TK: Herr Koller, die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet mit der elektronischen Patientenakte (ePA), der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und dem eRezept weiter voran. Welche Vorteile können digitale Prozesse im zahnärztlichen Bereich bringen?

Marcus Koller: Zahnärztinnen und Zahnärzte zählen zu einem sehr technikaffinen, hochinnovativen Berufsstand. Digitale Bildgebungsverfahren und diagnostikunterstützende digitale Technik ebenso wie die digitale Fertigung von Zahnersatz sind in den Praxen längst etabliert. Die Patientenkarteikarte gibt es kaum noch auf Papier und digitale Prozesse vereinfachen das Praxismanagement und die Abrechnung. Selbst Videoleistungen sind inzwischen gesetzlich und vertraglich möglich.

Marcus Koller

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Vorstand der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Rheinland-Pfalz

Wir sehen zudem ganz klar weitere Chancen der Digitalisierung - zum Beispiel für eine sichere Kommunikation. Auch das eRezept und die eAU können einen Mehrwert in Form von Zeitersparnis haben, sofern sie voll funktionsfähig sind. Zumindest in der Einführungsphase der Anwendungen ist hiermit jedoch nicht zu rechnen. Zum Beispiel steht die Komfortsignatur noch nicht zur Verfügung oder bei der eAU müssen die Praxen Bescheinigungen nach wie vor drucken, da über die Telematikinfrastruktur die Daten zunächst nur elektronisch an die Krankenkasse übermittelt werden. 

TK: Wie gut sind die Zahnärzte in RLP in Sachen Telematikinfrastruktur und elektronischen Heilberufsausweis aufgestellt?

Koller: Die Akzeptanz ist in Rheinland-Pfalz ist sehr hoch: Mehr als 96 Prozent der Praxen sind an die TI angeschlossen. Damit es dabei bleibt, sind unsere Forderungen klar: Die Telematikinfrastruktur darf keine Bürde sein. Sie muss mit Verstand vorangebracht werden. Konkret braucht es für den Versorgungsalltag praktikable und lebensnahe digitale Anwendungen, von denen die Zahnarztpraxen und die Patientinnen und Patienten profitierten. Effizienzgewinne durch digitalisierte administrative Tätigkeiten müssen sich in mehr Zeit für die Patientenbehandlung niederschlagen. Zugleich gilt es Probleme bei der Zuverlässigkeit zu lösen. Und allem voran muss das Prinzip sanktionsbewehrter Umsetzungsfristen abgeschafft werden. Denn wenn die Technik und die Funktionen gut und sinnvoll sind, werden sie sich auch ohne Strafandrohung in den Praxen durchsetzen.

TK: Künstliche Intelligenz kommt mittlerweile auch in Kliniken und Arztpraxen zum Einsatz. Wie kann die KI Zahnärztinnen und Zahnärzte künftig unterstützen?

Koller: In der Zahnmedizin wird zunehmend an KI-Anwendungen geforscht. Denkbar ist Künstliche Intelligenz in der Diagnostik, bei der Auswertung digitaler Röntgenbilder, bei der Planung chirurgischer Eingriffe oder bei der telefonischen Terminvergabe. So konnte in einer Studie nachgewiesen werden, dass KI-Modelle frühe Karies auf Röntgenbildern sehr gut diagnostizieren können. Kürzlich las ich, dass es mithilfe eines Algorithmus gelungen sei, das Risiko von Zahnverlust ohne eine zahnärztliche Untersuchung vorherzusagen.

Das sind spannende Lösungen, die Zahnärztinnen und Zahnärzte in ihrer Diagnostik unterstützen und zeitlich entlasten können. Bevor KI-Anwendungen jedoch breit in der Zahnmedizin eingeführt werden, gibt es einiges zu klären. So sollten Standards und Qualitätskriterien definiert werden, damit Zahnärztinnen und Zahnärzte KI-Anwendungen einschätzen und kritisch beurteilen können. Auch müssen Fragen der Haftung bei etwaigen Fehlern und Fehldiagnosen, die durch KI verursacht werden, geklärt werden.

TK: Wo sehen Sie die Zahnmedizin in zehn Jahren in Sachen Innovationen? Wird der Zahnarzt oder die Zahnärztin noch selbst zum Bohrer greifen?

