TK: Herr Professor Alscher, wie bewerten Sie den vom Bundesgesundheitsminister vorgelegten Entwurf für ein Digitalisierungsgesetz?

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Professor Dr. Mark Dominik Alscher

Prof. Alscher: Das Thema Digitalisierung im Gesundheitssektor ist in Deutschland, sieht man den internationalen Vergleich, sicher nicht soweit nutzbringend entwickelt, dass wir Ziele erreicht haben, welche andere bereits längst im Alltag umgesetzt haben. Insofern ist eine solche Initiative immer begrüßenswert. Besonders spannend finde ich auch den Hinweis darauf, dass diese Daten Trägern der Gesundheitsversorgung, aber auch wissenschaftstätigen Einheiten über ein Forschungsportal zur Verfügung gestellt werden. Wir werden zukünftig erleben, dass gerade auch die Digitalisierung im Gesundheitswesen dazu führt, Klarheit über viele Bereiche zu erlangen, welche bisher unerschlossen sind. Im optimalen Falle können daraus Erkenntnisse generiert werden, welche helfen, die Qualität der Versorgung auf ein deutlich neues Niveau zu heben. 

TK: Das Sozialministerium hat jetzt zehn Millionen Fördermittel für die Kliniken im Land bereitgestellt. Reicht das aus, um die Kliniken fit für die Digitalisierung zu machen?

Prof. Alscher: Mit den zehn Millionen, welche jetzt zur Verfügung gestellt werden, können beispielhafte Modellprojekte angegangen werden. Die Digitalisierung insgesamt bedarf erheblich größerer Anstrengung. Allein das Thema Infrastruktur, aber auch die Vorhaltung entsprechender Hardware und Software vor Ort ist ein Bereich, der deutlich höhere Investitionen bedarf und eher in einem acht- bis neustelligem Bereich anzusiedeln ist. 

TK: Wie kann der Verein „Digitale Gesundheit Baden-Württemberg“, dessen Vorsitz Sie sind, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringen? Wo sehen Sie derzeit noch die größten Defizite?

Prof. Alscher: Baden-Württemberg zeichnet sich im Vergleich zu anderen Ländern dadurch aus, dass die Akteure des Gesundheitswesens zum Thema Digitalisierung einen sehr offenen und konstruktiven Austausch pflegen. Eine üblicherweise bzw. in anderen Bereichen auf Bundesebene wahrnehmbare Blockadehaltung mancher Akteure findet sich in Baden-Württemberg nicht. Deshalb konnte Baden-Württemberg auch in der Vergangenheit Modellhaftes umsetzen. Der Verein „Digitale Gesundheit Baden-Württemberg“ bietet für diesen konstruktiven Dialog zur Digitalen Lösung eine Plattform und wird im optimalen Falle die Akteure auch weiterhin vernetzen und so Digitalisierungsthemen voranbringen zum Wohle der Bürger und Patienten. 

TK: Beim eHealth Forum Europe in Freiburg erläuterten Sie, wie die Digitalisierung die Inhalte und Anwendung von Leitlinien verändert. Wo sehen Sie hier die tiefgreifendsten Einschnitte und wie steht es mit der Akzeptanz in der Ärzteschaft?

Prof. Alscher: Die Digitalisierung dient Leitlinien auf zweierlei Art und Weise. An erster Stelle darf ich erwähnen, dass mit den Strategien der Digitalisierung auch Big-Data Ansätze und Versorgungsforschung möglich wird. Leitlinien können daraufhin mit mehr Evidenzen generiert werden. Der zweite Aspekt betrifft die Vorhaltung der in Leitlinien zusammengefassten Evidenzen für die Versorgung von Patienten. Neben einer Vor-Ort-Vorhaltung (Point of Care) können auch unmittelbar sogenannte Clinical Decision Support Systeme damit angeboten werden. Dies bedeutet, dass klinische Entscheidungen elektronisch unterstützt werden. 

TK: Beim RBK betreuen Sie nach eigenen Angaben rund 10.000 Patienten telemedizinisch. Was sind für Ihr Haus die wichtigsten Vorteile?

Prof. Alscher: Die Zahl 10.000 ist aktuell noch zu hoch gegriffen. Perspektivisch ist dies aber vorgesehen. Wir haben mittlerweile doch über einen sehr langen Zeitraum Erfahrung mit der Telemedizin, die zehn Jahre sind auch für diese Versorgungsstruktur mittlerweile überschritten. Die Vorteile liegen darin,  dass sie Kompetenz und Expertise in der Fläche anbieten können, ohne bei zunehmender Problematik Fachärzte zu gewinnen, diese vor Ort in Praxen anbieten müssen. Damit können auch Patienten in strukturschwachen Gebieten und beispielsweise chronischen Erkrankungen adäquat versorgt werden. 

TK: Ab 2021 haben Patientinnen und Patienten einen Anspruch darauf, dass ihre medizinischen Daten von Ärzten und Kliniken in einer elektronischen Patientenakte gespeichert werden. Ist das eine realistische Zeitvorgabe?

Prof. Alscher: Technisch gesehen ist dies keinesfalls unrealistisch. Es gibt bereits entsprechende Akten, beispielsweise auch von Ihrer Versicherung. 2021 erscheint fast ein bisschen zu lang für eine solche Selbstverständlichkeit. 

TK: Die TK ist mit ihrer elektronischen Gesundheitsakte TK-Safe nun vom Testbetrieb in den Live-Betrieb gegangen. Es gibt eine gemeinsame Absichtserklärung, dass auch das RBK Entlassbriefe auf TK-Safe übertragen wird. Bis wann könnte das etwa der Fall sein?    

Prof. Alscher: Sobald wir hier aktuell unsere Ressourcen wieder frei haben für neue Projekte (wir hatten kürzlich ein komplett neues Krankenhausinformationssystem eingeführt) kann dies erfolgen. Damit meine ich, dass 2019 die Umsetzung sein wird. 

Zur Person

Professor Dr. Mark Dominik Alscher hat von 1984 bis 1990 in Freiburg Medizin studiert. Im Anschluss folgte die Ausbildung zum Internisten sowie weitere berufliche Stationen in Tübingen und den USA. Seit 2009 ist Prof. Alscher Ärztlicher Direktor des Robert-Bosch-Krankenhauses, seit 2015 auch Geschäftsführer.