Die Techniker Krankenkasse begrüßt die Bestrebungen der Berliner und Brandenburger Landesregierungen, die Digitalisierung voranzutreiben. Berlin soll digitaler werden - verschiedene Förderprogramme und Plattformen wurden hierfür initiiert. Mit Sabine Smentek hat die Hauptstadt erstmalig eine IT-Staatssekretärin. Sie kümmert sich hauptsächlich um die Digitalisierung der Verwaltung. Aber auch Brandenburg setzt weiter auf die Digitalisierung und will dafür in den kommenden Jahren 400 Millionen Euro investieren. Bis Ende 2018 soll eine Digitalisierungsstrategie für das Land erarbeitet werden. 

Die elektronische Gesundheitsakte TK-Safe bietet viele Vorteile. Medizinische Daten wie Röntgenbilder, ärztliche Befunde und verordnete Medikamente sind an einer zentralen Stelle gespeichert und stehen per Smartphone jederzeit zur Verfügung. Zugang zu diesem digitalen Datentresor hat aber nur der Patient.Susanne Hertzer, TK-Chefin in Berlin

Mit Interesse hat die TK das Engagement der Länder zur Kenntnis genommen. Gesundheitsversorgung und Gesundheitswirtschaft werden bei den digitalen Initiativen der Länder bisher thematisch jedoch nur am Rande berührt. Um die Gesundheitsversorgung digitaler zu gestalten, müssen aus Sicht der TK jetzt die Weichen gestellt werden.

Positionen der TK Berlin und Brandenburg zur Digitalisierung - barrierefrei

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1. Digitale Strategien für Berlin und Brandenburg werden auch in Medizin und Pflege benötigt

Die Gesundheitsversorgung ist eine der Kernaufgaben der Daseinsvorsorge. Wegen der schnell voranschreitenden Veränderung der Versorgungssituation sollten Berlin und Brandenburg hier zeigen, wie die Digitalisierung sowohl zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung als auch zur Stärkung der Gesundheitswirtschaft beitragen kann. Die Vernetzung der ärztlichen und nichtärztlichen Leistungserbringer mit- und untereinander, die digitale Kommunikation des Versicherten mit seinem Arzt sowie die Zusammenarbeit von sozialen Diensten und Pflegediensten bedürfen einer stabilen und leistungsfähigen Infrastruktur. Die Länder müssen daher in den Bereichen Medizin und Pflege Handlungsfelder definieren und Strategien festlegen. Um sie voranzutreiben, schlägt die TK einen Digitalisierungsbeirat vor.

2. Berliner und Brandenburger sehen große Chancen der Digitalisierung im Gesundheitssystem - sie gilt es zu nutzen

Die meisten Berliner und Brandenburger (87 Prozent) sehen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens große Vorteile. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der TK. Die Menschen in der Region sind der Meinung, dass durch die Digitalisierung die medizinische Forschung besser vorangetrieben (86 Prozent) und die Behandlungsqualität dank eines besseren und schnelleren Austausches zwischen den Ärzten gesteigert werden kann (77 Prozent). Ein weiterer Vorteil für die Berliner und Brandenburger ist der bessere Zugang zu Gesundheitsinformationen. Diese Chancen gilt es bestmöglich zu nutzen.

3. Elektronische Gesundheitsakte (eGA) für mehr Transparenz

Jeder zweite Versicherte in Berlin und Brandenburg möchte inzwischen online mit seinem Arzt kommunizieren. Ein großer Schritt auf diesem Weg ist die "TK-Safe", die elektronische Gesundheitsakte (eGA), die die TK zusammen mit IBM Deutschland entwickelt hat. Neun von zehn Menschen aus der Region bewerten die Idee einer solchen Akte positiv. In der Gesundheitsakte kann der Versicherte beispielsweise medizinische Daten wie Röntgenbilder, ärztliche Befunde und verordnete Medikamente speichern. Das kann helfen, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und die Verordnung von Medikamenten besser abzustimmen, um lebensgefährliche Arzneimittel-Wechselwirkungen zu verhindern. Aber auch Gesundheits- und Fitnessdaten, die mittels Fitness-Trackern selbst gemessen werden, könnten Bestandteil dieser Akte sein. 

Eine elektronische Gesundheitsakte (eGA), die medizinische Daten sicher und gebündelt bereithält, bietet große Vorteile für die Versicherten. Sie hat das Potenzial, die Effizienz und Transparenz ihrer Versorgung zu verbessern und sie beim Selbstmanagement ihrer Gesundheit zu unterstützen. Daher setzt sich die Techniker dafür ein, dass alle Krankenkassen in Deutschland verpflichtet werden, ihren Versicherten eine solche eGA anzubieten.

Gesundheitsdaten sind hochsensibel und schützenswert. Daher müssen höchste Anforderungen an den Datenschutz und die Datensicherheit gewährleistet sein. Allein die Versicherten entscheiden, ob sie die elektronische Gesundheitsakte nutzen. Sie allein entscheiden darüber, welche Daten sie in ihrem digitalen Datentresor "TK-Safe" speichern möchten und wer sie zu sehen bekommt. Sie besitzen die Hoheit über ihre Daten.

