TK: Können die Patienten in unserem Bundesland heute schon von Videosprechstunden profitieren?

Dr. Peter Zeggel: Ja natürlich, die Videosprechstunde kann seit April 2017 angewandt und auch von den Kassenärzten abgerechnet werden. Die rechtliche Voraussetzung dafür ist aber immer noch, dass der Patient einmal vorher durch den Arzt untersucht wurde. Leider sind die Anreize bzw. Vergütungen für den Arzt schlechter als bei der klassischen Behandlung, so dass bisher nur wenige Anwendungsfälle bekannt sind.

Eine Gleichstellung der Behandlungsformen - online und klassisch - sehen wir als zwingend notwendig an, um die Digitalisierung in der Medizin voranzutreiben.

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Dr. Peter Zeggel

Nach der Entscheidung der Bundesärztekammer vom Mai 2018 wurde das sogenannte Fernbehandlungsverbot berufsrechtlich weiter gelockert - und nun dürfen Ärzte mit ihrer ganz besonderen Verantwortung und in Kenntnis der speziellen Lebenssituation ihrer Patienten eben doch (ausschließlich) "fernbehandeln".

Diese Entscheidung sehen wir als eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Ärzte mit neuen Technologien arbeiten und bestehende Versorgungslücken schließen können. In den meisten Bundesländern wurde dieses Recht in Landesrecht umgesetzt; in Mecklenburg-Vorpommern - zu unserer Verwunderung und Enttäuschung - noch nicht.

Eine Gleichstellung der Behandlungsformen sehen wir als zwingend notwendig an, um die Digitalisierung in der Medizin voranzutreiben.
Dr. Peter Zeggel

Unter diesen Umständen dürften die Versicherten unseres Bundesland nicht nur in Hinblick auf die konkrete Nutzung der Onlinetechnologie zurück bleiben, auch eine ganze Reihe von neuen Versorgungs- und Vertragsmodellen, die auf komplexere Weise Patienten in einem definierten Behandlungspfad versorgen helfen, sind für sie nur schwer oder gar nicht zugänglich (Bsp.: Betreuung und medizinische Versorgung von Alten-, Pflege- und Behinderteneinrichtungen).

TK: Die Erwartungen an die Arbeits- und Lebensbedingungen als Arzt haben sich in den vergangenen zehn Jahren stark verändert. Wie können Videosprechstunden helfen dem Anspruch junger Mediziner gerecht zu werden? 

Dr. Peter Zeggel: Was die Wünsche und Vorstellungen für das eigene Leben anbetrifft, unterscheiden sich junge Ärzte nicht sehr von anderen jungen Menschen. Bei Ärzten kommt jedoch hinzu, dass sie überdurchschnittlich hochqualifiziert und auf dem Arbeitsmarkt sehr begehrt sind.

Akademiker wie Ärzte können wählen und bleiben nach ihrem Studium derzeit verstärkt in wirtschaftlichen und kulturellen Zentren; hier kann man am besten am kulturellen Leben teilnehmen und Geld verdienen. Das ist so einfach zu verstehen wie folgenschwer für die ländlichen Regionen.

Aus unserer Sicht eröffnet sich durch die Technologie "Videosprechstunde" die Chance, dass sich junge Mediziner, die in kleineren Städten oder auf dem Land arbeiten, technologisch auf der Höhe der Zeit und professionell eingebunden erleben können (Konsile mit spezialisierten Fachkollegen wären möglich; Zweitmeinungsverfahren könnten leichter werden). 

Mit Videosprechstunden wäre für die Ärzteschaft die Gefahr, sich im Beruf aufzureiben, geringer.
Dr. Peter Zeggel

Außerdem könnte die Nutzung der Videosprechstunde den Eindruck mildern, dass sie sich allein gelassen fühlen angesichts der schieren Fülle der aufgebürdeten Aufgaben in Regionen mit "Ärztemangel".

Ressourcen anderer Heil- und Pflegeberufe sowie Kapazitäten aus den Großstädten und fernen Krankenhäusern könnten per Telemedizin helfen, damit Patienten multiprofessionell und eben nicht nur durch Hausärzte allein versorgt werden müssen.

Fachlich wäre das Berufsleben für die Ärzteschaft somit durchaus anspruchsvoller, evidence-geleiteter und die Gefahr, sich im Beruf aufzureiben, geringer.

TK: Wie können wir die Potentiale der Fernbehandlung nutzen, ohne die speziell geschützte Arzt-Patienten-Beziehung zu gefährden?

Dr. Peter Zeggel: Die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist besonders schützenwert und wird auf gewisse Weise durch die "Technik" auf die Probe gestellt. Wir glauben, dass eine Videosprechstunde nur eine spezielle Form der Behandlung ist und die klassische Sprechstunde in vielen Indikationen sinnvoll ergänzt. 

