Seit 2020 können digitale Gesundheitsanwendungen in Deutschland auf Rezept verschrieben werden und seit dem 1. Januar 2021 müssen Krankenkassen per Gesetz in Deutschland ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stellen. Ab 2022 sollen zudem die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und das elektronische Rezept (eRezept) flächendeckend in Deutschland zum Einsatz kommen. Die Entwicklungen erscheinen rasant. Vergleicht man jedoch den Stand der Technik mit anderen EU-Staaten (z.B. Finnland, Estland oder Schweden), ist noch Luft nach oben. 

Jörn Simon

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Leiter der TK-Landesvertretung Rheinland-Pfalz

Bereits 2011 hatte die EU im Einvernehmen mit 22 Mitgliedsstaaten (darunter Deutschland) die Richtlinie 2011/24/EG verabschiedet, die die Kontinuität der Behandlung der europäischen Bürgerinnen und Bürger über die Grenzen hinweg sicherstellt. Im Rahmen der Richtlinie wurde das Netzwerk für elektronische Gesundheitsdienste eingerichtet, das die für eHealth zuständigen nationalen Behörden miteinander verbindet. Das Netzwerk dient dazu, dass EU-Länder in puncto Interoperabilität und Standardisierung gestalterisch tätig werden können. 

Das Ziel: Ein Europäischer Gesundheits-Datenraum

Das Ziel ist es, einen europäischen Gesundheits-Datenraum (European Health Data Space) zu schaffen, der es Patienten ermöglicht, von überall Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten zu haben und sich im Bedarfsfall mit Leistungserbringern auszutauschen. Um das zu erreichen, will die EU die fragmentierte Handhabung von Gesundheitsdaten in den Mitgliedsstaaten vereinheitlichen, indem sie ein gemeinsames Format für den Austausch elektronischer Patientenakten entwickelt. Auch die europäische Datenschutzgrundverordnung soll durch eine eigens für den Gesundheitssektor erstellte Datenschutzrichtlinie komplettiert werden.
 
Die Vorteile eines europäischen Gesundheits-Datenraums liegen auf der Hand: Mit einer guten und einheitlichen digitalen Datengrundlage über alle EU-Länder hinweg könnten epidemiologische Bewegungen viel besser beobachtet, kritische Entwicklungen wie Fallzahlensteigerungen frühzeitig erkannt und politische Maßnahmen schneller und passgenauer beschlossen werden. Errichten will die EU den europäischen Gesundheits-Datenraum (European Health Data Space) bis 2025. Mit der Initiative MyHealth@EU klärt sie schon jetzt über den Transfer von digitalen Gesundheitsleistungen (ePA und eRezept) auf.

GAIA-X: das neue europäische digitale Ökosystem?

Hoffnungsträger für einen einheitlichen Datenraum war in dieser Hinsicht bisher die Initiative GAIA-X, die vom deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) 2019 ins Leben gerufen wurde und eine europäische Cloud-Infrastruktur zum Ziel hat. Denn der digitale Fortschritt im Gesundheitsbereich ist auf Cloudlösungen angewiesen. Für die Medizin der Zukunft müssen Gesundheitsdaten aus verschiedenen Quellen verfügbar sein, kombiniert und verarbeitet werden können.

GAIA-X ermöglicht die Verknüpfung verschiedener Datenquellen, beispielsweise Geodaten, Meldedaten und Patientendaten. GAIA-X soll aber nicht nur die Vernetzung von (Gesundheits-)Daten in der EU vorantreiben, sondern auch die Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen IT-Anbietern und deren datengetriebenen Plattformen reduzieren. Die Mitglieder der GAIA-X Initiative entwickeln dafür einheitliche Standards, Policies und Schnittstellen und harmonisieren den Datenaustausch nach europäischen Datenschutzregeln.

Inzwischen ist GAIA-X so erfolgreich, dass mehrere Mitgliedsstaaten und Unternehmen weltweit eingestiegen sind. Auch das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Rheinland-Pfalz ist an der Initiative beteiligt. Was hoffnungsvoll begonnen hat, könnte aber noch kompliziert werden. Denn seit November 2020 ist bekannt, dass Google, Microsoft und Amazon ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern der Gaia-X Foundation AISBL gehören. Wer am Ende wen und wie beeinflusst, muss dann im Auge behalten werden.