TK: Das Bayerische Digitalministerium ist das erste dieser Art in Deutschland und soll als Denkfabrik der Digitalisierung in Bayern fungieren. Wo liegen Ihre Schwerpunkte?

Judith Gerlach: In meinem Ministerium laufen alle digitalen Fäden zusammen. Wir behalten den Gesamtüberblick, stellen die strategischen Weichen und spüren die Megatrends auf. Das A und O der Digitalisierung ist die Infrastruktur, zuverlässiger Mobilfunk und schnelles Internet. Für diese Basis sorgen das Wirtschafts- und das Finanzministerium. Darauf können wir aufbauen mit KI, Blockchain, Quantencomputing, Satellitenkommunikation und anderen Technologien.

Ein Thema ist mir besonders wichtig: GreenDIGITAL, die nächste Stufe von GreenTech und GreenIT. Ich möchte mit modernsten digitalen Innovationen mehr Umwelt- und Klimaschutz erreichen. Wir brauchen eine nachhaltige Digitalisierung in allen Bereichen. Hier liegen die Arbeitsplätze der Zukunft. Außerdem möchte ich den Staat zum modernen Servicestaat weiterentwickeln. Wir brauchen eine leichte, einfache und schnelle digitale Verwaltung. Staatliche Leistungen sollen nicht nur auf dem Amt, sondern von überall und rund um die Uhr bequem per App beantragt werden können. Mit meiner Initiative BayFiD setze ich mich zudem für mehr Frauen in IT-Berufen ein.

Wir brauchen eine nachhaltige Digitalisierung in allen Bereichen.
Judith Gerlach

Judith Gerlach

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Bayerische Staatsministerin für Digitales

TK: Wie wird Künstliche Intelligenz das Gesundheitswesen verändern?

Gerlach: Künstliche Intelligenz kann beispielsweise bei sensiblen Operationen eine wertvolle Unterstützung sein. Eines muss aber auch klar sein: KI kann die sprechende Medizin nur ergänzen, nie ersetzen. Die Beziehung zwischen Arzt, Pfleger oder Therapeut und Patient bleibt elementar. Die Maschine bleibt ein Hilfsmittel im Dienste der Menschen. Algorithmen können schon heute dazu beitragen, dass Diagnosen genauer und gleichzeitig schneller erstellt werden. Das senkt Kosten, vermeidet Fehler und lässt mehr Zeit für das persönliche Gespräch und individuelle Behandlungen. Immer dann, wenn Muster erkennbar sind, schlägt die Stunde der KI. Das eröffnet uns viele Möglichkeiten, etwa bei personalisierten Therapien oder bei der Selbstüberwachung chronisch Erkrankter.

TK: Was beinhaltet Ihre KI-Strategie bezüglich des Gesundheitssektors?

Gerlach: KI ist eine der digitalen Schlüsseltechnologien, nicht nur im Gesundheitssektor. Deswegen investiert die Bayerische Staatsregierung beispielsweise 280 Millionen Euro in ein Kompetenznetzwerk "Künstliche Maschinelle Intelligenz" an Standorten in ganz Bayern. Wir brauchen insgesamt mehr Knowhow in diesem Bereich. Ein Schwerpunkt dabei ist die Entwicklung von strukturierten Datenpools mit Gesundheitsdaten, wobei gleichzeitig der Datenschutz und die Datensouveränität der Betroffenen gewährleistet sein müssen. Momentan werden insgesamt sehr viele Daten gesammelt.

KI wird uns dabei helfen, von Big Data zu Smart Data zu kommen. Also Antworten auf die Fragen: Welche Daten brauchen wir wirklich? Welche Schlüsse können wir daraus ziehen? Und wie sieht die passende Lösung aus? Mit anderen Worten: Anamnese, Diagnose und Therapieansatz. Große Erwartung an KI habe ich auch im Bereich Früherkennung und Prävention. Die größeren Datenmengen, die Maschinen auswerten können, tragen hoffentlich dazu bei, dass wir bestimmte Krankheiten bereits in der Entstehung erkennen und behandeln können.

KI wird uns dabei helfen, von Big Data zu Smart Data zu kommen.
Judith Gerlach

TK: Was sind die zentralen Punkte der Bayerischen Blockchain-Initiative?

Gerlach: Blockchain hat das Potenzial für mehr Sicherheit, Transparenz und Datensouveränität der Beteiligten. Das kann auch im Gesundheitswesen viele Vorteile bringen. Im Freistaat forschen und entwickeln viele Blockchain-Akteure an den Möglichkeiten dieser Technologie. Jetzt wollen wir dieses Wissen bestmöglich bündeln und die Experten stärker vernetzen. Als schlagkräftige Community werden so die Sichtbarkeit des Blockchain-Standorts Bayern erhöht und bislang ungenutzte Synergien freigesetzt.