Koller: Dank Prävention und dem weiter steigenden Bewusstsein für Mundhygiene wird eher der Bohrer als der Zahnarzt oder die Zahnärztin zum Auslaufmodell. Fortgeschrittene Techniken können den Praxisalltag verbessern und erleichtern, aber sie werden die Zahnärztin bzw. den Zahnarzt nie ersetzen können. Trotz aller Algorithmen und Analysefähigkeiten haben Mediziner Computern und Künstlicher Intelligenz eines voraus: Empathie. Und jeder Heilberufler weiß, dass menschliche Zuwendung wesentlich zum Behandlungserfolg beiträgt.

TK: Sprechen wir noch über ein anderes wichtiges Thema: Überall wird über fehlenden Ärztenachwuchs und Fachkräftemangel geklagt. Wie sieht es da bei den Zahnärztinnen und Zahnärzten sowie den Kieferorthopädinnen und Kieferorthopäden aus - insbesondere was die Versorgung im ländlichen Raum angeht?

Koller: Rheinland-Pfalz werden die Zahnärzte und Zahnärztinnen nicht ausgehen, auch nicht auf dem Land. Die Zahl der Vertragszahnärztinnen und Vertragszahnärzte bewegt sich auf konstant hohem Niveau. Absolut betrachtet gibt es heute sogar mehr praktizierende Kolleginnen und Kollegen als noch vor zehn Jahren. Allerdings machen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie der demografische Wandel oder der Wunsch junger Menschen, in der Stadt zu leben und zu arbeiten, auch vor dem zahnärztlichen Berufsstand nicht halt.

In einzelnen Landstrichen in der Südpfalz oder der Eifel kommt es vor, dass ein Patient oder eine Patientin den Zahnarzt oder die Zahnärztin seines bzw. ihres Vertrauens nicht mehr im Wohnort findet, sondern weitere Wege fahren muss. Einen dramatischen Versorgungsengpass, wie er etwa für die hausärztliche Versorgung prognostiziert wird, erwarten wir zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht.

TK: Welche Schlüsse ziehen Sie aus der geschilderten Situation?

Koller: Diese Entwicklungen nehmen uns in die Pflicht, Strategien für die Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung zu entwickeln. Eine Rolle hierbei spielt für uns der Notdienst. Zahnärzte und Zahnärztinnen in ländlichen Regionen nehmen in der Regel deutlich häufiger daran teil als Kolleginnen und Kollegen in Ballungszentren, da dort mehr Zahnärztinnen und Zahnärzte auf engerem Raum praktizieren.

Für junge Zahnärztinnen und Zahnärzte, die eine Praxis auf dem Land erwägen, kann eine zu hohe Notdienstfrequenz eine Hürde darstellen. Daher arbeiten wir derzeit an einer modernen und tragfähigen Organisationsstruktur des Notdienstes, der den Menschen eine gute Notfallversorgung garantiert und den Anforderungen der Zahnärztinnen und Zahnärzte und deren Teams gerecht wird. All unsere Anstrengungen können jedoch nur erfolgreich sein, wenn auch die Politik ihrer Verantwortung nachkommt und für gleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen in Stadt und Land sorgt. 

Im Übrigen ist es ein Trugschluss zu glauben, dass Medizinische Versorgungszentren (MVZ) Tätigkeiten auf dem Land fördern. Insbesondere investorengeführte MVZ nehmen kaum an der Versorgung in ländlichen, strukturschwachen Regionen oder an der Versorgung vulnerabler Patientengruppen teil, sondern sie zieht es in städtische, wirtschaftlich florierende Gegenden mit zahlungskräftigen Patientinnen und  Patienten. Diese gewinnorientierte Rosinenpickerei schadet nicht nur unserem Gesundheitssystem, sie schadet auch unserer Gesellschaft. Eine neue Bundesregierung muss den Fremdinvestoren klare Grenzen setzen und gegen Vergewerblichung in der zahnärztlichen Versorgung vorgehen.

Zur Person

Marcus Koller, Jahrgang 1964, ist seit Anfang 2017 im Vorstand der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Rheinland-Pfalz, dessen Vorsitz er im November des vergangenen Jahres übernahm.

Koller studierte Zahnmedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Nach seiner Assistenzzeit in Bad Sobernheim ließ er sich im Jahr 1995 in eigener Praxis in Urbar nahe Koblenz nieder. Seit rund zwei Jahrzehnten engagiert er sich in verschiedenen Funktionen für den zahnärztlichen Berufsstand. Neben seinem Hauptamt als Vorstandsvorsitzender der KZV nimmt er heute Mandate in den Vertreterversammlungen der Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz und der Bezirkszahnärztekammer Koblenz wahr.