Interview mit Prof. Dr. Jörg Hübner, Geschäftsführender Direktor Evangelische Akademie Bad Boll und Dr. Dietmar Merz Studienleiter Evangelische Akademie Bad Boll, Arbeitsschwerpunkt: Medizinethik und Gesundheitspolitik.

TK: Herr Hübner, Herr Merz, hat KI - wie z.B. Siri und Alexa - in Ihrem Alltag bereits Einzug gehalten? 

Prof. Dr. Jörg Hübner: Nur gelegentlich nutze ich die digitalen Assistenten - und denke immer dabei: Das ist doch eigentlich unnötig, dass ich mich dieser Technik bediene. Das finde ich doch auch selbst. 

Prof. Dr. Jörg Hübner

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Geschäftsführender Direktor Evangelische Akademie Bad Boll

Ob KI also zum Fluch oder eben zum Segen werden kann, hängt davon ab, was wir aus dieser Technik machen, wie wir sie gestalten und prägen.  Prof. Dr. Jörg Hübner

Dr. Dietmar Merz: Nein Siri oder Alexa nicht. Vor dieser Art von Technik haben mich Freunde, die sich in der Materie auskennen, gewarnt: Da könne man sich gleich eine Abhöranlage installieren lassen. Ohne dass es mir bewusst ist, unterstützt KI aber mein Leben wohl doch an der einen oder anderen Stelle.

Dr. Dietmar Merz

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Studienleiter Evangelische Akademie Bad Boll, Arbeitsschwerpunkt: Medizinethik und Gesundheitspolitik

TK: Ist Künstliche Intelligenz Fluch oder Segen für die Menschheit? 

Hübner: Das ist die falsche Alternative, die sich hier auftut. KI ist doch ein Instrument, mit dem wir es zu tun haben. Nehme ich das berühmte Beispiel vom autonomen Fahren: Schon die Begrifflichkeit scheint mir falsch zu sein. Es handelt sich nicht um autonomes, sondern um automatisiertes Fahren. Ob KI also zum Fluch oder eben zum Segen werden kann, hängt davon ab, was wir aus dieser Technik machen, wie wir sie gestalten und prägen. Die gesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit dieser Technik, auch die individuelle Verantwortung bleibt uns doch erhalten. 

Merz: Segen und Fluch sind als Begriff vielleicht zu moralisch besetzt. Aber ambivalent sind die gebotenen Möglichkeiten schon: KI kann das Leben erleichtern und verbessern. Es kann aber auch dazu führen, dass elementare Rechte bedroht oder eingeschränkt werden und es zu einer digitalen Fremdbestimmung kommt.

TK: Was darf Künstliche Intelligenz und wo sollten ihr aus ethischen bzw. christlichen Gesichtspunkten Grenzen gesetzt werden? 

Es wäre sicherlich falsch, jeden Fortschritt im Bereich des Digitalen kategorisch abzulehnen. Für genauso falsch halte ich es aber, ungeprüft und unkritisch jeden Modernisierungsschritt einfach mitzugehen. Dr. Dietmar Merz

Hübner: Auch hier stellt sich die Frage nicht nach der KI, sondern wir sind gefragt. Die Antworten sind die gleichen wie bei der "normalen“ Technik: Die Diskriminierung von Menschen, die Verletzung der menschlichen Würde, das Untergraben der Freiheitsrechte eines jeden Menschen - das sind absolute Grenzen im menschlichen Miteinander. Hinzu kommen Fragen nach der Gerechtigkeit: Ich habe den Eindruck, dass wir in der bisherigen Diskussion um KI zu technikverliebt sind. Wir meinen, die Techniker würden uns die Antworten vorsetzen. Das Gegenteil ist doch der Fall: Jede KI-basierte Technik beruht auf Algorithmen, die wiederum Wertentscheidungen voraussetzen. Darüber muss diskutiert werden. Hier brauchen wir öffentliche Diskurse, neue Entscheidungsstrukturen und möglicherweise auch neue Institutionen in öffentlicher Verantwortung. Wo hier eine Grenze liegt, was KI soll oder eben nicht darf, muss im konkreten Fall jedes Mal neu entschieden werden. 

