Chancen

Die elektronische Vernetzung und Kommunikation sowie innovative digitale Anwendungen bieten neue Perspektiven für ein modernes, qualitativ hochwertiges, sektorenübergreifendes, effizientes, patientenorientiertes und transparentes Gesundheitswesen. 

Andreas Vogt

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Andreas Vogt, Leiter TK-Landesvertretung Baden-Württemberg

"In der Digitalisierung könnte der Schlüssel zum Erfolg bei der Bewältigung großer Herausforderungen liegen, wie etwa des demografischen Wandels, des Anstiegs chronischer Erkrankungen und Multimorbidität, des Fachkräftemangels und der drohenden Unterversorgung im ländlichen Raum."

Leiter der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg

Ausgangslage

Um diese Chancen zu nutzen, bietet Baden-Württemberg gute Voraussetzungen und Strukturen. Das Gesundheitswesen beruht auf einer ausgeprägten, lösungsorientierten Dialogkultur zwischen allen Beteiligten. Als Standort für Spitzenmedizin und -forschung sowie innovativer Gesundheitswirtschaft verfügt Baden-Württemberg über wissenschaftliches und medizinisch-technisches Know-How.

Politisch hat die grün-schwarze Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag ein klares Bekenntnis zum Ausbau der Telemedizin gesetzt. Schließlich hat auch die Landesärztekammer in einem bundesweit wegweisenden Beschluss zur Änderung ihrer Berufsordnung den telemedizinischen Handlungsspielraum deutlich erweitert. 

Handlungsauftrag

Die TK begrüßt diese Ausgangslage und bietet ihre Unterstützung bei der Umsetzung an. Wir sind überzeugt, dass die Digitalisierung die Versorgungsqualität über alle Sektoren des Gesundheitswesens hinweg verbessern kann. Die TK-Landesvertretung Baden-Württemberg schlägt daher folgende Maßnahmen für die unterschiedlichen Akteure und Bereiche vor: 

1. Bürgerdialog
Interaktive, niederschwellige Telemedizinplattform errichten


Das Wissenschafts- und das Sozialministerium des Landes Baden-Württemberg fördern seit 2014 erste Innovationen in der Telemedizin. Sie greifen dabei auf die Expertise der interministeriellen und sektorenübergreifenden AG Gesundheitstelematik zurück, die auch die TK unterstützt. Darüber hinaus wurde eine landesweite "Koordinierungsstelle Telemedizin (KTBW)" eingerichtet mit dem Ziel, sinnvolle Telemedizinprojekte in die Regelversorgung zu überführen.

Die TK schlägt vor: 

Der von der Landesregierung im Koalitionsvertrag gesetzte Schwerpunkt - "digital@bw: Chancen der digitalen Entwicklungen sehen" - sollte auch auf den Dialog mit den Bürgern ausgerichtet werden. Organisiert von der Koordinierungsstelle Telemedizin sollte dazu eine interaktive Telemedizinplattform errichtet werden. 

Auf dieser Website sollen alle Bürger die Möglichkeit erhalten, sich niederschwellig und laienverständlich über die Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Medizin und zu aktuellen Entwicklungen der Telemedizin in Baden-Württemberg zu informieren - aber sich auch selbst konstruktiv und kritisch einzubringen.
 

2. Prävention 
Neue Medien gezielt nutzen - Medienkompetenz fördern 


Immer mehr Menschen werden von den klassischen, analogen Angeboten der Gesundheitsförderung und Prävention nicht mehr erreicht, weil sich die Form der gesellschaftlichen Teilhabe und Informationswege ändern. Internet, Smartphone und Social Media werden dabei immer stärker selbst zu einer Lebenswelt. 

Dies geht mit vielen Chancen, aber auch gesundheitlichen Risiken einher, etwa der Gefahr spezifischer Formen von Suchterkrankungen, Bewegungsmangel oder psychosozialem Stress. Baden-Württemberg kann hier zum Innovationsstandort für moderne Konzepte der Gesundheitsförderung in der digitalen Welt werden.

