TK: Die Coronakrise hat den Alltag der niedergelassenen Ärzte innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt. Wir hatten den Eindruck, dass die Ärzte in Hessen sehr flexibel auf die schwierige und sich ständig verändernde Lage (z.B. bei der personellen Besetzung der Corona-Testzentren und Schwerpunktpraxen) reagiert haben. Wie haben Sie es geschafft, alle Vertragsärzte stets auf dem Laufenden zu halten und in diesen Prozess mit einzubeziehen?

Frank Dastych: Wir haben in der Corona-Krise tatsächlich so intensiv wie wohl kaum jemals zuvor mit unseren Mitgliedern kommuniziert. Nur so war es möglich, die am Anfang ja für alle sehr unübersichtliche Lage einigermaßen zu beherrschen und den Mitgliedern zumindest einen Teil ihrer Verunsicherung zu nehmen. Teilweise haben wir jeden Tag mittels Rundschreiben über die neuesten Entwicklungen informiert, und natürlich hat auch unsere Homepage Spitzenwerte bei den Zugriffen zu verzeichnen gehabt.

Zum Teil gab es auch direkte Kontakte - telefonisch oder per E.Mail. Fast alle Abteilungen im Haus waren in die Kommunikation und Organisation eingebunden - insbesondere die des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD). Zudem waren die ÄBD-Obleute vor Ort. 

Frank Dastych

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Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen

TK: In der Krise hat die Videosprechstunde sehr schnell Einzug in die Praxen gerhalten. Die Ärzte haben nun im Live-Betrieb erlebt, wie hilfreich die Online-Sprechstunde sein kann. Sind damit alle Vorbehalte ausgeräumt? 

Dastych: Ich glaube schon, dass die Krise die Akzeptanz der Videosprechstunde unfreiwillig angeschoben hat. Die Zahl der Anwenderinnen und Anwender ist deutlich gestiegen, weil der Nutzen einer digitalen Beratung angesichts der Gefahr, sich zu infizieren, auf der Hand lag. Auf der anderen Seite konnten wir auch die Grenzen der Videosprechstunde in den jeweiligen Fachgebieten, in denen sie überhaupt möglich war, erkennen. Insofern hat die Krise an dieser Stelle tatsächlich auch einen positiven Nebeneffekt.

TK: Auch für die Patienten hat die Videosprechstunde viele Vorteile. Daher ist es kaum vorstellbar, dass sie nach der Krise auf Online-Sprechstunden verzichten wollen. Was ist von Seiten der KV geplant, um sicherzustellen, dass Videosprechstunden langfristig ein normaler Teil des Praxisalltags werden?

Dastych: Die KV ist an der Stelle ja sowieso Treiber. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern, zu denen ja erfreulicherweise auch die TK gehört, haben wir das Modellprojekt Videosprechstunde und eRezept gestartet, das zunächst für den Bereitschaftsdienst ein durchgängig digitales Angebot macht. Dies werden wir bei positivem Verlauf - von dem ich überzeugt bin - sicher auch Richtung Basisversorgung erweitern und damit die Digitalisierung weiter vorantreiben. Man kann aber mit den Erfahrungen aus der Corona-Krise bereits jetzt schon sagen, dass es sich hier um eine gute und sinnvolle Ergänzung des Versorgungsangebotes handelt. Die Videosprechstunde wird die Präsenzmedizin, also die Anwesenheit beim Arzt oder Therapeuten, aber definitiv nicht ersetzen. 

TK: Die Krise hat dafür gesorgt, dass die niedergelassenen Ärzte, die Kliniken und der Rettungsdienst z.B. über das digitale Meldesystem IVENA koordiniert zusammengearbeitet haben. Wie kann das Modell nach überstandener Coronakrise dauerhaften Einzug in die hessische Notfallversorgung erhalten?

Dastych: Auch dieses Thema ist eins der zentralen, das wir gerade vorantreiben und vermutlich ab Sommer im Rahmen eines Modellprojekts erproben wollen. Es ist absolut notwendig, jetzt die Notfallversorgung weiterzudenken und dabei vor allem von der Praxis auszugehen. Konzepte müssen praxistauglich sein und alle denkbaren Instrumente einsetzen. Unser hessisches Modellprojekt ist an dieser Stelle sicherlich ein Exzellenz-Projekt, mit dem wir Maßstäbe setzen, und das wir nach erfolgreichem Projektabschluss in die Fläche bringen wollen. Ziel muss es sein, alle Akteure in der Notfallversorgung im Sinne einer optimalen Versorgung über IVENA zu vernetzen.

TK: In der Vergangenheit war die Zusammenarbeit zwischen der KV und der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG) nicht immer spannungsfrei. Wir hatten das Gefühl, dass in der Krise Differenzen beigelegt wurden. Wie haben Sie das geschafft, und wie stellen Sie sicher, dass es so bleibt?

Dastych: Diese Krise konnten wir in Hessen bisher nur deshalb vergleichsweise gut bewältigen, weil KV und HKG exzellent und vertrauensvoll mit dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) zusammengearbeitet haben. Diese Versorgungssituation war natürlich eine spezielle. Stationär wurde nur noch behandelt, was unbedingt erforderlich war, alles andere erfolgte ambulant in der KV-Versorgung. So gesehen wurden damit auch Konflikte der Vergangenheit erst einmal vertagt.

Trotzdem ist dabei viel Vertrauen entstanden und sicher auch ein stärkeres Gefühl dafür, wie der jeweils andere arbeitet und denkt. Ohne den neuen Präsidenten und insbesondere ohne die neue Geschäftsführung in der HKG wäre das wohl auch nicht möglich gewesen. Das ist erst einmal eine gute Basis für die weitere Zusammenarbeit. Viel hängt jetzt natürlich vom Weg zurück in die neue/alte Versorgungsnormalität ab. 

Zur Person

Frank Dastych ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Er ist in einer überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft in Bad Arolsen tätig sowie als ambulanter Operateur in Wolfhagen. Seit 2013 ist Dastych Fachärztlicher Vorstand der KV Hessen sowie deren Vorstandsvorsitzender.