TK: Können Kliniken ihren Umsatz steigern, wenn sie künstliche Intelligenz (KI) einsetzen? 

Prof. Steffen Gramminger

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Geschäftsführer der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG) e. V.

Prof. Gramminger: KI kann sicherlich dazu führen, dass Kliniken finanziell profitieren. Eine womögliche Rendite darf dann aber nicht dem Gesundheitssystem entzogen werden, sondern muss in das System reinvestiert werden. Die Digitalisierung, und damit auch KI, kann dazu beitragen, dass Gesundheitsversorgung bezahlbar bleibt.

Viele von uns schlucken bereits, wenn sie 14 Prozent des Bruttogehaltes für die Krankenversicherung zahlen müssen; wären es 20 oder 25 Prozent würde jeder schreien. Auch deshalb müssen wir uns intensiv mit der Digitalisierung auseinandersetzen.

KI bringt Vorteile für die Patientensicherheit, für das Qualitäts- und das Risikomanagement, weil sie mehr Daten erfassen und abgleichen kann und diese äußerst effizient auswertet. Durch die so gewonnene Zeit ist es möglich, alle patientennahen Tätigkeiten mehr in den Vordergrund zu rücken. Wenn es zu Einsparungen kommt, ist es wichtig, dass diese Ressourcen wieder ins Gesundheitswesen zurückfließen, in das Personal oder in die Infrastruktur. 

TK: Wie sehen Sie beim Thema KI die Rolle der Hessischen Krankenhausgesellschaft?

Prof. Gramminger: Unsere Aufgabe ist es, die Krankenhäuser in Hessen zu unterstützen und herauszufinden, was sie benötigen. Bevor wir über Künstliche Intelligenz sprechen, müssen wir uns zuerst fragen, wie wir den Kliniken insgesamt bei der Digitalisierung helfen können. Hier stehen Themen an, wie zum Beispiel die Anbindung der einzelnen Häuser zu verbessern, die Infrastruktur weiter auf- und auszubauen oder die elektronische Patientenakte voranzutreiben. Wir müssen die Krankenhäuser dabei unterstützen, dass sie ihre technischen Voraussetzungen für die Ausstattung, der Absicherung und der sektorenübergreifenden Vernetzung aufbauen.

Es gibt heute keine Klinik mehr, die ohne ein IT-gestütztes Krankenhausinformationssystem arbeitet. Aber: Der Datenaustausch des führenden Informationssystems mit den sogenannten Subsystemen, und somit einer effizienten Nutzung aller gewonnenen Daten, stellt sehr häufig ein Problem dar. Geht man noch einen Schritt weiter und möchte sich sektorenübergreifend vernetzen oder gar die Sozialleistungsträger einbinden, dann stößt man sehr schnell an vielfältige Grenzen.

Daher brauchen wir dringend Systeme, die innerhalb des Gesundheitswesens kompatibel sind. Hierbei sehe ich unseren Verband genauso in der Pflicht dies zu unterstützen, wie die Sozialleistungsträger, die Kassenärztliche Vereinigung oder die Ärztekammer. Wir müssen die verschiedenen Interessenlagen an einen Tisch bekommen.

TK: Also aus der Traum von mehr Zeit für den Patienten? Wir müssen KI im Klinik-Alltag vorerst zurückstellen? 

Prof. Gramminger: Nein, ganz und gar nicht. Die KI ist ein Teil der Digitalisierung. Wir müssen die anderen Aspekte der Digitalisierung zwar zuerst bedenken, bevor wir uns auf nur diesen einen Baustein konzentrieren, aber: Die Kliniken können KI-Prozesse parallel einbinden, besonders in der Diagnostik. KI-Systeme können mittelfristig schneller und präziser berechnen, wie wahrscheinlich das Vorliegen einer Erkrankung ist, als es der Arzt tun kann.

Wenn die KI in ein gutes Gesamtsystem eingebettet ist, kommt der Arzt nicht nur schneller zur korrekten Diagnose, sondern wird auch seine eigene Kompetenz stetig erweitern. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird es sein, dass die Mediziner die vielen neuen Informationen verarbeiten müssen.

Durch den digitalen Datenaustausch gibt es ja auch immer mehr aktuelle Erkenntnisse. All diese Informationen zu kennen, wird für den einzelnen Mediziner immer schwieriger werden. Ein KI-System hat es da leichter: Es erhält eine Begrifflichkeit oder eine Fragestellung, gleicht die Daten in wenigen Sekunden ab und spuckt das Ergebnis aus. Der Fachexperte sollte dann aber am Ende des Prozesses der kluge Kopf sein, der die Ergebnisse beurteilt, bewertet und letztendlich entscheidet, wie vorzugehen ist.

