Kommt jetzt die Turbo-Digitalisierung im Gesundheitswesen? Sie muss, denn wir haben gar keine andere Wahl. Wenn wir jetzt nicht die richtigen Weichen stellen, wird sich dies rächen - mit Blick auf eine bessere Versorgung, aber auch mit Blick auf die Tech-Giganten aus Übersee, die bereits in den Startlöchern sitzen.

Die Pandemie hat gezeigt, wie zentral die Digitalisierung auch für das Gesundheitswesen ist. Corona hat dafür gesorgt, dass sich Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten stärker als jemals zuvor mit dem Thema digitale Gesundheit auseinandergesetzt haben. Allein bei den telemedizinischen Ansätzen haben wir während der Pandemie eine Verhundertfachung erlebt. Vor Corona galten Ärztinnen und Ärzte, die Videosprechstunden angeboten haben, als Exotinnen und Exoten. Nun sind Online-Sprechstunden Versorgungsalltag in den Praxen. Wie oft bei Innovationen: Erst wenn der Nutzen deutlich vor Augen geführt wird, setzen sie sich durch. 

Tech-"Riesen" sitzen in den Startlöchern

Diesen Wandel in den Köpfen gilt es nun auch langfristig zu nutzen, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen weiter voranzubringen und um nicht abgehängt zu werden. Tech-Konzerne aus den USA und China entdecken zunehmend den Gesundheitsmarkt für sich. Beim Online-Einkauf steuern Algorithmen den Kundinnen und Kunden schon heute Angebote zu. Ähnlich könnte das zukünftig auch im Gesundheitswesen sein: Mit einem Klick bekommen die Patientinnen und Patienten einen Arzttermin und das von Tech-"Riesen" engagierte Taxi steht automatisch vor der Tür, um sie abzuholen. Machen wir uns nichts vor: Wenn eine App bequem ist und einen Mehrwert bietet, stellen die Menschen ihre Daten leider auch "Kraken" zur Verfügung.

Wir alle nutzen Navigations-Apps, weil sie hervorragend funktionieren und praktisch sind - obwohl wir alle nur zu gut wissen, dass die Datenvertraulichkeit nicht bei allen gegeben ist. Warum sollte diese Gefahr vor Anwendungen im Gesundheitsbereich Halt machen? Wir müssen daher im geschützten deutschen Gesundheitswesen selbst funktionierende, praktische und vor allem datenschutzsichere Lösungen anbieten, damit sich die Menschen für Nutzung unserer Apps entscheiden und nicht für die Alternativen aus China und den USA. 

Die ePA als Herzstück

Das Herzstück eines digitalisierten Gesundheitswesens wird dabei die elektronische Patientenakte (ePA) sein. Patientinnen und Patienten werden von überall Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten haben. Diese Daten können sie - wenn sie dies wollen - auch jederzeit ihren Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung stellen. Mit Gesundheitsdaten sind hier ausdrücklich nicht nur "klassische" Datensätze, wie Befunde, Arzneimittelverordnungen oder Impfdaten gemeint, sondern auch Informationen, die diverse Sensoren und Wearables erfassen.

Bald schon werden Smartwatches und andere Devices nicht mehr nur Schritte zählen und den Puls messen, sondern auch permanent EKGs erstellen und den Blutdruck sowie die Sauerstoffsättigung im Blut erfassen können. Noch mögen Fitness-Tracker und Co. eine Spielerei sein, doch die Geräte werden technisch immer präziser. Die von ihnen gelieferten Werte erreichen auf absehbare Zeit diagnostische und therapeutische Relevanz. Ärztinnen und Ärzte erhalten damit künftig viel mehr Informationen, die für ihre Diagnosen und Therapien von Bedeutung sind. Am Ende werden so viele Daten zusammenkommen, dass sie kein Mensch mehr ohne technische Hilfe in Form von künstlicher Intelligenz (KI) auswerten kann. 

Revolution durch KI

Die TK ist davon überzeugt, dass die nächste große medizinische Revolution in einem völlig veränderten Umgang mit Daten bestehen wird. Durch KI unterstützte Auswertungen werden Diagnosen künftig präziser gestellt und Patientinnen und Patienten individueller behandelt. Schon heute können Computer Hautkrebs schneller und sicherer erkennen als Dermatologinnen und Dermatologen - weil sie es schaffen, zigtausende Bilder in Sekundenschnelle miteinander zu vergleichen. Mit Hilfe von KI-Auswertungen kann Prävention noch personalisierter ansetzen und damit sogar der Ausbruch von Krankheiten komplett verhindert werden.

Ärztinnen und Ärzte müssen sich dabei keine Sorgen um ihre Jobs machen. Roboter werden Patientinnen und Patienten noch lange nicht behandeln. Diagnose-Assistenzsysteme jedoch werden sich auf absehbare Zeit in den Praxen und Kliniken durchsetzen. Das ist vergleichbar mit dem Autopiloten im Flugzeug: Er macht das Fliegen sicherer und unterstützt Pilotinnen und Piloten, ohne diese zu ersetzen. Die Digitalisierung wird Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Praxisassistenzen sowie alle anderen Beschäftigten im Gesundheitswesen in vielerlei Hinsicht entlasten, weil sie viele zeitraubende Aufgaben übernehmen wird. Die intensive Beratung und das persönliche Gespräch mit Patientinnen und Patienten werden dadurch stärker in den Mittelpunkt rücken. Menschen haben Empathie; Maschinen und Algorithmen nicht.  

Austausch beim eHealth-Kongress wichtig

Die TK hat den klaren Anspruch, ein digitales und innovatives Gesundheitswesen voranzutreiben und wesentlich mitzugestalten. Wir sehen uns als Impulsgeber und Diskussionspartner. Den eHealth-Kongress unterstützen wir daher gerne, weil er eine wichtige und nötige Austauschplattform bietet. Wir brauchen den Schulterschluss mit allen Playern im Gesundheitswesen, um zu verhindern, dass uns am Ende andere die Regeln vorgeben. Grundsätzlich haben wir gute Bedingungen, um das Gesundheitssystem weiterhin selbst gestalten zu können. Wir haben eine gute Kultur der Zusammenarbeit im Gesundheitswesen, leistungsfähige Universitäten und Hochschulen sowie Start-Ups und etablierte Unternehmen, die mit ihren Ideen die Gesundheitsversorgung weiterentwickeln wollen. Gehen wir gemeinsam mit Pioniergeist und Mut voran, um bestehende Grenzen zu verschieben - zünden wir die Turbo-Digitalisierung jetzt, denn nur so kann unser Gesundheitssystem zukunftsfähig bleiben!