TK: Kürzlich ist das Klinikum Darmstadt von Focus Money zum zweiten Mal als "Digital Champion" ausgezeichnet worden. Die Analyse des Magazins hat ergeben, dass Ihr Haus unter den öffentlichen Krankenhäusern in Deutschland das innovationsfreudigste ist. Was machen Sie denn anders als andere Kliniken?

Clemens Maurer: Digitalisierung ist für uns kein Muss, sondern Leidenschaft. Wir haben schon früher als andere das Thema aufgegriffen und zur Chefsache gemacht, das heißt bei der Geschäftsführung angesiedelt. Es handelt sich für uns um ein strategisches Thema, das im Haus mit allen Bereichen und Berufsgruppen kommuniziert wird.

Clemens Maurer

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Geschäftsführer der Klinikum Darmstadt GmbH und Sprecher der Geschäftsführung

Für Digitalisierung haben wir seit Jahren ein kontinuierliches Budget, das über dem anderer Häuser liegt. Somit haben wir auch keinen Investitionsstau, sondern kontinuierliche Investitionen in IT und Medizintechnik. Die jüngst durchgeführte Reifegradmessung, die im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) notwendig ist, hat uns einen hohen Digitalisierungsgrad bescheinigt. Bei dieser Messung wird der digitale Reifegrad der vorhandenen Hard- und Software, Anwendungen und Durchdringung gemessen. Das Ergebnis zeigt auf, wo das Haus steht und welches Entwicklungspotential in welchen Bereichen noch besteht. 

Es ist gut, dass das KHZG das Thema in den Krankenhäusern jetzt voranbringen wird und dafür Geld zur Verfügung gestellt wird. Dieses Gesetz kann aber nur ein erster Schritt sein. Bisher sind die bürokratischen Hürden einfach zu hoch, um einen echten Schub auslösen zu können.

TK: Warum setzt das Klinikum Darmstadt so stark auf die Digitalisierung? Was treibt Sie an?

Maurer: Wir sind davon überzeugt, dass die digitale Transformation eine nachhaltige Verbesserung im Versorgungsangebot und in der Versorgungsqualität für Patientinnen und Patienten zur Folge hat. Wir setzen auch darauf, dass die Digitalisierung spürbare Entlastungen für unsere Mitarbeitenden mit sich bringt. Beide Themen - Qualität und Entlastung - sind für Krankenhäuser heute eminent wichtig. Um Prozesse verschlanken zu können, gilt es, diese ganzheitlich und nachhaltig zu analysieren, um sie danach in deutlichen kosteneffizienteren Abläufen zu harmonisieren.

Die digitale Transformation bringt eine nachhaltige Verbesserung für Patientinnen und Patienten.
Clemens Maurer

Digitalisierung heißt für uns: Mitarbeitende können (je nach Berechtigungszugriff) zu jeder Tages- und Nachtzeit auf alle Informationen, die sie für ihre Arbeit benötigen, über ein Medium digital zugreifen. 

TK: Stellen wir uns vor, dass die fiktive Patientin "Anna Müller" mit einer Blinddarm-Entzündung zu Ihnen in die Klinik kommt. Welche digitalen Prozesse würde Frau Müller bei Ihnen "auslösen" - von ihrer Aufnahme ins Krankenhaus an bis zu ihrer Entlassung?

Maurer: Ab der stationären Aufnahme bis zur Entlassung werden alle Informationen der Behandlung, wie Aufnahme-, Diagnose-, OP-, Pflege,-Therapie-, Bild-, Medikations-, Abrechnungs- und Entlassdaten digital gespeichert. Die interne Leistungs- und Befundkommunikation, wie Labor- Radiologie-, Physiotherapieauftrag wird digital erbracht. Auch die Abrechnungsdaten mit den Kostenträgern werden digital ausgetauscht. Natürlich werden alle Daten entsprechend ihrer Kategorisierung in digitalen Archivsystemen gespeichert.

Daten- und Sicherheitsschutz erfolgt nach Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) und des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik. Als eines der 100 größten Krankenhäuser in Deutschland unterliegen wir besonders hohen Anforderungen als Teil der kritischen Infrastruktur und haben gerade ein Audit nach dem "Branchenspezifischen Sicherheitsstandard für die Gesundheitsversorgung im Krankenhaus (B3S)" mit sehr gutem Ergebnis erzielt. 

TK: Inwieweit profitieren auch die Patientinnen und Patienten ganz unmittelbar von der zunehmenden Digitalisierung in Ihrem Haus?

Maurer: Durch den Zugriff rund um die Uhr auf alle relevanten Daten, auf aktuelle und vergangene Informationen zu einer Patientenbehandlung, können die behandelnden Ärztinnen und Ärzte sowie die Pflegekräfte diese sofort einsehen und sich damit ein ganzheitliches Bild zur aktuellen Situation in Verbindung mit historischen Verläufen machen. Das spart Zeit beim Suchen von "Altdaten".

