Kongresspräsident Professor Heinz Lohmann wirft im Interview einen Blick auf die aktuelle Lage im Gesundheitswesen: Welchen Einfluss hat Corona auf das deutsche Gesundheitswesen? Wie sieht es aus mit den Themen Finanzierung und Digitalisierung? Was muss eine neue Regierung hier konkret angehen? Zugleich gibt er einen Einblick in das sehr umfangreiche Programm des Gesundheitswirtschaftskongresses.

TK: Herr Professor Lohmann, die Ausgaben im deutschen Gesundheitswesen steigen seit Jahren. Die Coronapandemie hat die Lage noch verschlechtert. Was muss aus Ihrer Sicht als Gesundheitsexperte nach den Bundestagswahlen konkret angepackt werden, damit das Gesundheitswesen nachhaltig finanziert ist?

Prof. Heinz Lohmann: Richtig ist, dass wir erstmals seit Gründung der Bundesrepublik mehr als ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung für Soziales und Gesundheit aufwenden. Auch künftig werden die Kosten für die Krankenversicherung dramatisch weiter steigen. Wenn die Bürger nicht maßlos überfordert werden sollen, muss der kopflose Krisenmodus jetzt einem besonnenen Kurs weichen. Deshalb stehen in der künftigen Legislaturperiode wichtige Themen ganz oben auf der Agenda. In der Krankenhausfinanzierung müssen aus den DRGs die PRGs, die Patient Related Groups, werden und die Pflege muss wieder ins Team geholt werden. Die ambulante Medizin gilt es dann in das neue System zu integrieren. Und natürlich sind regionale Vernetzungsansätze für die Grundversorgung unumgänglich. Auf die Verantwortlichen in der Politik und die Akteure der Gesundheitswirtschaft warten nach der Bundestagswahl große Aufgaben.

Prof. Heinz Lohmann

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Kongresspräsident des Gesundheitswirtschaftskongresses in Hamburg

Ich freue mich besonders auf die realen Begegnungen mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Gesundheitswirtschaft. Aus Gesprächen weiß ich, dass es vielen anderen auch so geht. Prof. Heinz Lohmann

TK: Einen positiven Effekt hatte die Coronapandemie auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Dieses Thema begleitet das Gesundheitswesen seit geraumer Zeit. Durch Corona hat es einen Schub erhalten. Denken Sie, dass der Effekt anhält, oder tritt das System nach den Wahlen eher wieder auf die Bremse? Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit das zweite Szenario nicht eintrifft?

Prof. Lohmann: Viel zu lange ist der Digitalisierung in unserer Branche eher mit großen Sorgen als mit positiven Erwartungen begegnet worden. Mitten in der Krise sind viele Kritiker der Nutzung digitaler Lösungen aus der Not heraus umgeschwenkt und haben plötzlich, wie selbstverständlich, Telemedizin, Videokonsultationen, digitale Plattformen und vieles andere mehr eingesetzt und schätzen gelernt. Aktuell geht es darum, diesen Stimmungswandel zur Basis deutlicher Digitalisierungsfortschritte zu machen. Von selbst geht das allerdings nicht. Es bedarf einer großen Anstrengung aller Beteiligten. Insbesondere ist wichtig, dass die neuen digitalen Anwendungen die Akteure bei ihrer Arbeit wirkungsvoll entlasten. Denn Mitarbeitende werden knapp, während die Aufgaben ständig wachsen. Das kann nur klappen, wenn wir die administrativen und technischen Routinetätigkeiten automatisieren, damit die Menschen für die Menschen Zeit haben.

TK: Der Gesundheitswirtschaftskongress findet nun in diesem September, nach einer pandemisch-bedingten Zwangspause im vergangenen Jahr, wieder statt. Was können die Teilnehmenden an den zwei Kongresstagen erwarten? Worauf freuen Sie sich besonders?

Prof. Lohmann: Ich freue mich besonders auf die realen Begegnungen mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Gesundheitswirtschaft. Aus Gesprächen weiß ich, dass es vielen anderen auch so geht. Videokonferenzen sind schön und gut, aber viel besser ist es, sich endlich wieder direkt in die Augen zu schauen. Und zu besprechen gibt es natürlich eine ganze Menge. Zunächst einmal gilt es, Lehren aus den unterschiedlichen Erfahrungen der Coronakrise zu ziehen. Stichworte hierzu werden in fast allen Veranstaltungen des Kongresses auftauchen. Die bereits genannten Herausforderungen wie Digitalisierung, Finanzierung, Fachkräftemangel, Vernetzung, kommen im Programm prominent vor. Ganz, ganz wichtig ist aber die künftige Rolle der Patientinnen und Patienten. Sie erwarten zu Recht mehr Mitwirkungsmöglichkeiten. Deshalb rückt das Patientenwohl mehr und mehr ins Zentrum des Interesses, auch auf dem Gesundheitswirtschaftskongress.