TK: Seit rund zehn Jahren sind niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und Kliniken verpflichtet, Informationen über Krebsneuerkrankungen an das Landeskrebsregister zu melden. Welche wichtigen Erkenntnisse konnten durch diese Meldepflicht seitdem gewonnen werden? 

Prof. Dr. med. Marco Halber: Erstmals kann das Auftreten von Krebserkrankungen in Baden-Württemberg flächendeckend dargestellt werden. Unser Bild vom Krebs wird immer vollständiger. Einerseits können wir so Erkenntnisse zu seltenen Tumoren gewinnen, die einzelne Tumorzentren nicht liefern können. Durch den Abgleich mit den Meldeämtern erhalten wir auch immer genauere Überlebensraten.

Andererseits erfahren wir auch Details zu Therapie und Verlauf, mit denen wir das Qualitätsmanagement der Behandler unterstützen. Zudem erreichen das Krebsregister viele Anfragen von Bürgern, die über das Aufkommen von Krebserkrankungen in ihrer Gemeinde besorgt sind. Hier kann das Krebsregister schnell und umfassend Auskunft geben.

Prof. Dr. Marco Halber

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Leiter der Klinischen Landesregisterstelle (KLR) des Krebsregisters Baden-Württemberg

TK: Mit dem "Gesetz zur Zusammenführung von Krebsregisterdaten" können die Daten aus den Krebsregistern aller Bundesländer nun zusammengeführt werden. Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich Ihrer Meinung nach aus dem Gesetz? 

Prof. Halber: Mit den neuen Regelungen sollen künftig bundesweite Daten schneller zusammengeführt und die Öffentlichkeit zeitnäher zur Krebslast informiert werden. Durch die angedachte Zusammenführung mit weiteren Datenquellen kann zudem die Analyse sogenannter versorgungsnaher Daten auf eine neue Stufe gehoben werden und Begleiterkrankungen bei der Nutzenbewertung bestimmter Therapien besser berücksichtigt werden.

TK: Durch die Corona-Pandemie wurde die Krankheit Krebs etwas in den Hintergrund gedrängt. Welche Auswirkungen hat das Ihrer Meinung nach?

Prof. Halber: Die Bedeutung von Krebs darf nicht aus dem Bewusstsein geraten. Die Krankheit ist immer noch die häufigste Todesursache der 45- bis 65jährigen. Das Aussetzen einzelner Krebsfrüherkennungsprogramme wie auch der Rückgang bei Patientenzahlen, den uns einzelne Melder berichten, werden wir sorgfältig beobachten und die Auswirkungen analysieren.

TK: In Baden-Württemberg gibt es in Relation zur Einwohnerzahl die wenigsten Krebserkrankungen in Deutschland. Worauf führen Sie das zurück? 

Prof. Halber: Wir müssen solche Zahlen immer mit gewisser Vorsicht anschauen, weil sie sich etwa zwischen den verschiedenen Krebsarten deutlich unterscheiden. Jedenfalls unterhält unser Bundesland seit vielen Jahren eine bundesweit beispielhafte, gestufte Struktur der Krebsversorgung, mit fünf großen Tumorzentren und vierzehn Onkologischen Schwerpunkten. Die sind mit den Niedergelassenen vor Ort auch über die Tumorkonferenzen eng verzahnt.

Außerdem zahlen sich die Früherkennungsprogramme zunehmend aus, die hier im Land gut etabliert sind. Schließlich spielen Alkohol- und Tabakkonsum eine Rolle. Tatsache ist: Häufigkeit und Sterblichkeit sind in Baden-Württemberg niedriger als im Bundesdurchschnitt, vor allem bei Lungenkrebs!

TK: Ein großer Trend in der Krebsmedizin ist die personalisierte Medizin bzw. Präzisionsmedizin. Je mehr Daten von Krebserkrankungen ausgewertet werden können, desto präziser können individuelle Prognosen auf Basis einer Gendiagnostik getroffen werden. Welchen Beitrag können dazu Krebsregister leisten? 

Prof. Halber: Mit dem neuen Datensatz ab nächstem Jahr werden wir solche genetischen Daten in unsere Prognosemodelle aufnehmen können. Die neuen Zentren für personalisierte Medizin sind schon gespannt auf die künftigen Auswertungen dazu. Gerade bei seltenen Tumoren können einzelne Patienten davon profitieren. Letztlich können mit Hilfe der Krebsregisterdaten alle Fälle untersucht werden, die bestimmte Eigenschaften aufweisen, und zwar landesweit, und in Studien, wer mit welcher Therapie geheilt wurde und wer nicht.

Solche Erkenntnisse kann man niemals durch klassische kontrollierte Studien gewinnen. Diese "real-world-evidence" ist auch der Schlüssel zur Entwicklung von neuen Therapiestrategien, entsprechend dem Megatrend der personalisierten Medizin. Außerdem kann bei uns jeder Behandler alle Diagnose- und Therapiedaten zu jedem seiner Patienten abrufen, auch wenn sie von anderen gemeldet wurden. Das unterstützt nicht selten eine gute Entscheidung für den individuellen Fall.

TK: Wie beurteilen Sie generell die Chancen von Digitalisierung und KI in der Krebsmedizin? 

Prof. Halber: Digitalisierung ist der Schlüssel zur Präzisionsmedizin, vor allem gegen Krebs. Mit den neuen Untersuchungsmethoden entstehen gewaltige Datenmengen. Für gute ärztliche Entscheidungsfindung brauchen wir daher auf jeden Fall digitale Kommunikation. Beispiel: Im Krebsregister sind wir in Baden-Württemberg schon weiter als anderswo, weil wir komplett papierlos arbeiten.

Die Chancen von Digitalisierung und "big data" für die Krebsmedizin übersteigen bei weitem die Risiken durch Missbrauch und Fehler. Dadurch ist die Frage nach dem "ob" für mich längst beantwortet. Praktisch alle arbeiten jetzt nur noch am "wie". Schließlich: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen revolutionieren gerade die bildgebenden Verfahren und vieles andere auch, und viele müssen umdenken. Alle Profis, die ich kenne, tun dies mit zunehmender Begeisterung, denn alle wollen ja, dass ihre Patienten die Krebsdiagnose möglichst unbeschadet hinter sich lassen.

Zur Person

Professor Dr. med. Marco Halber ist Facharzt für Neurologie und Betriebswirt und leitet die Klinische Landesregisterstelle des Krebsregisters Baden-Württemberg seit Januar 2020. Er führt die Zusatzbezeichnungen Ärztliches Qualitätsmanagement und Medizinische Informatik und hat gegenwärtig seinen Tätigkeitsschwerpunkt auf dem Gebiet Data Science.