Handschriftliche Dokumente, die schlecht zu lesen sind, fallen weg. Alle Informationen sind zentral in einer Patientenakte im Haus vorhanden. Das erhöht die Behandlungsqualität und kommt dem Behandlungsablauf in der Klinik zugute. Alle Patientinnen und Patienten profitieren von großen Monitoren an ihren Betten, auf denen zum Beispiel digitale Zeitungen und Zeitschriften bereitstehen, die aber auch Schulungsvideos enthalten - zum Beispiel zu Atemübungen oder Stillempfehlungen. Bereits die Aufnahme ins Krankenhaus erfolgt über ein digitales Buchungssystem. 

Bereits die Aufnahme ins Krankenhaus erfolgt über ein digitales Buchungssystem.
Clemens Maurer 

TK: Wer ist in Ihrem Haus Treiber der Digitalisierung? Entscheidet die Geschäftsführung allein, welche digitalen Projekte angepackt werden, oder gibt es ein ganzes Team, das den digitalen Prozess gestaltet?

Maurer: Wir, die Geschäftsführer und unser "Chief Information Officer" (IT-Chef), sind und waren sicherlich die wesentlichen Treiber. Doch der Kreis der Unterstützenden wurde und wird mehr, denn vielen wird klar, digitale Transformation bietet für jeden einzelnen Mitarbeitenden und für die Patientinnen und Patienten viele Chancen einer modernen Gesundheitsversorgung.

TK: In der Belegschaft eines Krankenhauses gibt es sicherlich nicht nur digitalaffine Menschen. Wie haben Sie es geschafft, eventuelle Vorbehalte beim Personal abzubauen und alle bei der digitalen Transformation mitzunehmen?

Maurer: Mit Reden, Mitnehmen, Überzeugen und Transparenz. Wir zeigen die Zukunft sowie die Wichtigkeit der Digitalisierung auf und beginnen Stück für Stück mit kleinen Projekten, die einen schnellen Erfolg sichtbar machen. Wir schaffen es so, unser Klinikum als innovativen und modernen Arbeitgeber zu positionieren. Jedes erfolgreiche Projekt zahlt auf uns als interessanten digitalen Arbeitgeber ein.

TK: 2017 wurde die Stadt Darmstadt vom Branchenverband bitkom zur "Digitalen Stadt" ernannt. Innerhalb von zwei Jahren sollte Darmstadt zu einer digitalen Modellstadt werden, von der andere Städte und Gemeinden lernen können. Für Außenstehende sieht es allerdings so aus, als sei - zumindest im Bereich Gesundheitswesen - aus diesem Vorhaben nicht sehr viel geworden. Wie kann das sein, wo doch ausgerechnet die Stadt Darmstadt über den "Digital Champion" vor Ort verfügt? 

Maurer: Wir haben als kommunaler Maximalversorger den Prozess begrüßt und unterstützt. Allerdings kann das Klinikum Darmstadt nicht Leistungen erbringen, die außerhalb des Versorgungsauftrages liegen. In den letzten zwei Jahren haben wir uns auf unser Kerngeschäft und auf den Krankenhaus-Neubau konzentriert. Der Umzug vieler Kliniken in einen Zentralen Neubau auf unserem Campus in der Innenstadt hat das Klinikum auf einen ganz neuen innovativen Stand mit viel neuer Medizintechnik gehoben.

Aktuell gibt es ein gemeinsames Projekt mit der Digitalstadt Darmstadt GmbH, das kurz vor der Ausschreibung steht. Dabei wird es um digitale Unterstützung in der Therapie von Patientinnen und Patienten der Klinik für psychosomatische und onkologische Medizin sowie Psychotherapie gehen. Auch durch die Ausgestaltung des KHZG musste vieles, was angedacht war, neu überdacht werden. Inwieweit es zu neuen Projekten im Umfeld der bitkom-Thematik kommen kann, muss dabei noch geklärt werden.

Zur Person

Clemens Maurer ist seit 2013 Geschäftsführer der Klinikum Darmstadt GmbH und Sprecher der Geschäftsführung. Der gelernte Diplom-Verwaltungswirt und Krankenhausbetriebswirt ist seit 18 Jahren im Krankenhausmanagement aktiv, davor arbeitete er acht Jahre im Reha-Management.

Bevor er nach Darmstadt kam war Maurer als Manager für Veränderungsprozesse in öffentlichen Krankenhäusern für das Beratungsunternehmen Nordlicht Management Consultants in Hamburg tätig. Davor war Maurer Geschäftsführer in der Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinik Bergmannsheil GmbH in Bochum und im Katholischen Klinikum Duisburg gGmbH. Clemens Maurer ist Vorstandsmitglied der Hessischen Krankenhausgesellschaft und Vorstandsvorsitzender des Klinikverbunds Hessen.