Die Digitalisierung verändert wie in allen anderen Lebensbereichen auch das Gesundheitswesen grundlegend und unaufhaltsam. Bei der TK ist man davon überzeugt, dass die Digitalisierung die Versorgungsqualität über alle Sektoren des Gesundheitswesens hinweg verbessern kann.

Saskia Esken bewertet in diesem Interview den aktuellen Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen und nennt die notwendigen Schritte, um die Chancen der Digitalisierung für die Qualität von Medizin und Versorgung nutzen zu können.

TK: Frau Esken, Sie waren als Berichterstatterin im Ausschuss Digitale Agenda mit zuständig beim E-Health-Gesetz. Wie lautet Ihr Status-Tweet anlässlich seines "ersten Geburtstags" in 140 Zeichen?

Esken: Das #eHealth-Gesetz feiert ersten Geburtstag - Zeit, laufen zu lernen! #happyBirthday

TK: Mit dem E-Health-Gesetz wurde ein verbindlicher Zeitplan für die Einführung digitaler Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen gesetzt. Hat die Politik damit ihre Pflicht erfüllt - oder braucht es ein "2.0"?

Esken: Das E-Health-Gesetz war ein erster wichtiger Schritt, die Digitalisierung des Gesundheitswesens ins Laufen zu bringen. Notfalldaten auf der Gesundheitskarte, der Medikationsplan, Patientenakte und Patientenfach sind wichtige Neuerungen, aber sie sind eben nur ein Anfang. Fast noch wichtiger sind die verbindlichen Regeln zur termingerechten Umsetzung.

Im nächsten Schritt wünsche ich mir eine umfassende, mutige nationale eHealth-Strategie, damit wir die Chancen der Digitalisierung für die Qualität von Medizin und Versorgung endlich nutzen können und auf die veränderten Erwartungen und Verhaltensweisen von Nutzern und Patienten eingehen.

TK: Sie persönlich kommen aus der Softwareentwicklung. Wie bewerten Sie vor Ihrem beruflichen Hintergrund den Status-Quo der Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Esken: Der Status-Quo ist leider überhaupt nicht befriedigend. Wir haben in Deutschland  die technologische Entwicklung im Gesundheitsbereich verschlafen, das kann man nicht anders sagen. Wir haben uns mit der Telematik ein umfangreiches Infrastruktur-Projekt vorgenommen, das dann im Rahmen der Selbstverwaltung nur sehr zögerlich umgesetzt wurde. Es ist zu hoffen, dass wir mit dem eHealth-Gesetz den ins Stocken geratenen Aufbau einer sicheren digitalen Infrastruktur für das deutsche Gesundheitswesen endlich ins Laufen bekommen.

TK: Ein entscheidender Knackpunkt ist der Datenschutz. Wie ordnen Sie ihn in der Debatte ein?

Esken: Datenschutz und Datensicherheit sind elementar wichtig für das Vertrauen der Menschen in die Digitalisierung, gerade auch im Gesundheitswesen mit seinen sehr sensiblen persönlichen Daten. Die Orientierung an der informationellen Selbstbestimmung des Einzelnen auf der einen und am Mehrwert anonymisierter Daten auf der anderen Seite müssen zu einem gut durchdachten Konzept für Gesundheitsdaten führen.

Ich habe da vollstes Vertrauen in unsere Informatiker und Software-Ingenieure - mit innovativen Ansätzen wie der „Differential Privacy“* können wir den Datenschutz zum Alleinstellungsmerkmal und damit sogar zum Wettbewerbsvorteil machen. Nach meiner Meinung muss der Nutzer, der Patient die volle Hoheit über seine Daten, deren Weitergabe und Nutzung haben. Dabei spielt auch die Sicherheit der Telematik-Infrastruktur eine wichtige Rolle.

TK: Unter dem Hashtag #DigitalLeben diskutierte die SPD die Chancen der Digitalisierung für die Qualität des Gesundheitswesens. Welche Rolle messen Sie diesem Thema für den anstehenden Wahlkampf und in der nächsten Legislaturperiode zu?

Esken: Das Thema Digitalisierung des Gesundheitswesens hat völlig zu Recht Eingang in unsere programmatische Diskussion gefunden, weil die Fragen der Qualität von Medizin und Versorgung für viele Menschen, aber auch für die Beschäftigten im Gesundheitswesen eine wichtige Rolle spielen. Dazu kommen die Sorgen um den Umgang mit den persönlichen Daten. Wie bei vielen anderen Themen treffen auch hier der Wunsch nach Modernisierung und das Bedürfnis nach Sicherheit aufeinander. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass das Thema im Wahlkampf eine Rolle spielt.

TK: Im kommenden Herbst möchten Sie erneut bei der Bundestagswahl kandidieren. Was sind Ihre ganz persönlichen (gesundheits)politischen Vorhaben für die nächsten Jahre?

Esken: Ich würde mich natürlich freuen, wenn die Bürgerinnen und Bürger mir die Chance geben, sie nochmals im deutschen Bundestag zu vertreten. Ich möchte meine Arbeit in den spannenden Themenfeldern fortsetzen, für die ich hier zuständig bin. Der digitale  Wandel in der Bildung, in der öffentlichen Verwaltung und der Gesundheitsversorgung - ich konnte mit meinen Kollegen wichtige Projekte anstoßen und einige Vorhaben realisieren, die ich gerne weiterentwickeln würde. In der Gesundheitspolitik heißt das, das E-Health-Gesetz in der nächsten Legislatur zu einer Nationalen eHealth-Strategie weiterzuentwickeln und dafür zu sorgen, dass die Beschäftigen im System ebenso davon profitieren wie die Patienten, die es nutzen.

* Empfindliche Daten werden für statistische Zwecke und der Forschung zur Verfügung gestellt, ohne dabei die Privatsphäre der jeweiligen Person zu verletzen.

Zur Person

Saskia Esken ist seit 2013 Bundestagsabgeordnete der SPD und vertritt den Wahlkreis Calw über über die Landesliste in Berlin. Esken ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung sowie im Ausschuss Digitale Agenda. Nach der Ausbildung zur staatlich geprüften Informatikerin war sie u.a. in der Software-Entwicklung tätig, ehe sie später in den Bundestag einzog.