TK: Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Sektorenübergreifende Versorgung" hat sich vor Kurzem konstituiert. Bis zum Jahr 2020 soll sie konkrete Vorschläge für die Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe entwickeln. Welche Initiativen sind aus Sachsen zu erwarten?

Barbara Klepsch: Im kommenden Jahr wird Sachsen den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz übernehmen und seinen Schwerpunkt auf Innovationen im Gesundheitswesen legen. Neben der Digitalisierung im Gesundheitswesen wird die sektorenübergreifende Versorgung einen wichtigen Schwerpunkt bilden.

Bereits seit dem Jahr 2013 befasst sich das Gemeinsame Landesgremium nach § 90a SGB V, dem die Partner der Selbstverwaltung und Vertreter der Patienten angehören, im Freistaat Sachsen aktiv mit der Lösung von Fragen der sektorenübergreifenden Versorgung. Um auch künftig die medizinische Versorgung im ländlichen Raum zu stärken, bedarf es einer stärkeren Verzahnung von stationären und ambulanten Angeboten.

In zwei Modellregionen – Marienberg und Weißwasser – erproben wir, wie das gehen kann. Ich bin davon überzeugt, dass das gemeinsam mit den Partnern aus der Selbstverwaltung und den Akteuren vor Ort gelingen kann. So wollen wir beispielsweise beim Komplex der Notfallversorgung oder der Patientenmobilität verschiedene Maßnahmen über die Sektorengrenzen erproben. Der Freistaat arbeitet darüber hinaus aktiv als Mitglied Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Sektorenübergreifende Versorgung" mit.

TK spezial: Sie sehen in Telemedizin, E-Health und technischen Assistenzsystemen Schwerpunkte Ihres Ministeriums. Wie schätzen Sie den Stand der Digitalisierung im sächsischen Gesundheitswesen ein und welche Pläne haben Sie für diese Zukunftsaufgabe?

Barbara Klepsch: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet voran und ich begrüße das außerordentlich. Der Aufbau der Telematikinfrastruktur ist ein deutliches Beispiel dafür, dass manche Themen im Gesundheitswesen enorm viel Zeit benötigen und es erfordert, dass wir lange und beharrlich an "dicken Brettern" bohren.

Barbara Klepsch

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Gesundheitsministerin in Sachsen (Fotograf: Christian Hüller)

Als Gesundheitsministerin sehe ich die Digitalisierung als enorme Chance, um den demografischen Wandel gestalten zu können. Um medizinische und pflegerische Versorgung zukunftsfest zu machen, ist die Telemedizin - an den richtigen Stellen zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt - ein großer Gewinn für Patientinnen und Patienten. Mir ist aber wichtig: Telemedizin wird nie den Arzt ersetzen und sie soll es auch nicht. Die Behandlung kann aber einfacher, schneller und ressourcenschonender erfolgen.

Ein wichtiger Schritt war die Lockerung des Fernbehandlungsverbotes Mitte Mai dieses Jahres auf dem Deutschen Ärztetag in Erfurt. Damit konnte die Berufsordnung auch in Sachsen angepasst werden. Um einen Mehrwert für die Patienten erreichen, müssen wir gemeinsam mit den Partnern aus dem Gesundheitswesen entsprechende Projekte entwickeln, die den Alltag vieler Patienten erleichtern wird.

Wichtig ist mir aber, dass Patienten als Adressaten der Telemedizin gut in die Entwicklungen einbezogen werden. Damit Telemedizin den Bürgerinnen und Bürgern einen echten Nutzen bringt, brauchen wir aber auch die Akzeptanz bei den Ärzten und Patienten.

Wesentliche Fragen sind aber auch seitens der Selbstverwaltung zu klären. So hat die Selbstverwaltung etwa durch Ihre Festlegungen z. B. in Bezug auf Abrechnungsmöglichkeiten oder die Bestimmungen der Berufsordnungen maßgeblichen Einfluss auf die Akzeptanz der Nutzung und Verbreitung telemedizinischer Anwendungen, vor allem auf Seiten der Ärzte. 

