Der Beitrag von Professor Dr. Alena Buyx benennt ethisch begründete Herausforderungen der Digitalisierung. Dieser Impuls ist wertvoll, dominieren in der politischen Diskussion doch oft technologisch-ökonomische Fragen wie etwa 5G-Verfügbarkeit, Ausbau schneller Netze, Investitionen in KI etc.

Für eine sinnvolle risikoarme Anwendung werden technologische Innovationen allein nicht reichen, es braucht ergänzend für den verantwortungsvollen Einsatz auch soziale Innovationen.

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Hardy Müller

Technologien ohne Akzeptanz in der Bevölkerung werden keine Anwender finden. Diejenigen, die sie dennoch anwenden, werden polarisieren oder noch schlimmer - wir erinnern uns an das Schicksal von Googles innovativer Datenbrille - werden als "glassholes" bekämpft: Anwender einer Technik, die sozial nicht akzeptiert und damit zum Scheitern verurteilt ist. Googles Datenbrille kam 2014 auf den Markt und verschwand trotz beeindruckender technologischer Leistungsfähigkeit nach nur wenigen Monaten wieder. 

Das Podcast-Interview unterstreicht die Dringlichkeit zur ethischen Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation. Die digitale Transformation ist jetzt im vollen Gange, wir benötigen nicht nur einen "digitalen Knigge", vielmehr müssen wir die Folgen abschätzen, um sicher die Chancen zu mehren und die Risiken der Digitalisierung zu minimieren.

Keine Diskriminierung von "Analogen" - Ethische Standards als Standortvorteil

Ethisch herausfordernd ist zum Beispiel die problematische Entwicklung des "digital divide". Die Kluft wächst zwischen jenen mit Kontakt zu und mit der Möglichkeit zur Nutzung digitaler Verfahren und jenen, die - aus welchen Gründen auch immer - keine digitalen Anwendungen nutzen können oder wollen. Aus ethischer Sicht ist es bedenklich, falls analoge Angebote weichen und damit jene Menschen diskriminiert werden, die auf diese alten Angebote angewiesen sind. 

Buyx macht deutlich, dass ethische Standards zu einem Wettbewerbs- und Standortvorteil gereichen. "Ethics made in Germany" ist ein förderliches Qualitätsmerkmal.

Digitaler Diskurs notleidend

Die Leitplanken zum verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Verfahren haben wichtige Organisationen wie die EU mit einschlägigen Vorgaben, die Bundesregierung mit der Daten-Ethik-Kommission, Enquete-Kommissionen oder der Deutsche Ethikrat etc. mit wichtigen Grundsatzpapieren geschaffen, so Buyx. Jetzt allerdings muss dieser Rahmen konkretisiert werden, und zwar von uns allen, die in der digitalen Transformation leben. Eine Delegation der Auseinandersetzung an "ethische Institutionen" reicht nicht.

Buyx fordert zum öffentlich-politischen Diskurs. Der ist dringend notwendig. Damit dieser aber sinnvoll geführt werden kann, benötigt es spezieller Kenntnisse. 

Diskurs-reif?

In einer Studie der Techniker Krankenkasse "TK-DiSK: Digital Selbstbestimmt. Kompetent. Ein Projekt zur Stärkung der Digitalen Gesundheitskompetenz von Patienten und Organisationen“   haben wir untersucht, wie weit diese Kenntnisse - wir nennen dies die digitale Gesundheitskompetenz - im Gesundheitswesen verbreitet sind. Die Studie hatte unter anderem das Ziel, den aktuellen Sach- und Diskussionsstand hinsichtlich der Digitalen Gesundheitskompetenz im deutschen Gesundheitswesen zu analysieren. Auch wurden Kompetenzanforderungen eruiert und das Konzept auf der Grundlage der bestehenden Literatur und der empirischen Ergebnisse wissenschaftlich weiterentwickelt.  

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass diese Kompetenz noch nicht weit ausgebaut, sondern entwicklungsbedürftig ist. Dies gilt sowohl für einzelne Patienten als auch für Gruppierungen und Organisationen.

Digitale Gesundheitskompetenz als soziale Innovation fordern und fördern

Ein Diskurs erfordert digitale Gesundheitskompetenz. Diese fällt aber nicht vom Himmel. Sie muss entwickelt, vermittelt und gefördert werden. Diese Angebote stellen soziale Innovationen dar. Sie zu erreichen, erfordert  Aufwände, Ressourcen und Zeit. Es ist daher bedenklich, falls bei der Beförderung der digitalen Versorgung alleine die Anwendungen (Apps) gefördert und finanziert werden, nicht jedoch auch die Qualifizierung zur bewussten und ethisch vertretbaren Anwendung. 

Ein verstärktes Investment in die digitale Souveränität der Anwender ist notwendig, damit uns die Erfahrung der "glassholes" erspart bleibt.