Unsere Nachbarn in Hessen haben ihr Kompetenzzentrum für Telemedizin und E-Health, in Sachsen vernetzte die Landesregierung im Herbst unterschiedlichste Akteure zum Tag der Telemedizin und in Thüringen hängt "digitale Gesundheit" dem Wort nach zwischen Gesundheitsministerium und dem Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft.

Gesundheitswirtschaft überproportional wichtig

Auch die Thüringer Gesundheitswirtschaft will die digitalen Chancen nutzen - eine Stimmung, auf die die Landesregierung aufbauen sollte. Immerhin gehören die Gesundheitsausgaben zu den wichtigsten Faktoren des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Freistaat.

15,4 Prozent des Thüringer BIP ließen sich 2016 auf Gesundheitsausgaben zurückführen. Im Bundesdurchschnitt waren es laut der Arbeitsgruppe Gesundheitsökonomische Gesamtrechnungen der  Länder 11,3 Prozent.

Gesundheit ist also für die Thüringer Wirtschaft und damit gerade für den Arbeitsmarkt des Freistaats noch wichtiger als für andere Bundesländer. Dieser hohen Bedeutung der Branche muss auch politisch unbedingt Rechnung getragen werden; ganz besonders, wenn es um künftige Digitalisierungsprozesse geht.

Gleichzeitig sollten wir Thüringer der Telemedizin gegenüber besonders aufgeschlossen sein, weil sie die drängenden Probleme der Gesundheitsversorgung, vor allem im ländlichen Raum, entscheidend abfedern kann. Wir müssen im Freistaat deutlicher als in anderen Bundesländern der Realität immer weniger niedergelassener Ärzte für immer mehr ältere Menschen begegnen.

Zudem ist absehbar, dass auf Dauer nicht jede Klinik jede Spezialabteilung behalten kann, weil es schlicht nicht finanzierbar ist. Also heißt es: Ressourcen - konkret Fachärzte und deren Wissen - an geeigneter Stelle fokussieren und dann möglichst vielen auf breiter Fläche verfügbar machen. Nicht rund um die Uhr vorhalten, sondern im Spezialfall ansprechbar sein.

Dafür sind telemedizinische Anwendungen ein sinnvolles Werkzeug. Sie können und sollen weder einen Arzt noch den Kontakt zwischen Menschen ersetzen. Gerade menschliche Zuwendung ist ein wichtiger Bestandteil von Heilungsprozessen.

Wenn die Leitung ruckelt

Grundlegend für telemedizinische Anwendungen - besonders im ländlichen Gebiet, wo sie Versorgungsengpässe abfangen können und sollen - ist der flächendeckende Breitbandausbau. Das mag wie eine Binsenweisheit klingen.

Allerdings kritisierte zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung in Thüringen im Spätsommer 2018, dass Arztpraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) ans Ende der Prioritätenliste für den Ausbau des Glasfasernetzes in Thüringen gesetzt wurden. Die Chance, dass Arztpraxen in ländlichen Regionen des Kyffhäuserkreises oder des Altenburger Landes vor 2025 überhaupt technisch in der Lage wären, per Videoschalte mit ihren Patienten oder ihrem medizinischen Fachpersonal zu kommunizieren, ist damit ziemlich gering.

Das macht gut gedachte Initiativen wie Videosprechstunden oder Arztschwestern, die einen Teil der Hausbesuche übernehmen und den Mediziner im Zweifel dazuschalten oder ihm Daten schicken, in der Realität zu einem Kampf mit der Technik.

Sind E-Health-Anwendungen dann theoretisch einsetzbar, brauchen wir Menschen, die sie entwickeln. Immerhin gibt es auch heute durchaus Regionen im Freistaat mit schnellem Internet und auch digitale Helfer, bei denen es um anderes als Breitband geht.

Startups: Gute Förderung, branchenspezifische Erfolge

Gründer fühlen sich in Thüringen beziehungsweise mit den politischen Rahmenbedingungen im Freistaat durchaus wohl. Das zeigt der Deutsche Startup Monitor 2018. Hinsichtlich der Förderung des Gründungsstandorts Thüringen bewerten Startups die Landesregierung mit der Schulnote 2,9 und damit besser als alle anderen Bundesländer. Zum Vergleich: Die Landesregierungen bekamen im Durchschnitt eine Bewertung von 3,6. Die Bundesregierung eine 4,0.

Auch ein Blick auf die Internetseiten von Wirtschaftsministerium und einzelnen Regionalcluster zeigt: Innovative Köpfe bekommen viel Unterstützung im Freistaat. Dabei kommen digitale Anwendungen im Gesundheitswesen auf keinen Fall zu kurz. Ein Beleg ist der Innovationspreis 2018 für die Pflegemanager GmbH aus Greiz. Die Gründer entwickelten eine webbasierte Informations- und Kommunikationsplattform für die Suche von Dauer- oder Kurzzeitpflegeplätzen, besonders nach einem Krankenhausaufenthalt. Erstmals wird der komplette Entlassungsprozess aus der Klinik und die Aufnahme im Pflegeheim abgebildet und alle beteiligten Akteure werden miteinander vernetzt - ein großartiges Beispiel dafür, was Digitalisierung im Gesundheitswesen kann.

1,3 % der deutschen Neugründungen aus Thüringen

Dennoch ragen solche Beispiele in Thüringen immer noch auch deswegen hervor, weil ihre Zahl verhältnismäßig überschaubar ist. Im Startup Monitor heißt es, dass 1,3 Prozent der Neugründungen in Deutschland ihren Hauptsitz im Freistaat haben. Nur in Brandenburg und im Saarland sind es weniger. Dass wir mit Hotspots wie Berlin mithalten, wäre eine überzogene Erwartung. Aber zu unseren Nachbarn dürfen wir durchaus schauen. Demnach sitzen in Hessen 4,1 und in Sachsen 4,6 Prozent der Startups.

Im Innovationsatlas 2017 ist zu lesen, dass es in Thüringen mit Abstand die wenigsten Neugründungen je 100 aktive Unternehmen gibt. Der Listenplatz kehrt sich um, wenn nur die Neugründungen in sogenannten innovationsaffinen Branchen betrachtet werden. Hier liegt Thüringen vorn. Zu diesen Branchen zählen auch "Datenverarbeitungsgeräte und peripheren Geräte", "Geräte und Einrichtungen der Telekommunikationstechnik" und "medizinische und zahnmedizinische Apparate und Materialien". Es könnten also auch viele Entwicklungen für das digitale Gesundheitswesen dabei sein.

Vor allem kommt das Institut der deutschen Wirtschaft im Atlas zu dem Schluss, dass gezielte politische Förderprogramme fruchten. Für Thüringen muss es deswegen heißen: mehr Kraft in ein digitales Gesundheitswesen investieren!