Bereits im Juni 2016 haben wir unter Führung meines Hauses den Fachbeirat für die Digitalisierung im Gesundheitswesen (kurz: eHealth-Beirat) gegründet, um mit Experten die Informationen auszutauschen und konkrete Initiativen zu bewerten. Hier gilt es anzusetzen, damit künftig Modellprojekte sich selbst tragen und am Markt bestehen können.

Der Freistaat hat außerdem die Möglichkeit, mittels finanzieller Anreize Entwicklungen im Sinne qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Im laufenden Doppelhaushalt fördert der Freistaat Sachsen die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit 10 Millionen Euro und im kommenden Doppelhaushalt 2019/2020 sind erneut 10 Millionen Euro Fördergelder eingeplant. Aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) stellt der Freistaat in der aktuellen EU-Förderperiode 2014-2020 Mittel in Höhe von 28,6 Millionen Euro für Forschungs- und Entwicklungsmaßnahmen zur Verfügung.

Um das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, haben wir in Sachsen zusammen mit wichtigen Institutionen der Selbstverwaltung, d. h. den Kammern, der Krankenhausgesellschaft und den Krankenkassen, eine Öffentlichkeitskampagne entwickelt, die Patienten, aber auch Ärzten und anderen Leistungserbringern das Thema näherbringen soll. Die Kampagne "Vital.Digital" klärt über Möglichkeiten, aber auch Grenzen der Telemedizin auf. Sie soll informieren und zeigen, was möglich ist. Im Rahmen dieser Kampagne fand Mitte September dieses Jahres der "Sächsische Tag der Telemedizin" in Leipzig statt, der von Ministerpräsident Michael Kretschmer eröffnet wurde.

Rund 400 Teilnehmer aus Gesundheitswirtschaft, Politik und Wissenschaft diskutierten über den aktuellen Stand der Telemedizin in Sachsen und die gegenwärtigen Entwicklungen auf Bundesebene. Über 25 Projekte aus dem Bereich der Digitalisierung im Gesundheitswesen und der Telemedizin präsentierten sich im Rahmen der Veranstaltung.
Mir ist wichtig, Telemedizin, E-Health und digitale Assistenzsysteme als selbstverständliche Elemente in der medizinischen Versorgung zu etablieren.

Die Digitalisierung sehe ich als enorme Chance, um den demografischen Wandel gestalten zu können.
Barbara Klepsch


TK: Sachsen hat aufgrund der Bevölkerungsentwicklung einen enormen Bedarf an Pflegekräften. Bereits heute können viele offene Stellen nicht besetzt werden. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie gegen den Pflegenotstand vorgehen?

Barbara Klepsch: Pflege ist bundesweit für die gesamte Gesellschaft eine Herausforderung. Wir alle werden immer älter. Das ist ein Fortschritt und das ist gut so. Dass sich diese Entwicklung in Sachsen in den nächsten Jahren verstärkt fortsetzen machen wird, ist schon heute absehbar. Mit höherem Alter werden Menschen auch häufiger pflegebedürftig.

Unser Ziel ist es, allen den Wunsch zu erfüllen, solange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben zu können. Sachsen ist im bundesweiten Vergleich aktiv mit Alltagsbegleitern für unterstützungsbedürftige Senioren und Nachbarschaftshelfern für pflegebedürftige Menschen. Wir gehen in Sachsen den Weg der vernetzten Pflegeberatung. Dafür arbeiten Pflegekoordinatoren in den Landkreisen und Kreisfreien Städten, die der Freistaat Sachsen fördert.

Die Pflegekoordinatoren haben insbesondere die Aufgabe, die Pflegeberatung zu vernetzen. Unsere Pflegedatenbank ist ein Beitrag für den sächsischen Weg in der Pflege. Hier finden Bürger online so gut wie alle Angebote im Bereich Pflege in Sachsen. Und wir unterstützen die Landkreise und kreisfreien Städte mit dem Pflegebudget auch finanziell bei dieser Aufgabe.

