"Gesundheit" wird politisch an anderer Stelle verantwortet, im Digitalministerium allerdings mitgedacht und als grundlegender Bestandteil gesehen. Das ist der Eindruck, nach dem folgenden Interview mit Staatssekretärin Valentina Kerst.

TK: Frau Staatssekretärin, Sie kamen als Expertin für Digitalisierung nach Thüringen. Was bedeutet sie im Gesundheitswesen? Fitnesstracker, Pflegeroboter, Arztsuche über's Internet?

Kerst: Es geht dabei vor allem um Themen wie Behandlungsqualität, Kostensenkung oder die Versorgung der ländlichen Räume. Demnach sind dies alles Punkte, die wir in der aktuellen Debatte um die Gesundheitspolitik behandeln.

Laut aktuellen Studien, wie zum Beispiel der DIVSI-Studie, sehen wir aber auch, dass Menschen der Digitalisierung skeptisch gegenüber stehen. Wenn wir Digitalisierung allerdings erlebbar machen, dann können wir Skepsis abbauen. Und das ist wichtig. Denn die Digitalisierung des Gesundheitswesens kann zum Beispiel helfen, die medizinische Versorgung in Notfällen zu verbessern, die ambulante Versorgung durch Onlinesprechstunden zu vereinfachen, aber insbesondere auch, einen reibungslosen Austausch von Daten zwischen Patient, Arzt und Apotheke zu ermöglichen - natürlich immer unter Berücksichtigung des Daten- und Informationsschutzes. Das ist meiner Meinung nach eine zentrale Voraussetzung für die Akzeptanz des Themas.

In der Telemedizin stehen wir ohnehin erst ganz am Anfang. Hier geht es darum, den Zugriff auf medizinische Expertise zu erleichtern. Vor allem älteren, chronisch kranken und in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen kann die Telemedizin eine große Hilfe bieten.

Wenn wir Digitalisierung erlebbar machen, dann können wir Skepsis abbauen.
Valentina Kerst

TK: Wie digital sind Gesundheitswesen und Gesundheitswirtschaft in Thüringen schon?

Kerst: Wir stehen noch ziemlich am Anfang, aber da unterscheidet sich Thüringen wenig von der Bundesebene. Die Herausforderungen sind ja auch nicht ganz trivial. Ein großes Thema ist die Datensicherheit, ein anderes die Standardisierung.

Auf Bundesebene wurden seit 2003 Rechtsgrundlagen geschaffen, um eine bundesweit einheitliche Entwicklung zu gewährleisten. Ziel ist es, über die Telematik-Infrastruktur alle Leistungserbringer und Kostenträger zu verbinden. Die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen verfügen seit nunmehr fast zwei Jahren über Chipkarten, die einen Zugang zur Telematik-Infrastruktur eröffnen. Jetzt folgen endlich die ersten medizinischen Anwendungen - beispielsweise der elektronische Notfalldatensatz und der elektronische Medikationsplan.

Voraussetzung sind natürlich sichere Kommunikationsverfahren zwischen den Leistungserbringern. Dass das möglich ist, zeigen zum Beispiel. die Mediziner in Deutschland, die bereits seit 2015 flächendeckend eine sichere digitale Kommunikation, also KV-SafeNet, für ihre Abrechnungen und die Kommunikation mit der Kassenärztlichen Vereinigung nutzen.

TK: Und wie geht es in Thüringen mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens weiter?

Kerst: In Thüringen haben wir uns mit unserer "Strategie für eine Digitale Gesellschaft" viel vorgenommen. Das große Thema ist die Verbesserung der medizinischen Versorgung von chronisch Kranken, der Notfallversorgung und der Versorgung des ländlichen Raums.

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Valentina Kerst

Dafür nimmt das Gesundheitsministerium erhebliche Fördermittel in die Hand. Bereits Realität sind z. B. telemedizinisch gestützte Hausbesuche durch speziell geschulte Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis. Geplant ist weiterhin der Aufbau eines telemedizinischen Netzwerks für kardiologische Patienten und für neurologische Patienten auf den Intensivstationen oder die landesweite Einführung der elektronischen Einsatzdatenerfassung und -übertragung für den Notarzt.
Unbedingt zu erwähnen ist an dieser Stelle aber auch das seit 2012 existierende Schlaganfall-Netzwerk, mit dem flächendeckend die Erstversorgung durch Telekonsultation von hochqualifizierten neurologischen Fachärzten sichergestellt werden kann.

