In Deutschlands Klinken gehören Infektionen zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Zu den schwerwiegendsten gehört die Blutvergiftung (Sepsis). Dabei handelt es sich um eine komplexe Entzündungsreaktion, die durch Viren und Erreger ausgelöst wird und beim Patienten zu Organversagen führen kann. Nach Angaben der Deutschen Sepsis-Hilfe e. V. erkranken bundesweit rund 320.000 Menschen pro Jahr an dieser Infektion. Fast ein Viertel sterben daran, viele weitere leiden an den lebenslangen Folgen dieser Erkrankung. 206 Sepsis-Tote pro Tag - das übertrifft deutlich die tägliche Zahl von Aids-, Lungen- und Brustkrebs-Toten zusammengenommen.

Bisher zeitaufwändiges Verfahren

Die Genesungschancen eines Patienten sind maßgeblich davon abhängig, wie schnell der verantwortliche Erreger identifiziert und eine passgenaue Antibiose durchgeführt wird. Bislang beruht diese Diagnostik auf zeitaufwendigen Blutkulturverfahren. Bis zu zwei Tage kann es dauern, bis die Untersuchungsergebnisse vorliegen. Dabei wird nicht nur mehr Patientenblut benötigt, es können auch nur vergleichsweise wenige Erreger überprüft werden.

Unter dem Titel "Präzisionsmedizin in der Infektionsdiagnostik" hat die Techniker Krankenkasse (TK) in Rheinland-Pfalz gemeinsam mit dem Software-Unternehmen Noscendo GmbH und der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im April 2020 einen Vertrag unterzeichnet, der nicht nur die Qualität der Therapie von Sepsis-Patienten erheblich verbessern soll, das Verfahren birgt auch Vorteile bei Endokarditis (Herzinnenhaut) oder bei Peritonitis (Bauchfellentzündung). 

Schnellere Erregerdiagnostik möglich

Dank des Vertrags kann das Versorgungsangebot für TK-Versicherte künftig um das Angebot der Noscendo GmbH erweitert werden. Durch den Algorithmus, den die Software-Firma entwickelt hat, ist auf Basis einer Erbgutuntersuchung von Keimen und einem anschließenden Abgleich auf einer digitalen Erreger-Plattform eine weitaus schnellere Erregerdiagnostik möglich. 

Künftig kann auf Basis von nur einer Blutprobe, innerhalb 24 Stunden, auf mehr als 1.000 Erreger getestet werden. Durch die Verwendung einer neuen Molekülklasse zur Erregeridentifikation - der zellfreien DNA (cfDNA) - ist es möglich, Infektionen höchst spezifisch und sensitiv nachzuweisen. Eine spezielle Erbgutuntersuchung von Keimen, das "Next-Generation-Sequencing (NGS)", gestattet es, gefährliche Keime zu identifizieren und ihre Relevanz in Bezug auf die vermutete Infektion zu bewerten. Im Interview stellen der Geschäftsführer von Noscendo, Dr. Philip Stevens, und dessen Leiter der Unternehmensentwicklung, Dr. Peter Haug, das vollkommen neu entwickelte Verfahren vor.