Als Digitalministerium loten wir gerade aus, welche Anwendungsfelder für die Blockchain in Frage kommen, auch im Bereich digitale Verwaltung. Wir kümmern uns weiter darum, dass das Knowhow zur Blockchain in den Wissenschaften sowie bei Aus- und Weiterbildung gestärkt wird. Viertens befassen wir uns auch damit, wie die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen sein müssen, um die Blockchain zu einem echten Mehrwert für unsere Gesellschaft werden zu lassen.
 
TK: Wo sehen Sie die größten Hürden bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens?

Gerlach: Ein entscheidender Punkt sind Datenschutz und Datensicherheit. Gerade wenn es um die eigene Gesundheit oder eben eine bestimmte Erkrankung geht, sind das sehr persönliche und intime Informationen, die man nicht in sozialen Netzwerken teilen würde. Im Gegenteil: Als Patient möchte man ganz genau wissen, in welche Hände diese sensiblen Daten geraten. Deswegen müssen wir bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen Datenschutz und Datensicherheit, etwa bei der elektronischen Patientenakte, so hoch wie möglich ansetzen. Dazu gehört auch, dass die Patienten selbst entscheiden können, wer welche Daten einsehen darf. Nur wenn wir hier absolut vertrauenswürdig und transparent agieren, können wir den digitalen Wandel im Gesundheitswesen zum Erfolg führen. 
 
TK: Wie gelingt es uns, die digitale Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu stärken?

Gerlach: Mit dem Smartphone habe ich meinen persönlichen Gesundheits-Coach ja quasi immer dabei. Die guten Ratschläge meines Arztes oder Tipps aus Fachzeitschriften sind oft schnell wieder vergessen. Eine App, die mich zum Beispiel daran erinnert, mich mehr zu bewegen oder dass ich meine Medizin noch nicht genommen habe, kann da viel helfen. Wichtig ist dabei, dass ich den Informationen aus der App auch vertrauen kann. Der Anbieter sollte also nicht irgendwer sein, sondern idealerweise ein anerkannter Akteur aus dem Gesundheitswesen oder dem staatlichen Bereich.

Mir geht es besonders darum, die Menschen in Bayern bei der digitalen Transformation mitzunehmen und sie zu aktiven Gestaltern der Digitalisierung zu machen.
Judith Gerlach

Fast zwei Drittel aller Smartphone-Nutzer verwenden heute bereits Gesundheits-Apps. Vor zwei Jahren waren es noch nicht einmal 50 Prozent. Auch Fitness-Tracker sind weit verbreitet und werden immer mehr. Diesen Trend müssen wir mit seriösen Angeboten unterstützen. Positiv sehe ich dabei, dass der Bund gerade daran arbeitet, dass bestimmte Apps vom Arzt verschrieben werden können - etwa das Online-Tagebuch für Diabetiker. Wenn es dabei gelingt, die Sicherheit der Daten zu gewährleisten und die Apps benutzerfreundlich zu gestalten, dann sehe ich hier einen großen Mehrwert.

TK: Wann wird Ihrer Meinung nach Telemedizin flächendeckend in Bayern zur Verfügung stehen?

Gerlach: E-Health und Telemedizin spielen gerade im ländlichen Raum eine wichtige Rolle für einen flächendeckend hohen medizinischen Versorgungsgrad. Der Freistaat fördert bereits seit 1995 einzelne, vielversprechende Projekte und Netzwerke mit über 13 Millionen Euro. Zudem haben wir die bayerische TelemedAllianz mit aufgebaut und erst im Juli beschlossen, den Telenotarzt auf ganz Bayern auszuweiten. So stärken wir sukzessive Telemedizin und digitale Angebote im Land.

TK: Wie sehen Ihre persönlichen Ziele für die laufende Legislaturperiode aus?

Gerlach: Mir geht es besonders darum, die Menschen in Bayern bei der digitalen Transformation mitzunehmen und sie zu aktiven Gestaltern der Digitalisierung zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei, die Digitalisierung zum Wohle von Mensch und Gesellschaft zu nutzen. Ich möchte eine Digitalisierung, die uns das Leben und Arbeiten leichter macht, die mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderung und ein besseres gesellschaftliches Miteinander ermöglicht. Das was Bayern schon immer ausmacht, der Ideenreichtum unserer kreativen Köpfe und die wirtschaftliche Kraft, wird auch bei der Digitalisierung helfen, unser Land voranzubringen. Das Ziel ist ein digitales Premiumland, das mit digitalen Technologien nachhaltig mit seinen Natur- und Umweltschätzen umgeht. 

Zur Person

Judith Gerlach wurde 1985 in Würzburg geboren. Die Rechtsanwältin ist seit 2002 Mitglied der CSU und zog 2013 als jüngste Abgeordnete in den Bayerischen Landtag ein. Seit 2018 ist Judith Gerlach Bayerische Staatsministerin für Digitales.