Auch die TK will die Versorgung ihrer Versicherten kontinuierlich auf Basis von Routinedatenauswertungen überprüfen und verbessern.

TK: Frau Mussa, bei der dritten Jahresveranstaltung zum Forum Gesundheitsstandort hat Winfried Kretschmann gesagt, dass wir vom abwehrenden zum gestaltenden Datenschutz kommen müssten. Können Sie dem zustimmen?

Nadia Mussa

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Leiterin der TK Landesvertretung Baden-Württemberg

Nadia Mussa: Absolut. Nehmen wir zum Beispiel die elektronische Patientenakte: Trotz der unbestrittenen Vorteile überwiegen in der Berichterstattung oft Datenschutzbedenken. Wir sind uns mehr als bewusst, dass Gesundheitsdaten hochsensibel und schützenswert sind, und haben bei der Entwicklung von TK Safe höchste Anforderungen an den Datenschutz und die Datensicherheit gestellt. Außerdem ist die ePA freiwillig und alleine die Patientinnen und Patienten können entscheiden, wer Zugriff bekommt.

Es muss mir als Patientin aber auch klar sein, dass die ePA ihren Nutzen am besten entfalten kann, wenn ich Transparenz zulasse. Welche Informationen zu früheren Untersuchungen oder Medikamenten braucht meine Ärztin oder mein Arzt, damit ich optimal behandelt werden kann? Wäre es sinnvoll für mich, wenn meine Krankenkasse mich bei einer bestimmten Diagnose gezielt zu Behandlungsalternativen und speziellen Verträgen informieren könnte? Man darf Datenschutz deshalb nicht pauschal über den Schutz der Gesundheit stellen.

TK: MP Kretschmann warnte auch davor, die Digitalisierung im Gesundheitswesen "anderen" zu überlassen, die es "ohne Standards" machen. Wie lässt sich das verhindern?

Nadia Mussa: Unser Gesundheitssystem ist gegen eine "Amazonisierung" alles andere als immun. Wenn kommerzielle Player komfortable und schnelle Lösungen anbieten, bestimmen nicht mehr Politik und Gesellschaft die Regeln, sondern die Bequemlichkeit.

Das können wir nur verhindern, indem wir selbst gute digitale Angebote machen. Dabei nutzen wir als TK bereits die bestehenden Möglichkeiten, um Kundinnen und Kunden, sofort erlebbare, individuell auf sie zugeschnittene digitale Lösungen und Behandlungsprogramme anzubieten, etwa für Herzkranke oder Schwangere.

Allerdings können wir das Potential noch nicht ganz ausschöpfen. Dass Daten einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung leisten, hat der Gesetzgeber zwar erkannt: Versicherte können die Daten ihrer ePA freiwillig und anonymisiert der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen, nicht aber den Krankenkassen.

Das ist nicht nachvollziehbar, denn zu unseren Aufgaben gehört auch, die Versorgung der Versicherten und deren Qualität zu erforschen und zu verbessern.

TK: Und wo sehen Sie weitere Vorteile der Datennutzung?

Nadia Mussa: Auch um die Qualität stationärer Behandlungen zu messen, brauchen wir vernünftige Daten. Es ist unkompliziert, bei der Einweisung zu fragen, ob jemand einverstanden ist, digitale Gesundheitsdaten anonymisiert für solche Qualitätsmessungen bereitzustellen. Denn nicht allein das Behandlungsergebnis, sondern auch Parameter wie Indikation, Vorerkrankungen, Geschlecht oder Alter müssen berücksichtigt werden.

Eine solche Transparenz der Behandlungsqualität kann langfristig helfen, Ungerechtigkeiten bei der Krankenhausfinanzierung zu beheben. Allerdings nach dem Prinzip Belohnung für gute Qualität und nicht mit Abzügen für schlechte.