitenplanungen reagieren. Die Pflegekräfte wiederum können meine Anordnungen sehr rasch, meist taggleich, und sicher umsetzen, da sie schriftlich vorliegen. 
Ganz wichtig ist neben dieser Optimierung der Zusammenarbeit aber auch, dass mir der Zugang zur digitalen Pflege-Akte ermöglicht, online ein für geriatrische, multimorbide Pflegebedürftige unverzichtbares regelmäßiges Controlling der haus- und fachärztlichen Medikation durchzuführen und orientiert an den von Pflegekräften dokumentierten Behandlungsverläufen immer wieder zu priorisieren: Ist die Behandlung noch sinnvoll, kann sie reduziert oder vielleicht abgesetzt werden? 

Digitalisierung, so wie wir sie praktizieren, bietet die Chance, über eine Optimierung der intersektoralen Zusammenarbeit die Versorgungsqualität in der stationären Pflege zu verbessern und den Pflegeberuf sowie die ärztliche Pflegeheimversorgung attraktiver zu machen. Wir sind davon überzeugt, dass wir es so auch schaffen können, den Herausforderungen der Zukunft in einer älter werdenden Gesellschaft mit zunehmend komplexeren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten und dem erwartetem Anstieg stationärer Pflegebedürftigkeit gerecht zu werden.

TK: Wie kann die Digitalisierung die Gesundheit der Pflegenden verbessern? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Landgraf: Digitalisierung entlastet alle im Versorgungsteam. Insbesondere für Pflegekräfte, die ja nah am Patienten arbeiten und sein Leid hautnah miterleben, ist es ganz wichtig, bei allen Beschwerden möglichst bald helfen zu können. Und das ist meist nur mit schriftlich vorliegender ärztlicher Anordnung möglich. Digital vernetzt bekommen sie diese schnell, bei herkömmlicher Pflegeheimversorgung müssen sie oft tagelang und zeitaufwendig versuchen, vom behandelnden Arzt eine schriftliche Handlungsanweisung zu bekommen. 
Auch das asynchrone Arbeiten erleichtert uns allen die Arbeit. Wir müssen uns nicht gegenseitig stören, um Fragen zu stellen, Hinweise oder Antworten zu geben. Wenn nicht ein dringender Notfall eine sofortige Entscheidung erfordert, können wir gut über die digitale Pflege-Akte kommunizieren. 

Für Pflegekräfte ist es entlastend, dass sie auffällige Befunde immer umgehend, auch mitten in der Nacht, über die e-Akte an mich weitergeben können und sich nicht damit beschäftigen müssen, wer vom Pflegeteam es hoffentlich schafft, mich rechtzeitig und richtig zu informieren. Und wenn sie zum nächsten Dienst kommen, finden sie in der e-Akte meine Reaktion oder meine Antwort. Diese niedrigschwellige Art des Informationsaustauschs macht es den Pflegekräften leichter, mir auch Kleinigkeiten mitzuteilen, sodass ich wirklich zeitnah über alle Frühsymptome informiert bin und hochgradig präventiv arbeiten kann.

Unsere hohe Berufszufriedenheit zeigt sich auch darin, dass die Fluktuation von Ärzten und insbesondere Pflegekräften gering und der Krankenstand niedrig ist. Wir haben bisher noch nie Leasingkräfte gebraucht. So habe ich das Glück, seit zum Teil zehn bis 20 Jahren immer mit nicht nur kompetenten, sondern auch mir bekannten und vertrauten Pflegekräften zusammenarbeiten zu können. Sie bezeichnen unsere Zusammenarbeit als „e-learning jeden Tag“. Zusätzlich führen wir natürlich auch regelmäßig gemeinsame Fortbildungen durch. Im Ergebnis steigt durch unsere intensive, digital vernetzte Zusammenarbeit die Kompetenz sowohl im pflegerischen als auch im ärztlichen Bereich. Und wir sehen die Resultate unserer Versorgungsqualität: Unsere Pflegeheimbewohner sind zufrieden, selten im Krankenhaus, brauchen weniger Medikamente als vergleichbare Patienten und haben auch im Pflegeheim Lebensqualität.  

TK: Künstliche Intelligenz wird Einzug ins Gesundheitswesen halten. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an "KI" speziell in der Pflege denken?

Landgraf: Zu KI in der Pflege fällt mir spontan ein, dass mir im Bereich der ärztlichen Versorgung pflegebedürftiger, multimorbider Patienten wichtige Hinweise gegeben werden, zum Beispiel zu möglichen Interaktionen von Medikamenten, zur Interpretation von Symptomen bei kommunikationsgestörten Patienten, wenn sie aufgrund ihrer kognitiven oder körperlichen Einschränkungen keine umfangreichen diagnostischen Maßnahmen durchführen lassen können. 

TK: Zum Abschluss eine ganz analoge Frage: Wie erholen Sie sich nach einem langen Tag in der Praxis?

Landgraf: Meine Familie lenkt mich ganz schnell vom Alltagsstress ab. Außerdem lese ich gerne, koche, wenn es meine Zeit erlaubt, und zwar am liebsten neue, bisher nicht bekannte Gerichte, und hege meinen Kräutergarten.