Aber worum geht es im Gesundheitswesen und beim Einsatz von Telemedizin bzw. der Technologie "Videosprechstunde"? Es geht ganz grundsätzlich um Versorgungssicherheit und Teilhabe am medizinischen Fortschritt; es geht darum, die medizinische Leistung dort zur Verfügung zu stellen, wo sie benötigt wird - auch unter den Bedingungen einer im demographischen und infrastrukturellen Wandel befindlichen Gesellschaft. Wir sprechen also gerade nicht nur von Service und Komfort! 

Wenn wir die Arzt-Patienten-Beziehung schützen wollen, müssen Ärzte über den Prozess der Behandlung weiterhin die Hoheit haben, denn sie tragen auch die Verantwortung. Patienten müssen über ihre Daten in vollem Umfang verfügen und im Zweifelsfall "nein" sagen dürfen.

Ärzte müssen über den Prozess der Behandlung weiterhin die Hoheit haben, denn sie tragen auch die Verantwortung.
Dr. Peter Zeggel

Wenn Ärzte gemeinsam mit anderen Heil- und Pflegeberufen die neue Technologie so zu nutzen verstehen, dass sie damit eine hochwertige, preisgünstige und patientengerechte Versorgung sicherstellen, dann können eigentlich alle Beteiligten zufrieden sein. 

Wir als Softwareanbieter stellen die von den Vertragspartnern im Gesundheitswesen definierten Anforderungen an die Videosprechstunde sicher: wir schaffen Funktionsfähigkeit und Datenschutz und gewährleisten Werbefreiheit.

Zur Person

Dr. Peter Zeggel, der promovierte Physiker ist der geschäftsführender Gesellschafter von der arztkonsultation ak GmbH. Dr. Zeggel engagiert sich seit über 25 Jahren als Berater und Investor im Bereich der Medizintechnik. 

Patienten müssen über ihre Daten in vollem Umfang verfügen und im Zweifelsfall "nein" sagen dürfen.
Dr. Peter Zeggel

Was wir benötigen, ist eine Vertrauen schaffende "Kultur" im Umgang mit IT im Gesundheitswesen: Dafür brauchen alle Akteure im Gesundheitswesen - die Selbstverwaltung, die Politik und auch die Wirtschaft - noch etwas mehr Freiheit und Erfahrungswerte.

TK: Wie wird Patientenversorgung in zehn Jahren aussehen? 

Dr. Peter Zeggel: Wir sind sicher, dass sich in zehn Jahren ein breiter Versorgungssektor "Telemedizin und eHealth" entwickelt haben wird, der die traditionelle Versorgung ergänzt und partiell ersetzt.

Ärzte, Pflegepersonal, Psychotherapeuten und Patienten werden so routiniert mit den Angeboten umgehen können, wie schon heute mit Online-Banking, Online-Shopping oder in Webinaren. Dabei sollten alle Akteure darauf achten, dass wir bestimmte schwache oder besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen in diesem Prozess nicht verlieren! 

Nach dem aktuell wahrnehmbaren Hype um Apps, KI und medizintechnische Lösungen werden wir sehen, dass nur das Bestand haben wird, das gut integriert werden kann. Und bei diesen erforderlichen Integrationsschritten gibt es einige Hürden!

Zum Beispiel das IT-Schnittstellenproblem ("Passt meine Software zu Deinem Systemhaus?") oder die Anschlussfähigkeit an Versorgungskonzepte, Versorgungsverträge und Finanzierungsmodelle ("Finde ich eine verlässliche Finanzierungsquelle im bestehenden Versorgungssystem, in dem der Patient außer seine Kassenbeiträge selten etwas zu zahlen gewöhnt ist?"). 

Wir brauchen eine Vertrauen schaffende "Kultur" im Umgang mit IT im Gesundheitswesen.
Dr. Peter Zeggel

Und schließlich, gelingt es uns, die Technologien so nutzerfreundlich zu gestalten, dass sie dauerhaft angewendet werden ("Mündet das ganze Blutdruck-, Blutzucker- und BMI-Monitoring tatsächlich in einem verbesserten Therapieprozess, in erhöhter Lebensqualität")? Auf all diese Fragen haben wir noch keine endgültigen Antworten, aber wir haben unseren Pioniergeist, sind technisch und organisatorisch bestens vorbereitet und stehen in vielfältigstem Austausch mit Kunden und Partnern.

Für den Versorgungsbereich Pflegeheime und den Bereich der häuslichen Versorgung bin ich für den Einsatz digitaler Technologien in der Krankenversorgung besonders optimistisch, denn gerade hier werden aus dem brennenden Bedarf heraus, dankbare Anwender und wertvolle Lösungen gefunden werden können.

Ich bin mir sicher, dass hochqualifiziertes pflegerisches Personal beispielsweise in betreuten Heimen und Pflegeinrichtungen viel mehr medizinische Versorgung übernehmen wird als heute - das jedoch in komplexeren Fällen oder in Krisenfällen online von ärztlichen Experten unterstützt werden wird. 

Mein Team und ich, wir freuen uns darauf, gerade in diesem Bereich, der für die flächendeckende Sicherstellung bedeutenden hausärztlichen und pflegerischen Versorgung, gemeinsam mit Krankenkassen für eine sichere und hochwertige Versorgung zusammen arbeiten zu können.