Die TK schlägt vor: 

Ein besonderer Schwerpunkt der landesweiten Gesundheitspolitik sollte in Baden-Württemberg auf modernen Zugangswegen, insbesondere unter Nutzung digitaler Medien, gesetzt werden. Die Förderung von Medienkompetenz sollte inhaltlich in das "Gesundheitsleitbild Baden-Württemberg" aufgenommen werden. Die Partner der "Landesrahmenvereinbarung Prävention Baden-Württemberg" sollten einen Förder-Schwerpunkt auf die Medienkompetenz festlegen und landesweite Ideenwettbewerbe für benutzerfreundliche Online-Konzepte in der Gesundheitsförderung und Prävention ausschreiben.
 

3. Versorgung 
Mittel für Einrichtung einer telemedizinischen Infrastruktur einsetzen

Für die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems stehen in Baden-Württemberg derzeit sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich vielfältige Mittel zur Verfügung: 

  • Strukturfonds der KV Baden-Württemberg 
  • Bundesweiter Krankenhaus-Strukturfonds 
  • Digitalisierungsstrategie digital@bw der Landesregierung 

Mit diesen Mitteln sollten aus Sicht der TK die Etablierung von telemedizinischen Informations- und Kommunikationstechnologien erprobt werden. Dabei muss umfassende Interoperabilität zwischen den Sektoren und größtmögliche Einsichtnahme und Partizipation durch den Patienten gewährleistet sein. Medienbrüche und Sektorengrenzen könnten so überwunden werden. Diese Ziele verfolgt die TK auch aktiv mit einer elektronischen Gesundheitsakte (eGA) für ihre Versicherten.
 

3.1 Ambulante Versorgung 
KV-Strukturfonds auch für Telemedizin nutzen 

Die KV Baden-Württemberg hat einen Strukturfonds gebildet, der paritätisch durch die KV und die Krankenkassen finanziert wird. Er soll die vertragsärztliche Versorgung in definierten Fördergebieten mit verschiedenen Maßnahmen sicherstellen. Zudem wurden erste Abrechnungsmöglichkeiten für telemedizinische Behandlungsformen auf Bundesebene geschaffen oder werden in Kürze bereitstehen. Daneben erprobt die TK bereits Online-Sprechstunden in Zusammenarbeit mit Hautärzten, auch in Baden-Württemberg. 

Die TK schlägt vor: 

Der Beitrag der Telemedizin an der Sicherstellung der ärztlichen Versorgung sollte unter Verwendung von Mitteln aus dem Strukturfonds erprobt werden. So könnte durch die Nutzung moderner Kommunikationstechnologien die Steuerung der Patienten im Rahmen des ärztlichen Bereitschaftsdiensts in die dafür zuständigen KV-eigenen Notfallpraxen sichergestellt und professionalisiert werden. 

Außerdem könnten Online-Sprechstunden und die regelmäßige Übermittlung medizinischer Indikatoren durch die Patienten an den Facharzt einen wichtigen arztentlastenden Beitrag leisten und so beispielsweise die flächendeckende pneumologische Versorgung unterstützen. 

3.2 Stationäre Versorgung
KHSG-Strukturfonds für moderne Infrastruktur einsetzen

Die Krankenhäuser in Baden-Württemberg gewährleisten Spitzenmedizin und flächendeckende Versorgung. Dies konnte über Jahrzehnte erreicht und gesichert werden, weil sich engagierte Verantwortliche in den Krankenhäusern frühzeitig auf neue Entwicklungen eingestellt haben und bereit waren, auch schmerzhafte Entscheidungen zu verantworten. 

So müssen wir heute weniger über Schließung ganzer Standorte nachdenken, als über die Effizienzsteigerung durch Konzentration von Leistungen und bessere Zusammenarbeit zwischen den Häusern. Der Telemedizin kommt hierbei eine zentrale Rolle zu. Zudem können Patienten und Krankenhäuser mittels Telemedizin an Spitzenmedizin teilhaben - gerade in einem Flächenland wie Baden-Württemberg.

Die TK schlägt vor: 

Die im Rahmen des Krankenhaus-Strukturfonds für Baden-Württemberg bereitstehenden Mittel (ca. 130 Mio. €) sollten zumindest teilweise gezielt für den Aufbau telemedizinischer Strukturen verwendet werden. Ziel muss es dabei sein, durch eine intensive telemedizinische Zusammenarbeit Effizienzpotenziale zu heben und medizinisches Spezialistenwissen auch in der Fläche bereitzustellen.

