Die Entwicklung technischer Systeme erschließt immer neue Möglichkeiten, die Veränderungen mit sich bringen - Sonnen- und Schattenseiten inklusive.

Schattenseiten minimieren

Als der Ingenieur Rudolf Diesel 1893 das Patent für seinen gleichnamigen neuen Antrieb erhielt, setzte er damit nicht nur Verkehrsmittel in Bewegung, sondern die gesamte deutsche Wirtschaft. Heute ist die Automobilbranche einer der größten Arbeitgeber der Bundesrepublik. Auch wenn derzeit über Dieselmotoren wegen ihrer Umwelt- und Gesundheitsrisiken heftig diskutiert wird, würde kaum einer den ursprünglichen Nutzen dieser Erfindung in Frage stellen. Vielmehr gilt es, Schattenseiten zu minimieren, indem der Gesetzgeber Entscheidungen hinsichtlich notwendiger Grenzwerte trifft oder sich die Automobilindustrie rascher zu Gunsten von Gas- und Elektromotoren umrüstet. Auch der Einzug des Fernsehens in deutsche Wohnzimmer wurde damals so ambivalent diskutiert.

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Jörn Simon, Leiter der TK-Landesvertretung Rheinland-Pfalz

Unterschiedliche Haltungen

Einen ähnlichen Zwiespalt beobachte ich nun auch, wenn es um den Megatrend "Digitalisierung" geht. Zwar besteht nicht nur unter den Akteuren des Gesundheitswesens, sondern auch in der breiten Bevölkerung Konsens darüber, dass die digitale Transformation vorangetrieben werden muss. Nur beim "Wie" zeigen sich oft unterschiedliche Haltungen, die das Vorankommen hindern. Insbesondere im Gesundheitswesen müssen rund um die "Digitalisierung" auch ethische Fragen geklärt werden (lesen Sie hierzu insbesondere auch unser Whitepaper "Digitalisierung im Gesundheitswesen").

Allein der Versicherte sollte entscheiden

Gerade wenn es um sensible Gesundheitsdaten geht, ist es vollkommen nachvollziehbar, dass immer wieder Fragen aufgeworfen werden, die sich beispielsweise mit dem Ausmaß von Transparenz befassen. Wie viel "Gläserner Patient" ist nötig, damit es dem Versicherten zum Vorteil gereicht und das Gesundheitssystem effizienter wird? Wo aber müssen Grenzen verlaufen? Das ist eine der "Gretchenfragen", mit deren Beantwortung man sich im Zuge der Digitalisierung befassen muss, um blockierende Ambivalenzen aufzulösen. Wenn es beispielsweise um die elektronische Gesundheitsakte "TK Safe" geht, ist die TK der Auffassung, dass alleine der Versicherte entscheiden sollte, wer Zugang zu seinen individuellen Gesundheitsdaten erhält.

Bestmöglicher Schutz von Freiheit und Selbstbestimmung

Aber auch andere Fragen drängen sich im Zuge der digitalen Transformation auf: Welche Bedingungen müssen beispielsweise gegeben sein, damit unsere Gesellschaft überwiegend von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitiert und möglichst wenig von ihren Risiken zu spüren bekommt? Für mich persönlich gehört der bestmögliche Schutz von Freiheit und Selbstbestimmtheit zu diesen Bedingungen.

Wenn es etwa um das Wettbewerbsfeld der elektronischen Patientenakten geht, darf Bequemlichkeit nicht dazu führen, dass persönliche Gesundheitsdaten einem Online-Händler in den USA überlassen werden. Und zwar ganz gleich, ob er mit Daten oder ursprünglich nur mit Büchern handelt. Das Risiko, dass sensible Informationen - aufgrund laxer datenschutzrechtlicher Bestimmungen - in die falschen Hände geraten, ist zu groß. Und sei es nur um zu verhindern, dass Ihnen oder mir beim Surfen im Internet - entsprechend vorhandener Diagnosen - zum Beispiel das passende Antidepressivum oder ein Treppenlift von Google angeboten werden. Es ist wichtig, dass digitale Angebote an deutsche beziehungsweise europäische Standards des Datenschutzes und der Datensicherheit gebunden sind.

Von der Digitalisierung profitieren

Wenn solche und andere Fragen im Grundsatz geklärt und durch den Gesetzgeber verankert wurden, dann verschwinden hoffentlich auch die Ambivalenzen in der öffentlichen Debatte zur digitalen Transformation. Denn dann ist die Basis dafür geschaffen, dass wir von der Digitalisierung profitieren, da wir sie selbst gestalten. Und die Optionen, bei denen wir maßgeblich profitieren können sind mannigfaltig. Sie bieten sich beispielsweise im Bereich der Pflege, wo unterstützende Roboter simple Hol- und Bringdienste verrichten könnten, so dass dem Pflegepersonal mehr Zeit bliebe, mit den Pflegebedürftigen zu sprechen. Ein weiteres Beispiel wären aber auch so genannte Smart-Systeme, die Bewegungsabläufe von älteren Menschen zu Hause registrieren können, um einen Notruf abzusetzen, falls längere Zeit keine Bewegung oder auch ein Sturz registriert wird.