TK: Herr Vogt, warum beschäftigt sich die TK mit künstlicher Intelligenz?

Andreas Vogt: Auch wenn vieles im Bereich der KI noch recht vage ist und man mit Begriffen wie Revolution vorsichtig sein sollte: Diagnose und Therapie - aber auch das Informationsmanagement und die Aufbereitung von medizinischen Daten - werden sich durch die KI in den nächsten Jahren massiv verändern.

Diese Veränderungen werden sich zwangsläufig auch auf die Arbeit der Krankenkassen auswirken. Wie können wir unsere Versicherten in diesem Prozess unterstützen, welche Angebote können wir unterbreiten? Diese Fragen stellen sich für uns ebenso nicht erst in Zukunft, sondern bereits jetzt. 

Es ist immer besser, sich proaktiv mit Zukunftsthemen zu beschäftigen, als die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen. Andreas Vogt

Wir beschäftigen uns mit dem Thema aber auch auf politischer Ebene. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen, wenn die KI sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten auf Akzeptanz stoßen soll.

Andreas Vogt

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Leiter TK-Landesvertretung Baden-Württemberg

TK: Für die allermeisten Patienten ist das doch alles noch sehr weit weg?

Vogt: Es ist immer besser, sich proaktiv mit Zukunftsthemen zu beschäftigen, als die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen. Zwar ist für den Großteil der Patientinnen und Patienten KI tatsächlich noch weit weg. Aber das Thema Künstliche Intelligenz ist bereits im Gesundheitswesen angekommen.

Tech-Konzerne weltweit arbeiten bereits daran, mit ihren Produkten Fakten zu schaffen. So ist beispielsweise Amazon dabei ein Expertenteam für Digital Health aufzubauen, das die Möglichkeiten digitaler Technik im Bereich Gesundheit auslotet.
Auch in Deutschland sind die ersten Anwendungen zu beobachten: Lernfähige Software kann Hautkrebs oder Wucherungen im Darm erkennen und ist dem Menschen dabei überlegen.

Mit Hilfe der KI können riesige Datenmengen ausgewertet werden, um die Medizin viel präziser auf die einzelnen Patienten auszurichten als bisher. Insofern gilt: Die Zukunft hat schon begonnen.
 
TK: Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung am 6. Dezember?

Vogt: Das Thema KI ist in der Bevölkerung durchaus mit Ängsten verbunden, gerade wenn es um Gesundheit geht. Sagen künftig in den Krankenhäusern Maschinen, wo es langgeht? Kommt ein seelenloser Medizinbetrieb? Das sind Fragen, die in diesem Zusammenhang auftauchen.

In den vergangenen Jahren wurde zunehmend der Wunsch nach einem Ausbau der sprechenden Medizin geäußert. Die Patienten möchten Menschen als Ansprechpartner. Sie möchten ein intaktes  Arzt-Patienten-Verhältnis, kein durch KI beschädigtes.
Patienten - und auch die Ärzte - werden KI vermutlich nur dann akzeptieren, wenn der Mensch am Anfang und Schluss der Behandlung steht und die KI zur Unterstützung eingesetzt wird. 

Zu einer ethischen Reflexion des Themas KI in der Medizin gehört für mich aber auch die Frage, wie wir die durch KI gewonnenen Daten verantwortungsvoll einsetzen können. Viele Patienten könnten durch eine bessere Gesundheitsforschung profitieren. Auch zu dieser Frage freue ich mich auf eine spannende Diskussion.

Wir möchten ein klares Zeichen setzen: Die KI soll eine wichtige Rolle spielen. Die damit verbundenen Chancen für Früherkennung, Diagnostik und Therapie wollen wir nutzen - doch immer flankiert von ethischen Leitplanken. Wie sollen diese aussehen? Ministerpräsident Kretschmann und die teilnehmenden Politikerinnen werden dazu sicherlich Position beziehen.

TK: Wie sehen Sie die Zukunft der Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Vogt: Im Vergleich zur Industrie hat das Gesundheitswesen in Sachen Digitalisierung noch Nachholbedarf. Wir haben es mit sehr sensiblen Daten zu tun, die den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in seinem Inneren betreffen. Da brauchen solche Veränderungen vielleicht einfach auch mehr Zeit.

Wir sehen uns in der Rolle des Treibers, der Dinge voranbringen und auch gestalten möchte. Andreas Vogt

In den letzten Jahren wurden sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene viele wichtige Weichenstellungen vorgenommen, die die Digitalisierung vorangebracht haben. Baden-Württemberg kann hier eine VorreiterroIle für sich reklamieren: Die Landesärztekammer hat als erste den Weg für Telemedizin ohne direkten Arzt-Patienten-Kontakt möglich gemacht. Es folgte docdirekt, nun ist das eRezept "GERDA" in Arbeit. 

TK: Und in welcher Rolle sehen Sie die TK in diesem Prozess?

Vogt: Wir sehen uns in der Rolle des Treibers, der Dinge voranbringen und auch gestalten möchte. Dies haben wir etwa mit unserer elektronischen Gesundheitsakte "TK-Safe" bereits erfolgreich getan. In Baden-Württemberg bieten wir nun zusammen mit dem Münchner Unternehmen "Minxli" eine telemedizinische Versorgung für Studierende in Karlsruhe und Heidelberg an.   

Dabei möchten wir nicht stehenbleiben. Wir plädieren dafür, über alle Kliniken hinweg flächendeckend ein telemedizinisches Netzwerk zu etablieren. In diesem Netz sehen Telekonsile von Hochleistungseinrichtungen für andere Kliniken und niedergelassene Ärzte ebenso wie telemedizinische Beratung und Betreuung von Patientinnen und Patienten. Da erwarten wir auch eine Förderung des Landes. Mit dem Sozialministerium haben wir in dieser Sache bereits Kontakt aufgenommen.