TK: Sehr geehrter Herr Dr. Nonninger, die Corona-Krise hat gerade im Gesundheitswesen gezeigt, wo Deutschland im digitalen Bereich Defizite hat, aber auch, wie schnell unter Druck doch Innovationen entwickelt und Projekte beschleunigt werden können. Was muss getan werden, damit wir weiter mit innovativen Projekten voranschreiten? 

Dr. Ralph Nonninger: Die Coronakrise hat uns nicht nur im Gesundheitswesen gezeigt, wo Deutschland im digitalen Bereich Defizite hat, sondern überall. Ich bin sogar der Meinung, und ich polarisiere jetzt bewusst, dass insbesondere der Gesundheitsbereich immer noch seinen "Dornröschenschlaf" hält und andere Bereiche die Chancen der Digitalisierung viel schneller erkannt und umgesetzt haben.

Ja, natürlich ist Bewegung im Gesundheitswesen zu erkennen, wir reden neuerdings über elektronische Rezepte oder eine elektronische Patientenakte , wir machen uns Gedanken über Telemedizin, weil wir an ihr zukünftig nicht mehr vorbei kommen und natürlich erobern immer mehr digitale Gesundheitsanwendungen den Markt. Doch meines Erachtens ist das nur die Spitze des Eisberges.

Sie haben Recht, die Pandemie hat den Prozess beschleunigt, da sie uns alle schlichtweg dazu gezwungen hat, uns mit neuen Technologien auseinanderzusetzen. Neue Vorschriften haben unsere Priorisierung geändert und den Druck erhöht und das war gut so.

Sie fragen was getan werden muss, dass Digitalisierung flächendeckend Einzug hält ins Gesundheitswesen? Bei der Digitalisierung geht es nicht nur um Technik und Kostenreduktion, nicht nur um ein Abwägen von technischem Fortschritt und Datensicherheit. Vielmehr geht es auch um eine Kultur, eine Philosophie, eine innere Haltung und natürlich ein Wollen. Hier müssen wir ansetzen und mithelfen Ängste zu nehmen. Wir müssen Freude auf das Neue wecken und Visionen formulieren.

TK: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, damit die Bundesrepublik im Gesundheitswesen aber auch allgemein ein im internationalen Vergleich konkurrenzfähiges digitales Niveau erreichen kann?

Dr. Nonninger: Ich möchte hier nur auf eines hinweisen, den Umgang mit Daten und die Garantie ihrer Sicherheit. Hier muss der Staat der Vorreiter sein.

Auf Basis europäischer Werte muss es das Ziel sein, eine neue europäische Dateninfrastruktur zu schaffen, die es erlaubt, Daten problemlos miteinander zu teilen. Es ist der Umgang mit Daten und speziell mit Gesundheitsdaten, der am Ende entscheidet wie erfolgreich wir sein werden.

Wir müssen für Transparenz sorgen und für einen verantwortungsvollen Nutzen der Daten. Jeder soll und muss für sich selbst entscheiden, welche Daten er teilen will und welche nicht. Diese Datensouveränität muss immer gewahrt sein, ebenso wie das Eigentumsrecht an den eigenen Daten.

TK: Sie sind einer der Protagonisten des Netzwerkes Health.AI, das sich mit seinem Konzept der "Ausgestaltung eines intelligenten Gesundheitsraums Saar" um eine Förderung durch das Programm "WIR! - Wandel durch Innovation in der Region" des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) beworben hat. Was erwartet die Menschen hierzulande durch dieses Projekt?

Dr. Nonninger: Wir sind mit unserem Konzept, eine Neuausrichtung des Gesundheitswesens durch neue Technologien zu erreichen, angetreten, um einen Strukturwandelprozess in unserer Region zu initiieren. Wir sehen heute, dass insbesondere im Saarland mit über 90.000 Menschen mehr als doppelt so viele Menschen im Gesundheitswesen arbeiten als beispielsweise in der Automobilindustrie. Und wir sehen weiter, dass sich unsere Region in den letzten Jahrzehnten von einem Produktionsstandort in einen Dienstleistungssektor gewandelt hat. Nun hat sich der Standort in den letzten Jahren aber auch zu einem Hotspot der Künstlichen Intelligenz entwickelt mit Forschungseinrichtungen von Weltruf. Was liegt da näher, als diese Potenziale miteinander zu verknüpfen?

Health.AI ist ein Netzwerk bestehend aus 100 Partnern der Großregion. Im Einzelnen haben sich Health.AI bisher angeschlossen 43 Unternehmen, 18 Forschungseinrichtungen, 6 Kliniken, 3 Krankenkassen, 10 Netzwerke, 7 Vereine sowie 13 Körperschaften des öffentlichen Rechtes wie Ministerien, Landkreise, Gemeinden und Städte.

Wir haben Ende Mai einen Antrag auf Förderung beim BMBF gestellt und haben im September tatsächlich den Zuschlag bekommen. In den nächsten sechs Jahren wird Health.AI mit bis zu 15 Millionen Euro gefördert. Dieses Geld wollen wir zur Entwicklung einer neuen Infrastruktur für die Schaffung, Verteilung, Nutzung und Verwaltung von Gesundheitsdaten mit Hilfe von KI-basierten Innovationen nutzen. Unsere Forschungsprojekte reichen von der "Erstellung kontextsensitiver 3D Welten" über die "Tiefenanalyse medizinischer Bilddaten" und einen "Operationssaal 4.1" bis hin zum "autonomen Fahren" und dem "Einsatz von Drohnen beim Medikamententransport".

Bisher haben wir 22 Projekte zu Forschung und Entwicklung geplant - mit einem Gesamtvolumen von knapp 14 Millionen Euro bei einem Eigenanteil der Industrie von etwa fünf Millionen Euro.

TK: Noch eine persönliche Frage zum Abschluss. Warum sind Sie am Thema Innovationen so interessiert und setzen sich als Treiber so dafür ein?

Dr. Nonninger: Als Wissenschaftler habe ich zehn Jahre am Leibniz Institut für Neue Materialien in Saarbrücken gearbeitet, danach zehn Jahre als Vorstand mein eigenes Technologieunternehmen aufgebaut, geleitet und zwischenzeitlich an die Börse gebracht. In diesen 20 Jahren war ich an etlichen Ideen und Erfindungen beteiligt, ich glaube mein Name steht auf über 200 Patenten.

Eine Idee, eine Erfindung hat meines Erachtens nur dann einen "Wert", wenn sie es wert ist, umgesetzt zu werden. Erst durch die Umsetzung entstehen Innovationen und technischer Fortschritt gelingt. Technischer Fortschritt wiederum sichert unsere Arbeitsplätze und schafft neue; er sorgt dafür, dass wir international wettbewerbsfähig sind. Ich genieße es in den letzten zehn Jahren als Geschäftsführer von NanoBioNet Technologienetzwerke (u.a. drei ZIM Netzwerke) aufzubauen, Unternehmen mit Forschungseinrichtungen zu verknüpfen, Technologietransfer zu betrieben  und innovativen Ideen einen Platz zu geben, an dem man sie umsetzen kann.

Zur Person

Dr. Ralph Nonninger ist in unterschiedlichsten Leitungsfunktionen seit über 30 Jahren im Bereich der Schlüsseltechnologien tätig. In den letzten Jahren baute er mehrere Technologienetzwerke im Saarland auf, die sich unter anderem mit Themen wie Digitalisierung und künstlicher Intelligenz beschäftigten.