TK spezial: Was sind Ihre Aufgaben als "Chief Digital Officer" der Stadt Darmstadt?

Prof. Michael Waidner, Leiter des Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie in Darmstadt Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Prof. Michael Waidner

Waidner: Als Chief Digital Officer (CDO) berate ich die Stadt, wie sich die Möglichkeiten der Digitalisierung zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen nutzen lassen. 2018 starten die ersten durch den Wettbewerb initiierten Projekte. Ich begleite ihre Auswahl und ihre Umsetzung. Hierfür verschaffe ich mir einen Überblick über die aktuellen Systeme und die bereits heute laufenden Digitalisierungsprojekte. Ich schaue mir die neuen Digitalisierungsideen aus der Bürgerschaft, der Stadt und Wirtschaft an, bringe selbst Ideen ein und schätze die Erfolgsaussichten von Projektvorschlägen ein. Sinnvolles ist von Modeerscheinungen zu trennen. Die Kenntnis der neuesten Technologien und der relevanten Forschungsaktivitäten ist hier notwendig, reicht aber nicht aus.

Mögliche Projekte müssen bezüglich ihres Nutzens für die Bürgerinnen und Bürger und ihrer Auswirkungen inklusive Nachhaltigkeitsaspekten bewertet werden. Dabei sind mir Datenschutz und die Cybersicherheit natürlich besonders wichtig. Von Beginn an und über den gesamten Lebenszyklus von IT-Systemen müssen sie berücksichtigt werden. Durch die zunehmende Digitalisierung wachsen Datenmenge, Vernetzung, Kommunikation und es können neue Abhängigkeiten entstehen.

Wird schließlich ein Projekt ausgewählt, dann ist - wie bei allen Digitalisierungsprojekten, z. B. auch in Firmen -  die klare und umfassende Kommunikation zentral. Es ist mir ein großes Anliegen, dass alle Bürgerinnen und Bürger und die Wirtschaft transparent auf dem Laufenden gehalten werden, um den Wandel so transparent wie möglich für alle Beteiligten und die Öffentlichkeit zu gestalten. Kritische Stimmen werden über die ganze Zeit - von der Ideenfindung und in allen Projektphasen - gehört und ernst genommen. Gegebenenfalls müssen einzelne Projekte, selbst unmittelbar nach ihrem Start, neujustiert oder sogar in Frage gestellt werden.

Darmstadt ist Vorreiter der intelligenten Digitalisierung von Städten. Meine Aufgaben als CDO Darmstadts gehören insgesamt zu den spannendsten meiner Tätigkeiten, es gibt eine spürbare Aufbruchsstimmung in der Stadt - davon bin ich begeistert.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Waidner ist seit 2010 Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnik (SIT) in Darmstadt. Er ist außerdem Sprecher des Centers for Reseach in Security and Privacy (CRISP) in Darmstadt, das sich mit Kernfragen zur Cybersicherheit beschäftigt. Er hält zudem eine Professur für Informatik an der Technischen Universität Darmstadt. Er promovierte 1991 an der Universität Karlsruhe. Waidner leitete von 1994 bis 2006 den Bereich der IT-Sicherheit und des Datenschutzes des IBM Zurich Research Labs. Anschließend wechselte er zu IBM nach New York und war dort bis zu seinem Wechsel nach Darmstadt zuständig für die technische Sicherheitsstrategie und -architektur des Unternehmens. Seit Mitte des Jahres 2017 ist es "Chief Digital Officer " der Stadt Darmstadt.

TK spezial: Was ist Ihre Vision für die medizinische Versorgung der Darmstädterinnen und Darmstädter?


Waidner: In der Krankheitsprävention, in der Gesundheitsversorgung und in der Gesundheitsförderung werden Darmstädter Bürgerinnen und Bürger insgesamt und individuell von der Digitalisierung profitieren. Es wurden bereits von den Bürgerinnen und Bürgern sowie von den Gesundheitsversorgern viele Ideen eingebracht, die bereits sehr durchdacht sind und die ich als sehr wichtig ansehe. So kommt zum Beispiel die anonymisierte Auswertung von Daten der Stadt allen zugute. Bürgerinnen und Bürger können auf Wunsch personalisierte Hinweise erhalten, wie beispielsweise Warnungen für Allergiker auf Basis von Umweltdaten oder Warnungen vor Grippewellen. 

Generell kann die Kommunikation durch die Vernetzung der Patientinnen und Patienten mit den Gesundheitsdienstleistern (Krankenhäuser, Ärzte, Pflege, Krankenkassen) stark vereinfacht werden. Hierdurch und durch digitale Optimierung von Abläufen bei den Versorgern können nicht nur die Wartezeiten spürbar verringert, sondern auch teure Geräte besser ausgelastet und damit Kosten gespart werden.

Das Klinikum Darmstadt will seine ärztliche Beratung zukünftig auf Online-Chatrooms und Online-Sprechstunden erweitern. Beispielsweise könnten Betroffene bei Diabetes-Sprechstunden ihre Werte über Videokonferenz mit den Ärztinnen und Ärzten besprechen und so Vor-Ort-Termine einsparen. Längerfristige Visionen für Darmstadt betreffen Unterstützungsangebote wie "Assisted Living" insbesondere für ältere Menschen. Sie erlauben, dass viele möglichst lange in ihrem gewohnten und vertrauten Umfeld weiterleben können, bevor sie die Dienste von Alters- und Pflegeheimen in Anspruch nehmen müssen.

TK spezial: Darmstadt hatte einen Fokus auf Cybersicherheit bei der Bewerbung um den Titel "Digitale Stadt" gelegt. Es steht wohl unbestritten fest, dass Patientendaten besonders schützenswert sind. Was raten Sie der Stadt Darmstadt für diesen Bereich?


Waidner: Die Daten der Patientinnen und Patienten sind, wie Sie sagen, besonders schützenswert. Dies gilt für ihre Verarbeitung, Übertragung, Speicherung und Auswertung. Die verarbeitenden Systeme müssen nach dem Stand der Technik sicher vor Hacking und Angriffen sein und es muss darauf geachtet werden, dass nur Berechtigte Zugriff erhalten. Mein Ziel für die Datenübertragung ist die konsequent einzuführende Ende-zu-Ende-Vertraulichkeit, denn sie gewährleistet den bestmöglichen Schutz vor unerwünschten Zugriffen.

Bei der Speicherung von Gesundheitsdaten muss langfristiger Schutz gewährleistet sein, und auch hier können wir über die gesetzlichen Vorgaben zum Schutz der Daten hinausgehen. In diesem Bereich gilt es, neue Erkenntnisse bezüglich langfristig sicherer Verschlüsselungsverfahren und deren ständige Weiterentwicklung umzusetzen, soweit diese praktikabel sind. Die Auswertung von Daten für diverse Zwecke, wie beispielsweise die erwähnten Warnmöglichkeiten an die Bevölkerung, muss so erfolgen, dass die einzelnen Daten und der Personenbezug geschützt bleiben. Aktuelle Forschungsergebnisse versprechen hier ein qualitativ viel höheres Schutzniveau als alles bisher Dagewesene, z. B. indem Berechnungen auf verschlüsselten Daten durchgeführt werden können. Die neuen Möglichkeiten schauen wir uns hinsichtlich Nutzen, Praktikabilität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit genau an.