4. Telematik-Infrastruktur etablieren

Die Telematik-Infrastrukur (TI) ist die Grundvoraussetzung für alle weiteren Telematik-Anwendungen (wie das Notfalldatenmanagement, den elektronischen Medikationsplan etc.). Aus Sicht der TK muss eine zügige und flächendeckende Umsetzung unbedingt vorangetrieben werden, damit die geplanten Anwendungen tatsächlich realisiert werden können. Außerdem sind eine starke Leistungsfähigkeit des Systems sowie eine hohe Interoperabilität zwingend erforderlich, um die Daten effektiv nutzen und weiterleiten zu können. Ziel muss es sein, Aufgaben im Gesundheitswesen mit Hilfe digitaler Strukturen zu substituieren und nicht nebeneinander laufen zu lassen. Auch bisher noch nicht einbezogene Leistungserbringer wie zum Beispiel Pflegeeinrichtungen sollten an die TI angeschlossen werden. 

Hier sieht die TK den Gesetzgeber und die gematik in der Pflicht, mit der TI die Basis für eine zeitgemäße Kommunikation zwischen allen Akteuren des Gesundheitswesens herzustellen und deren Nutzung durchzusetzen.

5. Beschluss zur ausschließlichen Fernbehandlung umsetzen

Die Delegierten des 121. Deutschen Ärztetages haben im Mai 2018 die Musterberufsordnung geändert und damit den Landesärztekammern empfohlen, das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung aufzuheben. So wurde der Beschluss gefasst, dass eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien im Einzelfall künftig erlaubt sein soll, wenn dies ärztlich vertretbar ist, die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt wird und die Patienten zuvor entsprechend aufgeklärt wurden. Dadurch wird das Angebot von telemedizinischen Leistungen durch Ärzte deutlich ausgeweitet. 

Damit die neue Regelung im § 7 Abs. 4 der Musterberufsordnung praktisch umgesetzt werden kann, ist es notwendig, dass die Landesärztekammern Berlin und Brandenburg den Beschluss des Ärztetages umsetzen und ihre Musterberufsordnungen für eine ausschließliche Fernbehandlung öffnen. Einer entsprechenden Änderung der Berufsordnung hat die Delegiertenversammlung der Ärztekammer Berlin bereits am 10. Oktober 2018 zugestimmt. Ebenso ist eine Anpassung von Berufsordnungen der Psychotherapeutenkammern und gegebenenfalls anderer Heilberufe durchzuführen.

6. Digitale Gesundheit braucht schnelles Internet

Eine wesentliche Voraussetzung dafür, die bessere medizinische Versorgung durch digitale Angebote zum Vorteil der Patienten zu nutzen, ist die deutschlandweite Bereitstellung eines schnellen Internets. CDU/CSU und SPD wollen laut Koalitionsvertrag bis zum Jahr 2025 einen flächendeckenden Ausbau mit Gigabit-Netzen erreichen. In Berlin und auch in Brandenburg besteht schon heute Nachholbedarf: Gerade einmal 64 Prozent der Haushalte in der Mark haben die Möglichkeit, Datenübertragungsraten von mindestens 50 Mbit/s zu nutzen. Aber auch in der "Hauptstadt der Start-ups" ist mit einer rund 90-prozentigen Abdeckung noch einiges zu tun.

7. Die kluge Nutzung von Daten verbessert die Versorgung

Immer mehr Menschen nutzen Fitness-Tracker und Health Apps. Zwei von drei Berlinern und Brandenburgern finden es gut, wenn Gesundheits- und Fitness-Daten in anonymisierter Form in der Forschung genutzt werden und so der Allgemeinheit helfen. Die kluge, sichere und sinnstiftende Zusammenführung und Nutzung von Daten können dazu dienen, Prognosen über die gesundheitliche Entwicklung eines Patienten zu erhalten - sofern er dies wünscht. Damit lässt sich zum Beispiel abschätzen, wie hoch sein Risiko ist, wegen seines Diabetes in den kommenden zwölf Monaten ins Krankenhaus zu müssen. Gemeinsam mit seinem Arzt kann der Patient dann gegensteuern. 

Auch die Diagnostik wird sich durch die zunehmende Verknüpfung von Daten verbessern und damit den Arzt unterstützen. Davon sind auch die Menschen in der Region überzeugt. Jeder Zweite ist sich laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der TK sicher, dass durch die Zusammenführung von Gesundheits- und Fitness-Daten schwere Krankheiten besser diagnostiziert werden können. Therapeutische Möglichkeiten und medizinisches Wissen werden durch "Big Data“ zielgenauer. Die intelligente Datennutzung hat damit großes Potenzial, die Qualität der Gesundheitsversorgung deutlich zu verbessern. Auch den Strukturen der Versorgung kommt die Digitalisierung zugute - zum Beispiel können telemedizinische Modelle helfen, die Versorgung im ländlichen Raum in Brandenburg sicherzustellen.

