Liebe Leserinnen, liebe Leser,

unsere Glosse startet mit einer einfachen Frage: "Wann waren Sie oder ein Bekannter zuletzt in einer Videothek?". Die wenigsten können diese Frage ohne großes Zögern beantworten. Deswegen erhalten Sie eine zweite Chance: "Wie oft waren Sie oder ein Bekannter vor 10 Jahren in einer Videothek?"

Selbst die Bibliophilsten unter uns werden damals regelmäßig eine Videothek von innen gesehen haben. Nicht selten standen wir verzweifelt vor dem leergefegten DVD-Regal und suchten nach dem letzten Steckkärtchen. Doch was vor einem Jahrzehnt noch alltäglich war, ist heute nur noch die Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Allein die blanken Zahlen deuten das Ende der Videotheken an. Die Anzahl an Videoverleihgeschäften beträgt anno 2019 nur noch gut ein Fünftel des Jahres 2008.

Wie konnte das passieren?

Das Geschäftsmodell des stationären Videoverleihs funktionierte gleichermaßen einfach wie genial. Es gab keinen anderen legalen Weg die neuesten Filme in ansprechender Qualität zu sehen als diese in der Videothek auszuleihen. Mit Internet-Flatrates und legalen Streaming-Anbietern wurde die Videothek ein Fall für die Mottenkiste. Erstaunlicherweise vermissen die wenigsten Menschen es ewig in einer Warteschlange anzustehen, den gewünschten Film nicht zeitnah vorzufinden oder gar Gebühren für Extra-Leistungen aufzuwenden. 

Stattdessen haben Streaming-Anbieter ihr Geschäftsmodell in der Schnittstelle zwischen Nutzer und Videothek platziert. Allein ein bekannter US-amerikanischer Dienstleister besitzt knapp 100 Millionen Nutzer mit der Lizenz zum Streaming und dabei ist der Filmservice nicht das Kerngeschäft des Anbieters.

Wenn das Versorgungserlebnis den Bedarf der Nutzer deckt und mit einem positiven Erlebnis verbunden ist, wird das Angebot genutzt. Vielleicht sollten wir einmal über diese Entwicklung nachdenken.

Wie schwierig dürfte es wohl sein eine digitale Konsultationsflatrate zu einem deutschsprechenden Behandler außerhalb unseres Bundeslands einzurichten? Vermutlich deutlich einfacher als eine quasi allumfassende Videoverleihplattform.

Was können wir daraus lernen?

Wenn wir nicht wollen, dass ein erheblicher Teil der Bruttowertschöpfungskette und der akademisch domestizierten Fachexpertise in Steueroasen abwandert, müssen wir den digitalen Wandel gemeinsam angehen.

Wir, die Akteure der Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern, haben die einmalige Chance den Digitalisierungsprozess des Gesundheitswesens mitzugestalten. Dies ist ein Luxus den traditionsreiche deutsche Versandhändler, Videotheken, Bibliotheken, Verlagshäuser, soziale Netzwerke oder das Hotel- und Gastgewerbe nicht mehr haben.

Lassen Sie uns das digitale Gesundheitswesen gemeinsam gestalten, bevor es andere ohne uns tun.