TK: Das klingt ganz einfach…

Prof. Gramminger: Ist es leider aber nicht. Es funktioniert nur, wenn der Mensch dabei seine Sinne nicht abstellt. Jeder Patient und jeder Fall ist unterschiedlich. Auch mit KI muss jeder Patient individuell betrachtet und betreut werden. Die soziale Interaktion liegt weiterhin in unseren Händen. Kein Computer der Welt kann einen Patienten führen und sich so in ihn hineinversetzen, wie seine menschlichen Behandler.

Wir müssen es schaffen, durch die Kombination der menschlichen Aspekte und der fachlichen KI-Unterstützung, die richtige Behandlung für den Patienten in der individuellen Situation zu ermitteln. Nur dann werden Patienten und Klinikpersonal KI als Werkzeug akzeptieren. 

TK: Sie klingen vom Mehrwert der KI überzeugt, aber wie sehen die Kliniken das? Müssen Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

Prof. Gramminger: Man muss noch viel antreiben, auch weil es viele Ängste gibt. Wer etwa als Arzt oder in der Krankenpflege arbeitet, möchte mit Menschen kommunizieren, Patienten behandeln und helfen Leid zu lindern. Und plötzlich kommt so ein Computer und sagt einem, was man tun soll. Viele sehen in der Maschine zunächst einen gewaltigen Störfaktor im Behandlungsverhältnis zum Patienten. Dazu kommt die Generationenfrage. Salopp gesagt: Unsereins hat 50 Jahre mit dem Fernseher gelebt, während sich die technischen Meilensteine in den letzten zehn Jahren geradezu überschlagen haben.

Und trotzdem: Wir können uns gegen den technischen Einzug nicht wehren. Wir müssen aber dafür sorgen, dass der Mensch am Ende der Kette als das High-End-Produkt steht. Wir sollten uns diese Systeme zu Nutze machen, ohne abhängig davon zu werden. Das kann gelingen, wenn wir die KI wie ein Lehrbuch einsetzen. Früher hat der Arzt nachgelesen, wie ein Tumor aussieht und beschaffen ist. Heute kann die KI den Tumor erkennen, sollte dem Arzt aber mitteilen, wie sie zu diesem Ergebnis kam und welche Faktoren sie in die Diagnose einbezogen hat. Daraus können junge Ärzte lernen und es ist leichter das KI-System als Unterstützung zu akzeptieren, weil der Prozess transparent ist. 

TK: Wie sieht es mit der Klinik-Verwaltung aus - bedeutet KI hier auch Entlastung oder doch Entlassung?

Prof. Gramminger: Ganz klar: Entlastung. Komplexe Abrechnungsregelungen, Anforderungen an die Dokumentation, vorgeschriebene Nachweise von Qualifikationen und Erfüllen von Gesetzesvorgaben, Dokumentation im Rahmen von Qualitätssicherung, und, und, und… Die Verwaltung in den Kliniken ist zu einem riesigen Bürokratiemonster geworden, das ohnehin unter Personalmangel leidet.

Nehmen wir Kodierfachkräfte als Beispiel: Vor der Einführung des DRG-Systems eine unbekannte und nicht vorhandene Berufsgruppe. Mit der Weiterentwicklung des DRG-Systems wurde erkannt, dass wir spezielles Fachpersonal für die Kodierung und Dokumentation brauchen. Heute werden in über 80 Prozent der Krankenhäuser Kodierfachkräfte eingesetzt und es werden kontinuierlich neue Fachkräfte gesucht - aber der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Genau diese Berufsgruppe profitiert durch den Einsatz von KI-Systemen extrem. Man kann schneller, vollständiger und fehlerfreier die Daten erfassen und somit zeitnah eine korrekte Rechnung stellen. Kodierfachkräfte können somit vor allem die „Standardarbeit Kodierung“ wesentlich effizienter abarbeiten und andere Schwerpunkte etwa in der Dokumentation oder in der Qualitätssicherung setzen. KI in der Kodierung und Dokumentation führt nicht dazu, dass Kodierfachkräfte arbeitslos werden, sondern kompensiert den Mangel und setzt neue Arbeitsschwerpunkte in dieser Berufsgruppe.

Zur Person

Prof. Dr. Steffen Gramminger ist Geschäftsführer der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG) e.V. und zuständig für die Schwerpunkte Medizin, Qualität und Finanzierung. Seit 2000 ist der Mediziner in verschiedenen Positionen im Medizinmanagement tätig, zuvor arbeitete Gramminger mehrere Jahre als Arzt in unterschiedlichen Krankenhäusern.

Prof. Gramminger wird in der Talkrunde mit diskutieren, die beim eHealth-Kongress Rhein Main und Hessen am 28. August 2019 in Frankfurt im Future Panel by TK - Künstliche Intelligenz in der Medizin: Was ist heute und morgen möglich? stattfindet.