Die elektronische Patientenakte kann zu einer persönlichen Gesundheitsakte werden.
Valentina Kerst

TK: Was glauben Sie, sind die wichtigsten Chancen, die ein digitalisiertes Gesundheitswesen für den Freistaat bietet?

Kerst: Die Telemedizin wird für mehr Effizienz, Kostensenkung und letztlich eine Art Neustrukturierung der Gesundheitsversorgung sorgen. Die Medizin kommt zum Kranken und nicht, wie heute, der Kranke zur Medizin. Doppeluntersuchungen oder Konflikte zwischen unterschiedlichen Therapien oder Medikamentengaben werden vermieden. Digitale Verfahren werden normales Handwerkszeug der Ärzte und Apotheker, in Pflegeinrichtungen, Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken. Aktuelles medizinisches Fachwissen ist überall unmittelbar abrufbar, auf diese Weise können genauere und bessere Diagnosen gestellt und Behandlungen optimiert werden. Die elektronische Patientenakte kann mit Hilfe von Apps zu einer persönlichen Gesundheitsakte werden und damit die Prävention von Krankheiten und eine gesunde Lebensweise befördern.

Wir müssen unsere Kompetenzen besser nutzen und Netzwerke fördern.
Valentina Kerst

TK: Und worin müssen wir besser werden, um diese Chancen zu nutzen?

Kerst: Eine entscheidende Hürde sind nach meinem Eindruck die Anlaufkosten für die Entwicklung und Einführung der digitalen Technologien, die man benötigt. Wenn Telemedizin alltäglich werden soll, heißt das, dass die gesetzlichen Krankenversicherungen die Kosten dafür auch übernehmen müssen, sonst wird kein Arzt und kein Krankenhaus das machen. Hier ist der Gesetzgeber auf Bundesebene gefragt.

Und auf Thüringen bezogen müssen wir unsere Kompetenzen besser nutzen, unsere Zusammenarbeit verbessern und die Entstehung von Netzwerken fördern. Die digitalen Technologien sind die großen "Vernetzer", erlauben Querverbindungen, neue Lösungen, mehr Effizienz. Diese Potentiale sollten wir viel stärker nutzen, da stehen wir noch ganz am Anfang. Großartig wäre beispielsweise eine "E-Health-Strategie Thüringen" als Bestandteil der "Strategie für eine Digitale Gesellschaft".

TK: Ein im Bundesvergleich relativ hoher Altersdurchschnitt der Bevölkerung und Digitalisierung - sind das, gerade im Bereich Gesundheit, aus Ihrer Sicht Gegensätze?

Kerst: Ich denke nicht. Eine Umfrage, die im vergangenen Jahr in Vorbereitung unserer Digitalstrategie durchgeführt wurde, hat ergeben, dass in der Gruppe der Über-65-Jährigen mehr als die Hälfte die Frage "Würden Sie die Möglichkeiten einer digitalen Patientenakte nutzen?" mit "Ja" beantwortet haben. Eine Erkenntnis aus Telemedizin-Projekten ist, dass sich kranke Menschen, die in ein telemedizinisches Netzwerk eingebunden sind, beispielsweise bei Herzinsuffizienz, besser betreut fühlen. Sie erhalten Aufmerksamkeit. Das ist viel wert.

TK: Was halten Sie persönlich von einer elektronischen Gesundheitsakte? Haben Sie schon eine getestet?

Kerst: Leider nein. Aber ich bin hundertprozentig dafür aufgeschlossen, weil ich überzeugt davon bin, dass mit der elektronischen Gesundheitsakte Zeit und Geld einsparen und vor allem schädliche Mehrfachuntersuchungen und Fehler bei parallelen Behandlungen vermeiden lassen. Angeblich kann aus den Daten sogar die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten bestimmter Krankheiten abgeleitet und dann gegebenenfalls frühzeitig Vorsorge dagegen getroffen werden. In jedem Fall muss aber aus meiner Sicht eines gesichert sein: dass die in der Akte enthaltenen Gesundheitsdaten zum Beispiel durch dezentrale Sicherung ausreichend geschützt sind und der Patient allein die Verfügung darüber hat.

Zur Person

Valentina Kerst ist seit Anfang des Jahres 2018 Staatssekretärin im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft. Davor war die Kölnerin Dozentin für Fachgebiete wie Online-Strategien und Social Media sowie Geschäftsführerin einer Digitalberatung.