Im Rahmen des TeamBaby-Projekts wurden im ersten Schritt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geburtshilfeteams in effektiver und vertrauensvoller Kommunikation sowohl innerhalb des Teams als auch mit den Schwangeren und deren Angehörigen geschult. Seit Juni 2020 können auch werdende Müttern, die ihr Kind am Frankfurter Uniklinikum zur Welt bringen wollen, an einem Kommunikationstraining teilnehmen. Eine Teilnahme für die Mütter ist noch bis Juli 2021 möglich. Aufgrund der Corona Pandemie finden die Schulungen digital statt.

Aktuell haben - an den Studienorten Frankfurt und Ulm - insgesamt mehr als 130 werdende Mütter und rund 30 Begleitpersonen die Online-Trainings absolviert. Wir haben Professor Frank Louwen, Leiter der Geburtshilfe am Frankfurter Universitätsklinikum, zu ersten Erfahrungen mit den Kommunikationstrainings befragt.

TK: Welche Verbesserungen in der Patientensicherheit hoffen Sie mit einer besseren Kommunikation bei der Geburt zu erreichen?

Professor Frank Louwen: Wir erhoffen uns, dass sich die Frauen bei uns im Haus noch besser aufgehoben fühlen und sich während der ganzen Geburtsphase noch sicherer fühlen. Ganz klar erwarten wir uns eine Reduktion sogenannter "vermeidbar unerwünschter Ereignisse". Das ist ein Fachausdruck für Geschehnisse, die zu körperlichen und seelischen Nachteilen für die Mutter führen können. Die meisten Probleme, die Frauen und ihre Begleitpersonen während der Geburt erleben, entstehen durch zwischenmenschliche Missverständnisse. Diese Gefahrenquelle gehen wir mit unserem Projekt an unserem Klinikum an!

Prof. Frank Louwen

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Chefarzt am Universitätsklinikum Frankfurt

TK: Beobachten Sie und Ihre Geburtshilfeteams aufgrund der Kommunikationstrainings schon heute spürbare Veränderungen während der Geburt?

Prof. Louwen: Durch die Kommunikationstrainings wurden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Team für das eigene Kommunikationsverhalten und in der Zusammenarbeit, besonders mit anderen Berufsgruppen sensibilisiert. Gegenüber den werdenden Müttern ist es unser Ziel, die Schwangerenperspektive einzunehmen. Wir versuchen, uns in sie hineinzuversetzen und unsere Behandlungsschritte klar, eindeutig und gut verständlich zu vermitteln.

Fachbegriffe nutzen wir nur, wenn wir sie nachvollziehbar erklären und sie dem Informationsbedarf der jeweiligen Frau entspricht - denn die Bedürfnisse und das Vorwissen unserer Schwangeren unterscheiden sich. Erfreulicherweise melden uns die Studienteilnehmerinnen zurück, dass das gut funktioniert. Außerdem fühlen sich die Frauen durch unsere Trainings besser auf die Geburt vorbereitet. Unter den aktuellen Unsicherheiten in der Coronapandemie ist es noch wichtiger geworden!

TK: Was waren für Ihre Mitarbeiter die wichtigsten - und vielleicht auch erstaunlichsten - Erkenntnisse aus diesen Trainings?

Prof. Louwen: Ganz klar die sogenannte "Speaking-Up Thematik" - diese offen anzugehen hat uns als interdisziplinäres Team tatsächlich weitergebracht. "Speaking Up" heißt zu reagieren und auszusprechen, wenn einem etwas auffällt, was die Sicherheit der werdenden Mütter oder der Babys gefährden könnte - und zwar unabhängig von der beruflichen Hierarchiestufe, auf der sich der oder die Mitarbeiterin befindet. Studien zeigen, dass Speaking Up viel zu selten erfolgt. Ich finde es beeindruckend, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach den Trainings eigeninitiativ im Personalraum ein Speaking Up Plakat aufgehängt haben. So werden an jedem Arbeitstag alle daran erinnert, dass gegenseitige Unterstützung wichtig ist, um Fehler zu reduzieren.

Ich bin stolz, dass wir aktiv daran arbeiten, eine sicherere Kultur zu entwickeln, in der sich jeder traut, Bedenken zu äußern. Im "Willkommenspaket" für unsere neuen Hebammen ist in einem Büchlein als Visitenkarte unsere "TeamBaby Speaking Up Karte" (die zum Speaking Up ermutigt) integriert. Dies zeigt für mich, dass mein Team immer bereit ist, die eigene Arbeit zu hinterfragen, um die Versorgungsqualität zu verbessern und damit die Patientensicherheit zu erhöhen.

TK: Mittlerweile haben die ersten rund 150 werdenden Mütter an den Online-Schulungen teilgenommen. Gibt es Anliegen, die dort besonders häufig angesprochen werden?

Prof. Louwen: Die Online-Schulungen werden von erfahrenen Kommunikationstrainern aus der Geburtshilfe (von einer Hebamme und einem Arzt) in einer virtuellen Kleingruppe mit Schwangeren und Begleitpersonen der Universitätskliniken Ulm und Frankfurt durchgeführt. Je nach Gruppe werden tatsächlich unterschiedliche Anliegen angesprochen, für die ausreichend Zeit und Raum ist.

Spannend finde ich die Zusammensetzung der werdenden Mütter in den Schulungen, von Erstgebärenden über Zweitgebärenden, Mehrgebärende und deren Begleitpersonen, in der Regel den werdenden Vätern. In den Trainings teilen die TeamBaby Teilnehmerinnen und ihre Angehörigen ihre bisherigen Erfahrungen, Wünsche, Fragen und Ängste miteinander. Diese Vielfalt und der Austausch untereinander ist ein großer Mehrwert für die Trainings. Da die Teilnehmerinnen eher jünger sind, sind sie alle online erfahren und können sich in diesem Format gut einbringen.

TK: Wie können Sie auch Frauen unterstützen, die nicht an den Online-Schulungen teilnehmen können, weil sie beispielsweise zum Zeitpunkt der Schulung auf ihre anderen Kinder aufpassen müssen?

Prof. Louwen: Wir arbeiten fleißig an einer Web-App, die sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch Schwangere und ihre Angehörigen in guter Kommunikation trainieren soll. Hier haben vor allem unsere Partner der Jacobs-University Bremen und die Techniker Krankenkasse viel Kreativität und Energie reingesteckt, um unsere Präsenz- und Onlinetrainings digital umzusetzen.

Wir haben erst kürzlich im ganzen Projektteam die Web-App getestet und ich war begeistert, wie schön und spannend so eine Schulung digital funktionieren kann. Diese Web-App soll dann den werdenden Eltern und auch den Mitarbeitenden in der Geburtshilfe Anfang 2021 zu Verfügung gestellt werden und bietet eine tolle Möglichkeit, ganz flexibel und mit Spaß Kommunikation rund um die Geburt zu trainieren.

TK: Das Forschungsprojekt ist ja zeitlich befristet. Wie soll es danach weitergehen?

Prof. Louwen: Ich bin sehr optimistisch, dass die Anregungen durch die Personalschulungen dauerhaft die Zusammenarbeit in unseren Geburtshilfeteams verbessern und die positiven Erfahrungen auch an neue Kolleginnen und Kollegen weitergegeben werden. Wir arbeiten zurzeit daran, dass die Web-App - möglicherweise im Rahmen eines besonderen Versorgungsvertrags - einer breiteren Öffentlichkeit angeboten werden kann. Es würde mich sehr freuen, dazu als Klinikchef einen nachhaltigen Beitrag geleistet zu haben.