Die Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes (BKA) verzeichnet 4.247 Kinder unter 14 Jahren, die 2017 Opfer von körperlichen Misshandlungen geworden sind. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

Eine Chance, Kindesmisshandlungen und -missbrauch frühzeitig zu erkennen, sind Untersuchungen beim Kinder- und Hausarzt. Allerdings sind viele Ärzte bei der Diagnostik von Gewalt nur bedingt ausgebildet und daher teilweise stark verunsichert.

Gleichzeitig ist aber die Verantwortung der Ärzte nach Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes im Januar 2012 deutlich gestiegen. Um diesem gesetzlichen Auftrag nachzukommen, ist umfangreiches Vorwissen erforderlich, das Ärzte und medizinisches Personal aufbauen sollten.

Aus diesem Grund unterstützt die Techniker Krankenkasse (TK) in Hessen erneut die "Internationale Kasseler Fortbildung zur Medizinischen Diagnostik bei Kindesmisshandlung: Kinderschutz in der Medizin".

"Ärzte und medizinisches Personal sind wichtige Partner bei der Bekämpfung von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch. Sie müssen in die Lage versetzt werden, die Folgen von Gewalt und Missbrauch zu erkennen", unterstreicht Sozialminister Kai Klose. "Dadurch werden nicht nur die Folgen der Gewalt kurzfristig gelindert. Mittel- und langfristig kann die medizinische Versorgung auch präventiv wirken und bestenfalls neuen Gewalterfahrungen vorbeugen." Der hessische Sozialminister ist Schirmherr der Veranstaltung. 

Sexuelle Übergriffe in den Medien

Die Fortbildung hat sich auf verschiedenen Ebenen weiter entwickelt. Einerseits ist das Thema "sexuelle Übergriffe in der medialen Welt" fester Bestandteil des Angebots.

Andererseits ist die Tagung inzwischen die Voraussetzung dafür, dass sich Ärzte zum zertifizierten Kinderschutzmediziner weiterbilden können.

"Das Thema 'sexuelle Übergriffe in der medialen Welt' bei der Kasseler Ärztefortbildung auf die Tagesordnung zu nehmen, ist eine richtige Entscheidung. Es ist wichtig, dass Mediziner gut über die Formen sexueller Gewalt in den Medien informiert sind. Sie müssen wissen, wie sie reagieren sollen, wenn sich Eltern oder Kinder mit ihren Sorgen und Fragen an sie wenden. Darüber hinaus sollten sie gut vernetzt sein sowie die ortsnahen Fachstellen und Hilfseinrichtungen kennen", sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen. "Das Angebot auf der Fachtagung schließt eine Lücke und unterstützt die Versorgung von Kindern. Wenn etwas Verstörendes vorgefallen ist, ist der Arzt ein weiterer Ansprechpartner, dem sie sich die betroffenen Kinder möglicherweise anvertrauen", so Voß.

Haus- und Kinderärzte sind gefragt

In der Kasseler Fortbildung lernen Ärzte und medizinisches Fachpersonal, die Grundlagen dafür, wie sie Kindeswohl-gefährdungen im medizinischen Kontext erkennen und wie sie damit umgehen sollten. Also auch, welche Verletzungen auf Misshandlungen hindeuten und wie sich Kinder verhalten, denen sexuelle Gewalt widerfahren ist.

Die TK in Hessen findet es vor allem wichtig, dass sich Kinder- und Hausärzte bei der Tagung in Kassel fortbilden. Denn oft sind sie die einzigen, die Kinder außerhalb der Familie auf mögliche Verletzungen hin untersuchen, etwa bei Früherkennungs-untersuchungen. Bei 13.539 Opfern unter 14 Jahren, denen sexueller Missbrauch bereits in 2017 widerfahren ist, müssen Ärzte damit rechnen in ihrer Laufbahn mit Missbrauchsfällen konfrontiert zu werden.

"Guter Kinderschutz erfordert gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte und deren Zusammenarbeit mit anderen Fachkräften. Das wird leider in Aus- und Weiterbildung bislang kaum berücksichtigt. In unserer Fortbildung - die einzige dieser Art in Deutschland - lernen die Teilnehmer, medizinische Hinweise zu erkennen und dann sinnvoll zu reagieren", sagt Dr. Bernd Herrmann zum Stellenwert der Fortbildung für den Kinderschutz in der Medizin in Deutschland. Herrmann ist Oberarzt der Kasseler Kinderklinik und organisiert die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung. Darüber hinaus leitet Herrmann die Kinderschutzgruppe am Klinikum Kassel.

Kinderschutzgruppen sichern Qualität

Damit in Kliniken gewährleistet ist, dass Kinder im Verdacht von Missbrauch richtig behandelt werden, sichern die sogenannten Kinderschutzgruppen die Qualitätsstandards.

Eine Kinderschutzgruppe besteht aus Ärzten verschiedener Fachrichtungen, Psychologen, der Pflege und dem Kliniksozialdienst. Dieses von der DGfPI und DGKiM vertretene Konzept für Kinderschutz ist inzwischen in Kliniken in ganz Deutschland verbreitet und akzeptiert und wird auch von den Kindermedizin Fachgesellschaften vertreten.

Nachdem es vor zehn Jahren noch kaum Kinderschutzgruppen gab, haben sie sich mittlerweile an nahezu jeder dritten deutschen Kinderklinik etabliert. "Die DGKiM bietet darüber hinaus seit 2017 das genannte Basis-Zertifikat und ein entsprechendes Curriculum Kinderschutzmedizin an, um Qualitätsstandards im medizinischen Kinderschutz zu etablieren", so Herrmann. Der Kinderschutz in der Medizin ist also auf dem richtigen Weg. Die stetig steigenden Teilnehmerzahlen zeigen den dennoch hohen Informationsbedarf von Ärzten und medizinischem Fachpersonal.

Kasseler Ärztefortbildung

Die Tagung findet seit 2003 stets am Klinikum Kassel statt. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM) und die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI) veranstalten die Ärzte-Fortbildung gemeinsam.

Der Bedarf an Information ist so hoch, dass die Veranstaltung stets ausgebucht ist. Mit 172 Teilnehmern in diesem Jahr erreichten die Veranstalter eine neue Rekordzahl. Seit die Fortbildung zum ersten Mal angeboten wurde, haben über 1.400 Ärzte, Pflegende, Mitarbeiter in Kinderschutzgruppen und andere medizinische und nicht medizinische Fachleute in diesem Rahmen die Grundlagen somatischer und klinisch-diagnostischer Aspekte bei Kindeswohlgefährdungen und die notwendigen Konsequenzen in Klinik und Praxis erlernt. Interessierte Fachleute kommen für diese Weiterbildung nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, Österreich und Italien.