TK: Herr Dr. Pinkowski, seit Anfang Dezember ist "Wart's Ab" in Ihrer schmerztherapeutischen Praxis in Pohlheim im Einsatz. Inwiefern hilft Ihnen und Ihrem Team die App im Praxisalltag?

Dr. Edgar Pinkowski: Sie macht vieles etwas leichter, gerade dann, wenn viele Patientinnen und Patienten spontan gleichzeitig einen Termin bei uns haben wollen. Coronabedingt haben wir unsere Wartezimmer-Kapazitäten aktuell deutlich eingeschränkt, damit dort die Abstände eingehalten werden können. Deshalb ist es sehr bequem, wenn Patientinnen und Patienten, die ein Smartphone haben, die App nutzen, und die Wartezeit außerhalb der Praxis verbringen.

Dr. Edgar Pinkowski

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Präsident der Landesärztekammer Hessen

Unseren Patientinnen und Patienten, die "Wart's Ab" noch nicht kennen, erklären wir dann, wie das System funktioniert. Es gibt aber auch schon einige, die die App jetzt schon mehrfach genutzt haben, und bereits sehr vertraut mit ihr sind.

TK: Werden Ihre Mitarbeitenden durch die App entlastet?

Dr. Pinkowski: Am Anfang sind neue Anwendungen zunächst eine gewisse Mehrbelastung, weil man sich erst in das System einarbeiten muss. Bei "Wart's Ab" ging das aber recht schnell. Zu Beginn mussten wir den Patientinnen und Patienten noch viel erklären, was es mit der App auf sich hat und wie sie funktioniert. Der Mehraufwand hat sich aber gelohnt, weil "Wart's Ab" bei uns in der Praxis zu einem deutlich entspannteren Arbeiten geführt hat.

Wenn Praxen eine neue Software ausprobieren, müssen sie auch immer etwas investieren. In diesem Fall war es Zeit und die Bereitschaft, Abläufe in der Praxis umzustrukturieren. Aber für uns hat sich das rentiert.

TK: Wie lange haben Ihre Patientinnen und Patienten vor "Wart's Ab" durchschnittlich im Wartezimmer gewartet, bis sie aufgerufen wurden?

Dr. Pinkowski: Das ist ganz unterschiedlich. In der offenen Sprechstunde gibt es schon mal Zeiten, in denen eine halbe Stunde gewartet werden musste; im Extremfall, wenn wirklich sehr viele gleichzeitig kamen auch mal länger. In der Regel haben unsere Patientinnen und Patienten aber nur bis zu 20 Minuten gewartet.

TK: Wie kommen Ihre Patientinnen und Patienten mit der App zurecht und wie erleben die älteren - vielleicht nicht ganz so technisch affinen - unter ihnen die Anwendung?

Dr. Pinkowski: Je jünger die Patientinnen und Patienten sind, desto besser kommen sie mit der App zurecht. Natürlich gibt es auch Ältere, die gar kein Smartphone haben. Für die kommt "Wart's Ab" natürlich überhaupt nicht infrage. Den Älteren, die ein Handy besitzen, mussten wir die App am Anfang sehr langsam erklären. Wenn sie die Anwendung aber einmal verstanden haben, gibt es danach keinerlei Probleme mehr. 

TK: Welche Rückmeldungen aus der hessischen Ärzteschaft haben Sie in Ihrer Funktion als Präsident der Landesärztekammer Hessen zum Projekt "Wart's Ab" erhalten?

Dr. Pinkowski: Bisher habe ich noch nicht viele Rückmeldungen erhalten. Ich denke aber - wenn die Pilotphase erst einmal beendet ist und das Projekt danach hoffentlich in die breite Fläche geht - dass "Wart's Ab" in der Ärzteschaft noch mal stärker promotet wird. Ich gehe außerdem davon aus, dass sich auch Praxissoftware-Anbieter für die App interessieren werden.

Wäre "Wart's Ab" an die Praxissoftware angeschlossen, könnten die Daten, die die Praxen zur Identifizierung der Patientinnen und Patienten aktuell noch händisch in das Praxis-Tablet eintippen müssen, direkt aus den Systemen gezogen werden. Das würde die Nutzung der Anwendung noch leichter machen. Verständlicherweise ist das in der aktuellen Testphase aber noch nicht möglich. 

TK: "Wart's Ab" ist eine von vielen spannenden Innovationen "made in Hessen". Welche digitalen Innovationen würden Sie sich noch für die Versorgung wünschen?

Dr. Pinkowski: Ich habe gelesen, dass Corona-Impfdosen teilweise weggeworfen werden müssen, weil es durchaus vorkommt, dass Patientinnen und Patienten nicht zu ihrem vereinbarten Impftermin erscheinen. Man könnte doch zum Beispiel - auf der "Wart's Ab"-App aufbauend - den Impfzentren eine Anwendung zur Verfügung stellen, mit der sie in solchen Fällen vorab registrierte Impfwillige darüber informieren können, dass spontan eine Impfdosis für sie frei geworden ist.

So eine technische Lösung ist dem Land Hessen bereits vorgeschlagen worden. Doch bisher geht das Innenministerium noch davon aus, diese Sache selbstständig regeln zu können. Wenn ich mir jedoch das Chaos bei der Impfterminvergabe anschaue, bin ich da sehr skeptisch.

Da wir noch ein bisschen mit Corona leben müssen, wäre auch eine vernünftige, datenschutzsichere App gut, mit der Besuche in Kneipen und Restaurants zur Kontaktnachverfolgung festgehalten werden könnten. Die Gäste könnten zum Beispiel vor Ort mit ihren Smartphones einfach einen Code einlesen. Damit müssen sich die Wirte keine Ausweise zeigen lassen, um die Identität ihrer Gäste zu überprüfen. Tritt ein Corona-Fall auf, würde eine solche Lösung auch den Gesundheitsämtern die Kontaktnachverfolgung erleichtern, denn die Telefonnummern der zu informierenden Gäste lägen dann bereits automatisch vor. 

Beides sind Beispiele für sinnvolle Anwendungen, die in der Corona-Zeit sehr helfen würden und gleichzeitig datenschutzgerecht wären.

Zur Person

Dr. Edgar Pinkowski hat von 1976 bis 1982 in Gießen Humanmedizin studiert. Danach absolvierte er bis 1988 eine Weiterbildung zum Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin in Wetzlar. 1989 ließ er sich als Vertragsarzt für Anästhesie in Gießen und mit schmerztherapeutischem Schwerpunkt in Pohlheim nieder. Seit dem Jahr 2000 ist Pinkowski Mitglied der Delegiertenversammlung der Landesärztekammer Hessen (LÄKH) und seit 2012 Mitglied deren Präsidiums. Von 2013 bis 2018 war er Vorsitzender des Telematikausschusses der LÄKH. Seit 2018 ist er Präsident der LÄKH und Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer.