TK: Bund und Länder unterstützen die Digitalisierung der Krankenhäuser mit dem Krankenhauszukunftsprogramm. Was erhoffen Sie sich damit für Ihr Haus, aber auch für die Kliniken in Baden-Württemberg insgesamt?

Prof. Dr. Jörg Martin: Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie wichtig ein schneller Ausbau der Digitalisierung in allen Bereichen, auch im Krankenhauswesen, ist. Sie bietet die Chance, Prozesse zwischen den Akteuren - dies sind Patienten, niedergelassene Ärzte, Kliniken und andere Gesundheitsanbieter - und innerhalb eines Krankenhauses zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Aber auch einen höheren Grad an Behandlungsqualität und Dienstleistung zu erzielen. Dazu zählen beispielsweise Patienten-Apps für die digitale Einbindung der Patienten vor, während und nach ihrem Aufenthalt, Drohnen für den schnellen Transport von Laborproben, Video-Sprechstunden für Patienten, Einsatz von künstlicher Intelligenz wie Bots zur Unterstützung von Diagnose- und Behandlungsoptionen oder flächendeckende Spracherkennung.

Prof. Dr. Jörg Martin

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Geschäftsführer der Regionalen Kliniken Holding RKH Ludwigsburg

TK: Ab dem kommenden Jahr müssen die Krankenhäuser an die Telematikinfrastruktur angebunden sein und eine elektronische Patientenakte unterstützen. Ist diese Vorgabe flächendeckend umsetzbar? Wie ist der Stand der Vorbereitungen?

Prof. Martin: Wir rechnen damit, dass die notwendige Technologie seitens des Anbieters unseres Krankenhausinformationssystems (KIS) rechtzeitig zur Verfügung steht. Das Ausrollen der elektronischen Patientenakte in unserem Unternehmen ist bereits am Laufen.

Ein Fragezeichen steht noch vor dem Thema Akzeptanz. Sind die anderen Leistungserbringer wie beispielsweise die niedergelassenen Ärzte und auch die Patienten bereit, es einzusetzen und unser KIS-System mit sinnvollen Informationen zu versorgen?

TK: Sie sind Träger des von der Landesregierung geförderten Projekts "Sektorenübergreifende Telemedizinplattform 2025". Offizieller Starttermin war im April 2020. Was ist Ziel der Plattform und wie ist der aktuelle Stand? 

Prof. Martin: Ziel der Plattform ist es, Patienten und ihre lokal behandelnden Ärzte und Therapeuten mit entfernten Spezialisten zusammen zu bringen. Am Start sind Teilnehmer von Nürnberg bis Ravensburg! Die notwendige Hard- und Software ist bereits bestellt, die Auslieferung an die Teilnehmer wird zum Jahresanfang 2021 erfolgen. Nach der Installation folgen noch die Sicherheitsprüfungen, das Ergänzen einer Dokumentationsplattform und die Zertifizierungen der Umgebung zwecks Abrechenbarkeit.

TK: Wie können niedergelassene Ärzte, Pflegeheime oder andere Gesundheitseinrichtungen von dem Projekt profitieren?

Prof. Martin: Ärztinnen und Ärzte sollen über dieses telemedizinische Netzwerk unter Einbeziehung der Patienten miteinander kommunizieren können. Patienten soll unabhängig vom Wohnort und medizinischen Portfolio des jeweiligen Krankenhauses die bestmögliche Behandlung ermöglicht werden und damit die Versorgung gerade im ländlichen Raum gestärkt werden, indem Expertenwissen ortsunabhängig zur Verfügung gestellt wird.

TK: Wo sehen Sie die größten Hindernisse bei der Digitalisierung der Krankenhäuser bzw. bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens insgesamt?

Prof. Martin: Die eigentlich große Herausforderung ist es, die jeweiligen Vorhaben nach ihrer Planung umzusetzen und im Alltag bei den Beteiligten vor Ort zu verankern. Dazu sind im Vorfeld viel Organisation und Abstimmung mit Stakeholdern, bei der Implementierung intensive Schulungen der Anwender und nach Inbetriebnahme ein laufendes Verbessern der Prozesse notwendig. Letztlich spielt der personelle Aufwand für Konzeption, Einführung und Betreuung eine große Rolle. Die Software ist mittlerweile so weit, dass die Digitalisierung zunehmend auch im Kernprozess von Diagnostik und Therapie präsent ist.

Zur Person

Nach dem Studium der Humanmedizin in Tübingen und Stuttgart arbeitete Professor Dr. Jörg Martin als Oberarzt in den Bereichen Bereich Anästhesie und Intensivmedizin an der Klinik am Eichert in Göppingen, bevor er im Jahre 2000 ein Fernstudium im Bereich "Management in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen" an der Universität Kaiserslautern begann. Von 2007 bis 2013 arbeitete Professor Martin als Geschäftsführer der Alp-Fils-Kliniken Göppingen. Seit dem Jahr 2013 ist er Geschäftsführer der Regionalen Kliniken Holding RKH GmbH in Ludwigsburg.