TK: Gesundheitspolitik ist für die Wähler hierzulande laut einer Trendbefragung das Top-Thema bei der Landtagswahl. Welchen Stellenwert hat sie Ihrer Meinung nach bei der Bundestagswahl und wie begründen sie das?

Tino Sorge: Die Gesundheitspolitik hat uns alle in den letzten Monaten so sehr betroffen wie nie zuvor – denn nie hatten wir es mit einer so schweren Gesundheitskrise zu tun wie mit der Corona-Pandemie. Sie wird auch im Herbst, bei der Bundestagswahl, noch ein vorherrschendes Thema sein. Zwar werden wir dann hoffentlich größtenteils geimpft sein und die Pandemie überstanden haben, doch das Lernen aus der Pandemie wird noch viel Zeit brauchen.

Darüber hinaus gibt es auch abseits von Corona zahlreiche Gesundheitsthemen, die die Bürgerinnen und Bürger im Alltag beschäftigen – allein schon angefangen bei der Versorgung am Wohnort. Vielerorts fragen sich Menschen, wie es mit dem nahegelegenen Krankenhaus, der Arztpraxis oder der Apotheke um die Ecke in Zukunft weitergeht.

Auch die Kostenentwicklung beschäftigt viele Menschen, zum Beispiel bei den Zu- und Aufzahlungen für Medikamente oder Hilfsmittel. Genauso gibt es in der Pflege großen Gesprächsbedarf, dann die Eigenenteile für die Unterbringung im Pflegeheim steigen leider seit Jahren an und werden auch für die Angehörigen zu einer wachsenden Belastung. Insofern wird die Gesundheitspolitik auf absehbare Zeit immer ein leidenschaftliches Gesprächsthema sein – vor allem aber auch ein extrem spannendes Politikfeld, das für die Lebensqualität der Menschen große Gestaltungsräume bietet.

Tino Sorge

Portrait Tino Sorge, CDU-Abgeordneter des Bundestages mit Direktmandat des Wahlkreises Magdeburg Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
CDU-Abgeordneter des Bundestages

TK: Welches gesundheitspolitische Thema muss Ihrer Meinung nach in der kommenden Legislatur auf Bundesebene besonders "an Fahrt gewinnen" und welche Schwerpunkte setzt hier die CDU?   

Sorge: Zunächst einmal wünsche ich mir, dass wir im Herbst gründlich analysieren, an welchen Stellen in unserem Gesundheitswesen die Pandemie Schwächen aufgezeigt hat. Corona war ein Stresstest für das System und hat viele Beteiligte an die Grenzen gebracht. Daraus können und müssen wir viel lernen.

Bei der Bevorratung von Schutzausrüstung müssen wir in Zukunft deutlich vorausschauender handeln. Das gilt in ähnlicher Weise für die heimische Produktion von Arzneimitteln und Medizinprodukten – hier muss der Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland gestärkt werden, denn wir dürfen bei lebenswichtigen Gesundheitsgütern nie wieder so abhängig von ausländischer Produktion werden, wie es im letzten Jahr der Fall war.

Ein ebenso herausragendes Thema sind die Arbeitsbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und zahlreiche andere Gesundheitsberufe. Sie sind die Leistungsträger unseres Gesundheitswesens und haben in der Krise einen beispiellosen Einsatz gezeigt. Das muss in Zukunft auch mit einer besseren Vergütung honoriert werden. Nicht zuletzt werden wir aber auch in puncto Digitalisierung weiter vorangehen müssen, wenn unser Gesundheitssystem modern und handlungsfähig bleiben soll.

TK: Sie stehen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Was kann nach Ihrer Einschätzung der Einsatz von KI leisten und welcher Mehrwert könnte für ein Flächenland wie Sachsen-Anhalt entstehen?   

Sorge: Das ist ein spannendes Feld. Was vor wenigen Jahren noch als Spielerei oder Science Fiction belächelt wurde, kommt heute bereits in der medizinischen Versorgung zum Einsatz. Ob bei der Früherkennung von Hautkrebs oder in der Radiologie: Maschinen können Bilder längst schon schneller und präziser auswerten als der Arzt. Dank künstlicher Intelligenz lernen Computer auf der Grundlage von tausenden Bildern, zwischen „gesund“ und „krank“ zu unterscheiden.

In Deutschland geschehen Jahr für Jahr tausende Behandlungsfehler. Viele medizinisch unnötige Eingriffe werden vorgenommen oder gar Medikamente in falscher Dosierung verabreicht. KI-basierte Assistenzsysteme können den Arzt bei Therapieentscheidungen unterstützen. Algorithmen werden nie müde, und sie können Fehler erkennen, bevor es zu spät ist. Insofern wird uns die Digitalisierung in vielen Bereichen der Medizin helfen.

