Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg, hat sich vor Ort einen Einblick in das dänische Gesundheitssystem verschafft. Im Interview spricht sie über den Status quo im Nachbarland und darüber, ob sich Teile des Erfolgsmodells auf Hamburg übertragen lassen.

Frau Puttfarcken, welche Bereiche des Gesundheitswesens haben Sie in Dänemark kennenlernen können?

Maren Puttfarcken: Die Schwerpunkte unseres Besuchs haben wir zum einen auf die Notfallversorgung und zum anderen auf die Digitalisierung gelegt. Dadurch haben wir einen guten Einblick in die Krankenhausstruktur und die elektronische Patientenakte der Dänen bekommen. Alles Themen, die uns hier in Hamburg bewegen. Zum Beispiel ist ein Ergebnis der Neustrukturierung des dänischen Gesundheitswesens eine viel stärkere sektorenübergreifende Versorgung mit viel weniger Kliniken. Die ambulante Versorgung übernehmen in Dänemark maßgeblich die Hausärzte. Niedergelassene Fachärzte sieht das staatliche System nicht vor.

Von ursprünglich knapp 100 Kliniken im Jahr 1999 gibt es noch 32, zum Teil mit mehreren Standorten. Sechzehn davon sind sogenannte Superkrankenhäuser. Eins davon ist in Kolding in der Region Syddanmark. Dort war die Ruhe bemerkenswert. Trotz der jährlich 60.000 stationären und über 520.000 ambulant zu behandelnden Patienten vermitteln hier die Pflegekräfte und Ärzte einen gelassenen Eindruck. Es könnte daran liegen, dass nur schwerkranke Patienten stationär aufgenommen werden und in der Regel durchschnittliche 3,4 Tage bleiben (Deutschland 7,5 Tage). Das entspricht auch den Wünschen der Patienten - denn wer schläft schon gern im Krankenhaus.

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Maren Puttfarcken

Es ist die Rede von digitalfreundlich, wie macht sich das bemerkbar?

Maren Puttfarcken: Am besten lässt sich das anhand eines medizinischen Notfalls verdeutlichen. Bei jedem medizinischen Notfall müssen die Dänen zuerst die 112 oder, in weniger dringlichen Fällen, die 1813 anrufen. Sie landen in der gemeinsamen Leitstelle. Dort machen die Pflegekräfte - und unter der 112 auch Ärzte - anhand eines Fragebogen eine Triage. Dabei sehen sie anhand der Sozialversicherungsnummer die Gesundheitsdaten des Anrufers auf ihrem PC.

Wenn der Rettungsdienst ausrücken muss, können die Mitarbeiter in der Leitstelle die entsprechenden Daten direkt ins Rettungsfahrzeug schicken. Der Rettungsdienst wiederum kann seine Daten direkt ergänzen und vor Ankunft des Patienten in die Notaufnahme übermitteln. Das spart viel Zeit, denn es gibt eine durchgehende Kette. Aber auch für die Notaufnahme müssen vorab telefonisch Termine in einem bestimmten Krankenhaus gemacht werden. Ergebnis: Die Notaufnahmen sind nicht mehr überfüllt. In Kolding etwa betrug die Wartezeit in der Notaufnahme deutlich weniger als eine halbe Stunde.

Geht so Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Maren Puttfarcken: Unsere dänischen Nachbarn haben verstanden, wie digitale Unterstützungssysteme Prozesse verschlanken und wie sie somit eine Versorgung auf die Beine stellen können, in der die Devise "Patient first" viel besser umzusetzen ist. Bereits seit 2003 werden elektronische Gesundheitsdaten aller Dänen ab 15 Jahren sukzessiv in einem Portal gebündelt, das zum öffentlichen Gesundheitsdienst gehört - der Vorreiter in Sachen elektronische Patientenakte. Mittlerweile können Ärzte darüber Arztbriefe an Kollegen schicken, auf die Bilder und Befunde anderer Fachkollegen zugreifen und E-Rezepte oder Laborbefunde versenden. Die Patienten haben ihrerseits die volle Einsicht in und Kontrolle über ihre Daten. Sie entscheiden, welche Daten sie mit welchem Arzt teilen möchten. So handhaben wir es auch mit unserem TK-Safe . Zum einen ist uns ebenfalls die Transparenz für unsere Versicherten wichtig und zum anderen entwickeln wir unsere elektronische Akte weiter, so dass immer mehr Funktionen zur Verfügung stehen.

Abschließend: Kann Dänemark eine Vorbildfunktion für die Gesundheitsversorgung in Hamburg einnehmen?

Maren Puttfarcken: Natürlich lässt sich ein staatliches Gesundheitssystem wie das der Dänen nicht 1:1 mit unserem vergleichen. Die Gründe dafür, dass Dänemark sein Gesundheitssystem umgekrempelt hat, waren allerdings ähnlich: Ärztemangel, Finanzierungsprobleme, hohe Wartezeiten und Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Allerdings können wir uns vielleicht etwas von der grundsätzlich positiven Einstellung der Dänen zum Thema Digitalisierung abgucken und lernen, wie wir deren Potenziale für eine bessere Versorgung im Sinne der Patienten nutzen können.

Konkret in Hamburg herrscht in so gut wie allen Bereichen eine Überversorgung vor, und trotzdem sind wir zum Beispiel mit den Wartezeiten in den Notaufnahmen unzufrieden. Die Tatsache, dass Patienten im Notfall selbst entscheiden müssen, ob sie den Bereitschaftsdienst, die Kassenärztliche Notfallpraxis, den  Rettungsdienst und die Notfallaufnahme ansteuern, ist nicht zielführend; zu häufig entscheiden sich die Patienten "ohne Not" für die Notaufnahme des Krankenhauses. Auch hier können wir von der Struktur der Dänen lernen - etwa durch die Einführung einer gemeinsamen Leitstelle für 116 117 und 112.

Maren Puttfarcken hat ihre Eindrücke zur Gesundheitsversorgung in Dänemark während der zweitägigen Reise in dem Moment "Über den Tellerrand geschaut" auf Twitter geteilt.