TK: Können Sie erklären, was Psychokardiologie eigentlich ist?

Dr. Schirdewahn: Wenn man so will ist sie die Schnittstelle zwischen Kardiologie und Psychosomatik. Denn nicht selten haben Herzbeschwerden und Herzerkrankungen eine psychosomatische Seite.

Hier ist es wichtig, den Patienten fächerübergreifend zu betrachten, ihn also einerseits kardiologisch zu behandeln, unangenehme Begleiterscheinungen seiner körperlichen Erkrankung aber auch psychologisch zu begleiten.

TK: Welche psychischen oder psychosomatischen Symptome können Herzerkrankungen verursachen?

Dr. Schirdewahn: In meine Praxis kommen viele Menschen mit Herzrhythmusstörungen. Man kann diese Beschwerden zunächst einmal gut konventionell oder im Herzkatheterlabor mit einem Ablationskatheter behandeln. Damit wird ein Teil des Herzmuskelgewebes gezielt verödet.

So lassen sich elektrische Fehlverbindungen im Herzen dauerhaft beseitigen. Doch obwohl diese Methoden sehr effektiv sind, sind nach der Behandlung längst nicht alle Patienten völlig beschwerdefrei. Und das, obwohl die organische Ursache für die Rhythmusstörungen in aller Regel beseitigt wurde.

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Diese Patienten sind oft sehr verunsichert und haben einen hohen Gesprächsbedarf. Dazu muss man sich vor Augen führen, dass Herzbeschwerden oft mit Todesangst einhergehen. Wer davon betroffen ist, fühlt sich also existenziell bedroht.

Herzbeschwerden gehen oft mit Todesangst einher.
Dr. Petra Schirdewahn

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Betroffenen auch nach der körperlichen Behandlung ihrer Beschwerden oft noch sehr verunsichert und ängstlich sind. Wenn man so will, haben sie das Vertrauen in die Funktionstüchtigkeit ihres Körpers verloren.

Die Folge davon: Sie hören stark in sich hinein. Bei der kleinsten Unregelmäßigkeit fühlen sie Angst und Panik in sich aufsteigen. Sie verlieren den Blick dafür, dass das Herz auch bei gesunden Menschen immer mal stolpert. Das ist ganz normal und kein Krankheitssymptom.

TK: Wie kann man diesen Patienten helfen?

Dr. Schirdewahn: In einer Therapie müssen sie lernen, diese Symptome von den eigentlichen Herzbeschwerden zu unterscheiden. Das ist nicht einfach, denn die Symptome sind in beiden Fällen ähnlich. Nur, dass sie im ersten Fall organisch verursacht sind, im zweiten Fall - wenn man so will - vom Kopf gemacht oder zumindest verstärkt werden.

TK: Wie sieht eine solche Therapie aus?

Dr. Schirdewahn: Sie ist gemeinsam und fachübergreifend gestaltet. Nach eingehender kardiologischer Diagnosestellung in meiner Praxis und einer anschließenden kardiologischen Behandlung erfolgt in einem zweiten Schritt eine spezielle Psychotherapie im Diakoniekrankenhaus.

Dazu durchlaufen die Patienten über fünf Wochen ein intensives, ambulantes Programm: Verhaltenstherapie, Gruppen- und Einzelgespräche, Angebote zur Entspannung aber auch Ausdauer- und Krafttraining.

TK: Für welche kardiologischen Erkrankungen ist das Konzept noch geeignet?

Dr. Schirdewahn: Es kommt sowohl für die bereits erwähnten Patienten in Frage, die wegen ihrer Herzrhythmusstörungen behandelt worden sind, bei denen im kardiologischen Sinne also keine Erkrankung mehr vorliegt, die aber weiterhin nicht beschwerdefrei sind.

Aber auch Patienten mit einer dauerhaften Diagnose profitieren von dem Konzept, zum Beispiel Patienten nach einem Herzinfarkt. Von ihnen werde ich in der Sprechstunde oft gefragt, was sie denn künftig alles nicht mehr machen dürfen und worauf sie achten müssen, welchen Sport sie nun meiden sollen und ob sie jetzt keinen Kaffee mehr trinken können.

Es geht um eine Steigerung der Lebensqualität auch für chronisch und schwerkranke Patienten.
Dr. Petra Schirdewahn

Dieses Vermeidungsverhalten ist der falsche Ansatz. Denn es führt zu Inaktivität, die nach einem Herzinfarkt eher kontraproduktiv ist. Außerdem bereitet es den Weg für diffuse Ängste, die wiederum in psychosomatische Symptome münden können.

TK: Inzwischen sind im Diakoniekrankenhaus zwei Patientengruppen behandelt worden. Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten?

Dr. Schirdewahn: Für die Patienten war es ein enormer Gewinn. Sie sind sehr dankbar. Sie lernen mit ihren Problemen umzugehen und kommen aus der Vermeidungshaltung raus.

Eine Patientin mit Vorhofflimmern, die ich dorthin überwiesen hatte, war zunächst sehr skeptisch. Aber sie ist in der Therapie regelrecht aufgelebt. Nach dem psychotherapeutischen Teil musste sie erneut kardiologisch behandelt werden. Aber auch das konnte sie viel leichter nehmen als zuvor.

Und darum geht es letztlich: um eine Steigerung der Lebensqualität auch für chronisch und schwerkranke Patienten.

TK: Unter Kardiologen ist die Psychokardiologie nicht unumstritten. Worauf führen Sie das zurück?

Dr. Schirdewahn: Kardiologen sehen sich als Mediziner, die oft an der Schwelle von Leben und Tod agieren. Sie sind es gewohnt, die Behandlung mit hohem, technischen Aufwand durchzuführen. Und sie wollen dabei schnelle Erfolge, was in vielen Fällen auch gelingt. Diese technikbasierte Medizin ist im Vergleich zur Psychotherapie sehr lukrativ.

Ich bin davon überzeugt, dass beide Fächer bei der Behandlung von Herzpatienten ihre Berechtigung haben sollten. Nur, dass sich die Erfolge einer ergänzenden psychosomatischen Behandlung eben etwas langsamer einstellen.

Deshalb sollte es nicht darum gehen, sich gegenseitig mit Skepsis zu beäugen. Vielmehr könnten sich beide Fächer ergänzen. Dies wiederum wäre ein Gewinn nicht nur für die Patienten sondern auch für die Gesellschaft. Schließlich fallen Herzpatienten oft über Monate aus, was enorme Kosten verursacht. 

Zur Person

Dr. Petra Schirdewahn beendete 1996 ihre Ausbildung zur Fachärztin für Innere Medizin an der Universität Leipzig.

Von 1998 bis 2000 war sie als Oberärztin an der Klinik für Kardiologie im Herzzentrum Coswig und bis 2004 als Oberärztin der Abteilung Rhythmologie im Herzzentrum Leipzig tätig.

Als niedergelassene Kardiologin arbeitete Frau Dr. Schirdewahn erstmals 2004 in einer Gemeinschaftspraxis im Saalekreis.

Seit dem 1. Juli 2015 führt sie die "Kardiologische Praxis Dr. Petra Schirdewahn" in Salzatal, OT Schiepzig, als erfolgreiche Einzelpraxis. Ihr erstes Buch "Herz aus dem Takt" erschien 2013 im Wagner Verlag.