8. Die Digitalisierung entlastet die Leistungserbringer

Die Leistungserbringer im Gesundheitswesen bemängeln häufig einen großen Bürokratieaufwand. Auch hier kann die Digitalisierung unterstützen und entlasten. Durch die weitaus bessere Verfügbarkeit von Behandlungsdaten können sich Ärzte viel schneller einen Überblick verschaffen und die Therapie planen. Dokumentationen werden erleichtert und beschleunigt. Auf diesem Weg führt die Digitalisierung dazu, dass Ärzte, Schwestern, Pfleger und andere Leistungserbringer entlastet werden und sich stärker ihrer eigentlichen Aufgabe widmen können - nämlich sich um die Patienten zu kümmern.

9. Zulassung und Qualitätsbewertung von Health Apps

Im Vergleich zu anderen Branchen ist der Gesundheitsmarkt von komplexen Regulierungsverfahren für Zulassung und Erstattung geprägt. Dies betrifft auch digitale Anwendungen, beispielsweise Health Apps. Digitale Versorgungsprodukte wie zum Beispiel Apps für das Smartphone oder Tablet sind nur bedingt mit klassischen Medizinprodukten vergleichbar. Es herrscht für Anbieter zudem keine hinreichende Transparenz über die Zulassungspflicht und -kriterien. Es gibt keine einheitlichen Qualitätsstandards, die etwas zum Nutzen, der Vertrauenswürdigkeit und der Qualität von Health Apps aussagen. Damit entgeht dem ersten Gesundheitsmarkt ein großes Potenzial hinsichtlich der Innovationsfähigkeit und des medizinisch-technischen Fortschritts. Ein positives Innovationsklima für das deutsche Gesundheitswesen ist jedoch wichtig, damit Start-ups und junge Unternehmen nicht vom deutschen Markt abwandern. 

Die TK schlägt für die Zulassung und Erstattungsmöglichkeiten von Gesundheits-Apps die Schaffung klarer Rahmenbedingungen vor, die den Besonderheiten digitaler Anwendungen Rechnung tragen. Hierfür wird ein nach Risikoklassen gestaffeltes Klassifikationsmodell benötigt. So sollen digitale Anwendungen, die in medizinische Entscheidungsprozesse eingreifen und somit mit einem höheren Risiko/Gefahrenpotenzial in ihrer Anwendung verbunden sind, in eine höhere Risikoklasse bei der Zulassung eingestuft werden als beispielsweise reine Informationsangebote. Digitale Versorgungsprodukte, die lediglich Informationen zur Verfügung stellen (Klasse 1a) oder Daten sammeln (Klasse 1b), zum Beispiel elektronische Tagebücher, müssen nicht zugelassen werden. Werden hingegen Daten verarbeitet und zu Diagnose- oder Therapiezwecken verwendet (Klasse 2) bzw. ist sogar vorgesehen, dass die Anwendung ärztliche Leistungen ersetzen soll (Klasse 3), wird eine formale Marktzulassung benötigt. Um die Zulassung zu erhalten, sind Nachweise (Studien) zur Sicherheit des Produkts notwendig.

10. Zugang von Apps in die Gesundheitsversorgung

Der Markt für digitale Versorgungsprodukte ist schnelllebig und durch kurze Innovationszyklen geprägt. Um auch den Produkten der beiden höheren Risikoklassen einen zügigen Zugang zum Gesundheitssystem zu ermöglichen, schlägt die TK als weiteren Schritt das folgende Modell vor: Digitale Versorgungsprodukte der Klassen 2 und 3 sollten zunächst eine befristete Zulassung erhalten. Dafür müssen sie nachweisen, dass von ihnen keine grundsätzliche Gefahr für die Nutzer ausgeht und ein Mindestmaß an Wirksamkeit gewährleistet wird. Zudem sind die Anbieter dieser Produkte verpflichtet, in der Phase der befristeten Zulassung den Nutzen (mithilfe der Versorgungsforschung) nachzuweisen. Das Ergebnis der begleitenden Evaluation entscheidet später darüber, ob das Produkt weiter zugelassen bleibt (befristet oder unbefristet) oder ob man die Zulassung schließlich wieder entzieht.

11. Schaffung eines Innovationsbudgets für zügige Umsetzung von Innovationen

Aus Sicht der TK ist es erforderlich, ganz neue Wege einzuschlagen, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu fördern. Aus diesem Grund sollten die Krankenkassen das sogenannte Innovationsbudget (2,50 Euro je Versicherten zur Förderung innovativer Versorgungsformen) nutzen können, um Selektivverträge mit den Anbietern digitaler Versorgungsprodukte zu schließen. Für die Hersteller könnte dieser Weg die Möglichkeit bieten, relativ schnell einen möglichen Nutzennachweis zu erbringen. Den Krankenkassen bietet diese Art der Kooperation wiederum die Chance, dass ihre Patienten frühzeitig von den Vorteilen digitaler Innovationen profitieren.