Beispiele dafür sind ein vorliegendes Konzept der Regionale Kliniken Holding mit Sitz in Ludwigsburg und Überlegungen aus der Region Tübingen, jeweils zur Implementierung einer bedarfs-orientierten Konzentration intensivmedizinischer Kompetenzen.

3.3 Vernetzte Versorgungsstrukturen
Telemedizin sektorenübergreifend ermöglichen

In Baden-Württemberg gibt es bereits heute viele telemedizinische Einzelprojekte, die über selektivvertragliche Regelungen geschlossen werden. Um von diesen Insellösungen weg zu kommen, gilt es nun, gemeinsame Strukturen zu erkennen und zu fördern. Die neue Landesregierung hat sich dies im Koalitionsvertrag als Ziel gesetzt. Als Beispiel für strukturbildende Maßnahmen kann die Abbildung telemedizinischer Beratung im stationären Fallpauschalen-System gelten. 

Demnächst beginnen im stationären Bereich auf Initiative der TK Prüf- und Kalkulationsverfahren. So könnten zukünftig Kosten, die zwischen Krankenhäusern unterschiedlicher Träger auf Basis der vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) ermittelt wurden, durch das behandelnde Krankenhaus als eigenständige Leistung mit der Krankenkasse abgerechnet werden. Aus dem Erlös wäre die entsprechende Vergütung der Klinik für die telemedizinische Beratung möglich, sogar über die Grenzen eines Bundeslandes hinweg. 

Auch im ambulanten Bereich ist künftig die Abrechnung bestimmter telemedizinischer Leistungen über EBM-Ziffern möglich. Als grundsätzliches Problem bleiben jedoch momentan Medienbrüche an den Schnittstellen der Versorgung bestehen, beispielsweise beim Entlassmanagement. 

Die TK schlägt vor: 

Das Land könnte mit Mitteln aus der Digitalisierungsstrategie digital@bw den sektorenübergreifenden, interoperablen Aufbau telemedizinischer Strukturen unterstützen und in ihre Landeskrankenhausplanung integrieren. Darüber hinaus könnte das Land seine Kriterien für die Krankenhausförderung dahingehend ergänzen, zukunftsfesten telemedizinischen Strukturen eine besondere Förder-priorität zukommen zu lassen. Schließlich sollte die Landesregierung besonders die Handlungsempfehlung der Enquetekommission Pflege zur Einführung einer digitalen Patientenakte prüfen. 
 

4. Gesundheitsberufe
Ausbildung der Heil- und Pflegeberufe weiterentwickeln 

Die sichere und gewissenhafte Anwendung technischer Lösungen und die Datenverarbeitung stellen neue Anforderungen an das medizinische und pflegerische Personal. Angehörige der Heil- und Pflegeberufe nehmen zudem eine Schlüsselrolle in der regelhaften telemedizinischen Versorgung ein. Denn sie sind es, die digitale Gesundheitsanwendungen nutzen sowie Patienten dabei beraten und betreuen. 

Daher erfordert es hier einer Modernisierung der Aus- und Weiterbildungsstrukturen in den Gesundheitsberufen. Vorstellbar sind hier Elemente aus der Teleausbildung, wie das Anlernen von Ärzten, medizinischem und pflegerischem Personals im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie. 

Die TK schlägt vor: 

Im Rahmen ihrer Verantwortung für die Ausbildungsinhalte könnte die Landesregierung dafür Sorge tragen, dass die Aneignung telemedizinischer Kernkompetenzen obligatorisch in die medizinische und pflegerische Ausbildung integriert sowie über Module des lebenslangen Lernens beständig weitergefördert wird. Auch die für die Fortbildung verantwortlichen Heilberufekammern in Baden-Württemberg sollten in diesen Prozess einbezogen werden. 

Die Vermittlung von Grundwissen im Umgang mit gesundheitsbezogenen digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien und Telemedizin sowie die Ausbildung in deren Anwendung sollten regelhaft in das Fort- und Weiterbildungsangebot integriert werden. 

TK-Positionspapier Digitale Gesundheit (PDF, 87 kB, nicht barrierefrei)