Merz: Es wäre sicherlich falsch, jeden Fortschritt im Bereich des Digitalen kategorisch abzulehnen. Für genauso falsch halte ich es aber, ungeprüft und unkritisch jeden Modernisierungsschritt einfach mitzugehen. Für mich ist entscheidend, danach zu fragen, was dem Leben und den Menschen wirklich dient. Wir brauchen beispielsweise digital weiterentwickelte Medizinbereiche, aber keine gläsernen Patienten. Wir können mit Hilfe von teilautonomem Fahren Mobilität im Alter bewahren, aber wir sollten dabei anderen nicht Zugriff auf unser Bewegungsprofil geben. Letztendlich geht es um das Menschenbild in der digitalen Welt: Um den Erhalt von Würde, Freiheit und Selbstbestimmung.

TK: Regelmäßig begegnet einem das Thema Künstliche Intelligenz in verschiedenen Kontexten bei Tagungen an der Evangelischen Akademie. Anfang Dezember wird bspw. der Einsatz von KI im Gesundheitswesen mit Interessierten, Expertinnen sowie Experten beleuchtet. Die Akademie scheint die Notwendigkeit des Diskurses über dieses Thema als sehr relevant zu erachten, warum? 

Hübner: Wir als Akademie verstehen uns als innovative Kraft in der Gestaltung einer sozialen, zukunftsfähigen, gerechten und demokratischen Gesellschaft - und genau darum geht es nun auch mit dieser neuen Technik. Es geht um sozial ausgewogene Technikangebote, um gerechte Strukturen in den Angeboten, um die Achtung der Menschenwürde und der Freiheitsrechte eines jeden Menschen und um Fragen gemeinsamer Entscheidungen. KI wird unser Zusammenleben insofern ändern, als sich diese Technik in den nächsten Jahren massiv durchsetzen wird. Dabei ist jedoch KI kein Zaubermittel und auch kein Heilsversprechen, sondern einfach nur ein weiteres Instrumentarium menschlichen Zusammenlebens. Genau deswegen beschäftigen wir uns mit diesen Fragen, schaffen Dialogformate und führen Expertengespräche durch. 

Merz: Vor der letzten Bundestagswahl hat eine Partei das Wahlplakat gestaltet: "Digital first - Bedenken second“. Das halte ich für äußerst kurzsichtig. Ich habe die Akademie nie als Ort verstanden, wo sich Bedenkenträger und Bremser sammeln, sondern als guten Raum der Begegnung verschiedener Sichtweisen und Lesarten. Auch der digitale Fortschritt braucht einen begleitenden Diskurs, weil nicht per se alles gut ist, was sich da entwickelt.

TK: Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Umgang mit der KI? 

Hübner: Insbesondere mehr öffentliche Diskurse, die Präsenz auch der kirchlichen Stimme in den Entscheidungsgremien, weniger angstbesetztes Gerede, sondern mehr bewusste, zukunftszugewandte Gestaltung dieser Technik. 

Merz: Wir sollten in unserer Verantwortung für den Umgang mit KI Prinzipien entwickeln, anhand derer wir über Wohltun und Schaden entscheiden können. Gerechtigkeit, Zugang für alle und Respekt vor der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen könnten Teil dieses Prinzipienkatalogs sein. Ebenso die Erkenntnis, dass es eine unüberwindbare Lücke zwischen Daten und Wirklichkeit gibt. Beim Thema KI macht mir aber v. a. die Macht weniger Konzerne zu schaffen. Man hat das Gefühl, dass gerade die Erde unter denen, die sich unsere Daten als Rohstoff aneignen, wie ein Kuchen verteilt wird. Es darf nicht sein, dass wenige unkontrolliert die Geschicke aller lenken. Da braucht es klare Regeln.