TK: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist "Entrepreneurship" also das unternehmerische Denken und Handeln unter radikaler Unsicherheit. Wie schätzen Sie die Folgen der Krise für das Handeln der Akteure ein?

Prof. Dr. Martin Gersch: Ich sehe positive und negative Folgen der Krise. Negativ sind sicherlich die überraschenden, zum Teil existenzgefährdenden Ausfälle von Entwicklungsverläufen, Projekten und Umsätzen. Hier ging und geht es für einige Akteure ums Überleben.

Aber auch in solchen Krisen steckt positives, unter anderem die erhöhte Aufmerksamkeit für die Themen Digitalisierung und Gesundheit. Bisherige Innovationsbarrieren waren von heute auf morgen obsolet. Etliche, auch neue Akteure konnten mit ihren innovativen Ideen mehr Aufmerksamkeit erreichen und beweisen, wie gut und professionell sie Herausforderungen meistern. Es gilt nun, diesen Schub in Richtung Digitalisierung zu nutzen. 

Prof. Dr. Martin Gersch

Porträtfoto von Prof. Martin Gersch, Freie Universität Berlin Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre, Information und Organisation, Freie Universität Berlin, Germany
 

TK: ...und in der Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg?

Gersch: Die erwähnten Chancen gelten ganz besonders für die Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg. Neben der Krise können aktuell auch die Chancen einer zunehmend innovationsfreundlichen Regulierung (Stichwort Digitale Versorgung Gesetz (DVG) und Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGa) sowie eines einzigartigen Wissenschaftsstandortes genutzt werden.

Berlin-Brandenburg bietet mit der Kombination aus Metropole und Flächenversorgung das ideale Labor und die Bühne für neue, digitale Versorgungslösungen für Morgen. Auch im internationalen Vergleich brauchen wir uns nicht zu verstecken: Rahmenbedingungen, Köpfe und Ideen ergänzen sich zu einzigartigen Chancen.

TK: In der Corona-Krise wurde der Digitalisierung augenscheinlich ein großer Schub verliehen. Was braucht es, um die Fortschritte auf diesem Gebiet zu halten und ausbauen zu können - besonders im Bereich eHealth?

Gersch: Auch die Forschung zur Digitalen Transformation geht davon aus, dass Veränderungsprozesse nicht gleichförmig und kontinuierlich verlaufen. Es gibt immer wieder einzelne Episoden mit besonderer Bedeutung für die weiteren Entwicklungen. Die Corona-Krise kann sich als solche Episode erweisen. Die fundamentalen Veränderungen in Richtung Digitalisierung und Etablierung digitaler Plattformen im Gesundheitswesen werden durch die Corona-Krise nicht unterbrochen, sondern eher verstärkt.

Wichtig wird sein, dass auch von Seiten der Regulierung weiterhin mutige Schritte vollzogen (auch auf europäischer Ebene) und dass die Krisen-Verwerfungen (gerade bei Startups) vernünftig und entschlossen abgefedert werden.

TK: Was sind Ihre größten persönlichen Herausforderungen während der Corona-Pandemie?

Gersch: Als Wissenschaftler arbeite ich ja in einigen Facetten meiner Tätigkeiten bereits sehr „pandemiefreundlich“, z.B. bei der weitgehend digitalen, ortsungebundenen Forschung in internationalen Netzwerken von KollegInnen. Das geht auch gut von Zuhause. Leider konnte ich während meines aktuellen Forschungssemesters eigentlich vorgesehene Forschungsaufenthalte und Konferenzbesuche nicht wie geplant durchführen.

Dies gilt auch für die direkten Kontakte mit Studierenden und Startups. Hier ging es mir wie vielen anderen, auch bei uns liegt einige Würze der Aufgabe im direkten Austausch mit interessanten Personen.    
Eine wirkliche Herausforderung für die Universitäten war die fast spontan erforderliche Umstellung von Präsenz- auf Online-Lehre. Hier konnten mein Team und ich von unserer jahrelangen Erfahrung im Bereich E- und Blended Learning profitieren. 

Zur Person

Martin Gersch ist Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre am Department Wirtschaftsinformatik des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität Berlin. Als Gründer des Digital Entrepreneurship Hubs (DEH) koordiniert er die Entrepreneurship Education der FU Berlin und fungiert als Principal Investigator am Einstein Center Digital Future (ECDF).

Martin Gersch lehrt und forscht zur Digitalen Transformation, u.a. in den Bereichen Gesundheit und Mobilität, mit einem besonderen Fokus auf neuen Geschäftsmodellen, Serviceinnovationen und den Implikationen der Plattformökonomie. In diesen Bereichen unterstützt er auch immer wieder forschungsbasierte Startups.