TK: Bund und Länder fördern mit dem Krankenhauszukunftsgesetz telemedizinische Netzwerke zwischen Krankenhäusern und mit weiteren ambulanten oder nachstationären Einrichtungen. Sehen Sie darin eine besondere Relevanz für Sachsen-Anhalt und wie begründen Sie das?

Sorge: Sachsen-Anhalt ist ein Flächenland mit vielen ländlichen Regionen. Zugleich haben wir an verschiedenen Stellen mit einem Mangel an Haus- und auch Fachärzten zu kämpfen, und auch die Krankenhäuser stehen unter Druck. Gerade in einer solchen Lage kann Telemedizin eine echte Verbesserung für die Gesundheitsversorgung sein. Die Anwendungsgebiete sind vielfältig. Zu denken ist beispielsweise an Situationen im Krankenhaus, in denen bei komplizierten Herz-Kreislauferkrankungen ein Kardiologe aus einer anderen Stadt zugeschaltet wird, um den Fall per Videokonferenz zu besprechen. Das spart Zeit und bringt die dringend benötigte Expertise zum Patienten. Vor allem sorgen telemedizinische Lösungen dafür, dass nicht mehr an jeder Klinik für jede Fachrichtung und zu jeder Zeit Spezialisten vorgehalten werden müssen. Denken wir an den Ärztemangel in vielen Disziplinen, ist das ein wichtiger Faktor für eine landesweit gute Versorgung.

Auch bei der Behandlung von Krebspatienten ist Telemedizin schon gelebte Praxis. Immerhin ist Krebs eine der häufigsten Erkrankungen und Todesursachen in Deutschland. Zugleich gibt es hier enorm viele Ausprägungen und Unterarten, die großes Spezialwissen erfordern. Darum sind interdisziplinäre Tumorboards mittlerweile vielerorts zum Standard geworden. Das bedeutet: Krebsmediziner und Experten anderer Fachrichtungen besprechen einzelne Fälle per Videokonferenz und unabhängig vom Aufenthaltsort. Das steigert die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung enorm.

Nicht zuletzt ist die Telemedizin aber auch in der Notfallversorgung ein lebensrettender Faktor: In Zukunft wird es möglich sein, dass noch während der Fahrt im Rettungswagen die ersten wichtigen Patientendaten erfasst werden – zum Beispiel bei einem Schlaganfall. Sie können in Echtzeit an das Krankenhaus gesendet werden, das angefahren wird, wo noch vor Ankunft weitere Maßnahmen vorbereitet werden. Angesichts dieser großen Potenziale wollen wir die Telemedizin als Gesetzgeber weiter fördern. Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz haben wir einen großen Schritt getan. Darauf gilt es auch in der nächsten Legislaturperiode aufzubauen.

TK: In der Gesundheitspolitik bestimmt häufig der Bund den gesetzlichen Rahmen, in Versorgungsfragen geben jedoch die Länder den Ton an. Was kann Ihrer Meinung nach der Bund von Sachsen-Anhalt und Sachsen-Anhalt von der Bundesebene lernen?

Sorge: In der Pandemie haben wir viel zu oft erlebt, dass sich Bund und Länder gegenseitig für Versäumnisse beschuldigt haben. Gerade in einem so kritischen Bereich wie dem Gesundheitswesen muss die Abstimmung aber reibungslos und konstruktiv ablaufen. Das funktioniert in der Regel auch gut, zumal ja auch die gemeinsame Selbstverwaltung in vielen Fragen Details regelt.

In der Tat können der Bund und Sachsen-Anhalt gesundheitspolitisch viel voneinander lernen. Das verdeutlicht allein schon die demografische Situation im Land. In Sachsen-Anhalt ist das Durchschnittsalter der Menschen höher als in vielen anderen Bundesländern. Das zeugt einerseits von einer erfreulich gestiegenen Lebenserwartung, es bringt andererseits aber auch neue Herausforderungen für die medizinische Versorgung mit sich. Daher gibt es in Sachsen-Anhalt zahlreiche Pilot- und Modellprojekte aus der Altenpflege und Geriatrie, die in naher Zukunft auch bundesweit und in anderen Ländern gefragt sein dürften.

Viele Facetten des demografischen Wandels sind in Sachsen-Anhalt schon heute zu beobachten. Für die Gesundheitspolitik, sowohl im Land als auch im Bund, besteht die große Chance darin, diesen Wandel schon heute mitzugestalten.

Zur Person

Tino Sorge ist Abgeordneter des Bundestages mit Direktmandat des Wahlkreises Magdeburg. In Berlin ist er Mitglied des Ausschusses für Gesundheit und insbesondere für Digitalisierung und Gesundheitswirtschaft zuständig. Er hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen schneller zu erschließen. Er ist stellvertretendes Mitglied im Bildungs- und Forschungsausschuss.