Es ist vor allem wichtig, die Attraktivität und die Wertschätzung der Pflegeberufe insgesamt zu steigern. Dazu bedarf es zu allererst einer angemessenen Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen für unsere Pflegekräfte. Hinsichtlich der Bezahlung der Pflegekräfte haben wir uns in Sachsen schon 2014 mit der Initiative "Pro Pflege Sachsen" darauf verständigt, dass eine angemessene Vergütung wichtig für unsere Pflegekräfte ist. Dies wird von den Kostenträgern in Sachsen auch anerkannt. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch gesundheitliche Prävention sind wichtige Maßnahmen, um die wertvolle Arbeitskraft des Pflegepersonals zu schützen und zu erhalten. Auch die Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen müssen verbessert werden. Pflegekräfte müssen mehr Befugnisse erhalten, Ziel muss die Verantwortungsübernahme für die Planung und die Durchführung der kompletten Pflege am Patienten sein.

Es bedarf zu allererst einer angemessenen Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen für unsere Pflegekräfte.
Barbara Klepsch


Die Gewinnung von ausländischen Pflegekräften kann auch dabei helfen, dass wir wichtiges Personal für die Pflege gewinnen. Dieses Instrument ist aber nur ein kleiner Mosaikstein und wird das Thema nicht grundsätzlich lösen.

Aktuell haben wir in meinem Ministerium mit den 13 landesweiten Pflegedialogen und der "Woche der pflegenden Angehörigen" auch zwei Veranstaltungsformate entwickelt, mit denen wir dieses wichtige Thema in der Öffentlichkeit stärker verankern wollen. Hier gibt es noch sehr viel zu tun, aber ein Anfang ist gemacht.

TK: Im nächsten Jahr finden in Sachsen Landtagswahlen statt. Welche konkreten Vorhaben wollen Sie bis dahin umsetzen? Mit welcher Strategie wollen Sie auf die drängenden Probleme in Sachsen antworten?

Barbara Klepsch: Wie ich eingangs bereits sagte, wird Sachsen im kommenden Jahr den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) übernehmen. Ich werde diese Möglichkeit nutzen, um Themen, die mir wichtig sind, entsprechend zu platzieren.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kann einen wichtigen Beitrag leisten, die Qualität der medizinischen Versorgung in den kommenden Jahren gleichbleibend und flächendeckend sicherzustellen. Die GMK ist ein gutes und wichtiges Gremium, um sich mit den anderen Bundesländern dazu abzustimmen.

Darüber hinaus wird mein Haus auch künftig sowohl mit Landesmitteln als auch mit EU-Mitteln Projekte und Maßnahmen unterstützen, die die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranbringen und die medizinische Versorgung in Sachsen verbessern und wir wollen auch Maßnahmen in den beiden Modellregionen erproben, um diese bei Erfolg auf den gesamten Freistaat auszuweiten.

TK: Sie legen den Sachsen Prävention und Gesundheitsförderung ans Herz. Wie halten Sie sich selbst als Gesundheitsministerin fit und gesund?

Barbara Klepsch: Prävention und Gesundheitsförderung sind wichtige Felder einer vorausschauenden und nachhaltigen Gesundheitspolitik. Hier appelliere ich an die Verantwortung jedes Einzelnen, achtsam und bewusst zu leben, Denn es gibt nur eine Gesundheit.

Dies gilt natürlich auch für mich. Wie viele Menschen arbeite ich überwiegend im Sitzen. Wann immer mein Terminkalender es zulässt, ziehe ich mir gern die Laufschuhe an, um mich an der frischen Luft zu bewegen. Das Laufen an der frischen Luft macht vor allem meinen Kopf frei und ich fühle mich danach wunderbar entspannt.

Beim Essen genieße ich gern. Und das zusammen mit meiner Familie oder Freunden. Ich achte aber immer auf Maß und Menge. Denn die Pfunde sind ja schneller auf den Hüften als uns lieb ist. Im Alltag stehen Gemüse, einheimisches Obst und Vollkornprodukte regelmäßig auf dem Tisch.