TK spezial: Herr Hans, Sie sind seit 1. März Ministerpräsident des Saarlandes. Wie lautet ihr bisheriges Fazit nach etwa einem halben Jahr Amtszeit?

Ministerpräsident Tobias Hans: Mein bisheriges Fazit ist durchweg positiv. Wir konnten in der Landesregierung gemeinsam vieles auf den Weg bringen. Wir haben auf unserer Eckdatenklausur mit dem Doppelhaushalt 2019/2020 erstmals, seit ich auf der Welt bin, einen Haushalt ohne neue Schulden beschlossen.

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Wir haben anhand einer neuen Sicherheitsarchitektur die Präsenz unserer Polizei in der Fläche gestärkt. Wir haben die Weichen dafür gestellt, den Kommunen bei der Sanierung ihrer Haushalte unter die Arme zu greifen. Wir haben wichtige Mitstreiter gewonnen, wenn es darum geht, unsere exportorientierte Saarindustrie vor den neuen protektionistischen Bestrebungen in der Welt zu schützen. Wir sind dabei, nachhaltige Konzepte zur Zukunftssicherung unserer Automobilindustrie zu entwickeln. Wir haben die Planungen für eine internationale Schule in Campusnähe auf den Weg gebracht. Und schließlich habe ich die Erarbeitung einer umfassenden Digitalisierungsstrategie in Auftrag gegeben.

TK spezial: Schon gleich zu Beginn haben Sie verkündet, dass das Thema Digitalisierung ganz oben auf Ihrer Agenda steht. Warum?

Tobias Hans: Digitalisierung ist das Zukunftsthema schlechthin, denn sie schreitet unaufhörlich voran und wird alle Lebensbereiche von der Arbeitswelt bis in den privaten Alltag erfassen. Einerseits gilt es, diesen Prozess von Seiten der Politik so mitzugestalten, dass am Ende alle Menschen davon profitieren. Andererseits müssen wir uns in Deutschland an die Spitze dieser Entwicklung stellen, um nicht – wie etwa im Bereich von IT und Computertechnologie – einen Trend zu verschlafen und die Marktführerschaft anderen zu überlassen.

TK spezial: Wo sehen Sie im Saarland bei der Digitalisierung Mängel, Potenzial oder auch bereits gute Entwicklungen?

Tobias Hans: Wir haben im Saarland beste Chancen, bei der Digitalisierung ganz vorne in der ersten Reihe mitzuspielen. Unsere Forschungslandschaft im Bereich von KI und Cybersicherheit gehört zur Weltspitze. Hinzu kommt ein sehr digitalisierungsaffiner Mittelstand im Saarland. Laut dem Mittelstandsbarometer von Ernst & Young ist in keinem anderen Flächenland der Anteil derjenigen mittelständischen Unternehmen, die bei ihren Geschäftsmodellen auf die Digitalisierung setzen, so hoch ist wie im Saarland. In Zukunft gilt es nun, diese Trümpfe in konkrete Wertschöpfung bei uns im Land zu überführen. Daran hat es bisher gemangelt. Das ist aber unsere zentrale Aufgabe, wenn es um die Zukunftssicherung unseres Landes geht.

TK spezial: Wie wichtig sind das Helmholtz-Zentrum Cispa, das DFKI etc. für den Standort Saarland? Könnten diese Institutionen auch für das saarländische Gesundheitssystem wichtige Neuerungen auf den Weg bringen?

Tobias Hans: Diese Einrichtungen sind von zentraler Bedeutung für den Strukturwandel in unserem Land. Dies gilt auch für das Gesundheitswesen, das gerade in Bezug auf die Datensicherheit zu den sensibelsten Bereichen überhaupt gehört. Ich bin der festen Überzeugung: Wenn es uns nicht gelingt, im Umgang mit Patientendaten ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten, wird die Digitalisierung hier nur sehr schleppend voranschreiten. Aus diesem Grund haben wir im Saarland mit dem im Aufbau befindlichen Helmholtz Zentrum für Cybersicherheit im Zusammenspiel mit unserem hochexzellenten forschungsnahen Universitätsklinikum beste Chancen, den digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen maßgeblich mitzugestalten.

TK spezial: Gerade im Gesundheitswesen tut sich im Zuge der Digitalisierung recht viel. Was halten Sie von elektronischer Gesundheitsakte, Telemedizin, elektronischer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung etc.?

Tobias Hans: Wenn wir sicherstellen, dass mit Patientendaten kein Schindluder getrieben werden kann, wird die Digitalisierung ohne Frage die Qualität unseres Gesundheitswesens wesentlich verbessern. Wir können dadurch das medizinische Personal ebenso wie die Patienten deutlich entlasten. Aufgrund elektronischer Kommunikation und Datenübertragung entfällt die räumliche Trennung zwischen Arzt und Patient, sodass sich weite Anfahrtswege erübrigen und lange Wartezeiten in den Praxen verhindert werden können. Wir erleichtern durch bildgebende Systeme den Austausch zwischen Hausärzten, Fachärzten, Krankenhäusern und Spezialkliniken, was sich positiv auf die Qualität diagnostischer und therapeutischer Beurteilungen auswirken wird. Vorteile ergeben sich auch für die Überwachung des Gesundheitszustandes von chronisch Kranken, für Routinebehandlungen, die per Fernanweisung von Familienangehörigen getätigt werden können, und insbesondere auch für die Notfall- und Bereitschaftsmedizin.

TK spezial: Wo und wie können die Fortschritte durch die Digitalisierung gerade dem Gesundheitssystem im Saarland helfen?

Tobias Hans: Im Saarland kann die Digitalisierung im Gesundheitswesen erheblich dazu beitragen, für gleichwertige Lebensverhältnisse in den städtischen Ballungszentren und auf dem flachen Land zu sorgen. Wir haben ja wie in vielen anderen Regionen Deutschlands im ländlichen Raum die Gefahr des Ärztemangels. Gerade für ältere kranke und pflegebedürftige Menschen wirkt sich dies spürbar auf die Lebensqualität aus. Anfahrtswege von 15 oder 20 Kilometern bis zum nächsten Facharzt per ÖPNV sind für diese Menschen kaum zu bewältigen, ebenso wie regelmäßige flächendeckende Hausbesuche in einem Radius von 15 oder 20 Kilometer für einen einzelnen Arzt nicht machbar sind. Bei der telemedizinischen Gesundheitsversorgung können auch ausgebildete Pflegekräfte die wichtigsten Gesundheitsdaten vor Ort aufnehmen und direkt an den Arzt übermitteln. Dieser kann dann entsprechende therapeutische Maßnahmen und Medikationen verordnen, er kann an die nächstgelegene Apotheke ein elektronisches Rezept versenden oder, falls er es als notwendig erachtet, doch noch selbst nach dem Patienten schauen. Kurz: Der Wirkungsgrad der bestehenden medizinischen Infrastruktur wird sich signifikant erhöhen, was vor allem den ländlichen Regionen zugutekommen wird.