TK: Was hat dazu geführt, dass Schleswig-Holstein eine Vorreiterrolle in Sachen Fernbehandlung einnimmt?

Dr. Henrik Herrmann: In einem Flächenland wie Schleswig-Holstein treten Probleme wie der Fachkräftemangel oder die Sicherstellung der Versorgung im ambulanten wie im stationären Bereich eher auf als in Metropolregionen oder bevölkerungsstarken Bundesländern.

Zudem arbeiten die Partner im Gesundheitswesen in Schleswig-Holstein eng zusammen - natürlich teilweise mit unterschiedlichen Standpunkten, aber immer im konstruktiven Diskurs und lösungsorientiert.

Die Partner im Gesundheitswesen in Schleswig-Holstein arbeiten eng zusammen.
Dr. Henrik Herrmann

Dies führte zu einer frühen Diskussion über die ausschließliche Fernberatung und Fernbehandlung, auch unter Einbezug des zuständigen Ministeriums. Hier zeigte sich schnell, dass die ärztliche Selbstverwaltung aktiv gestalten kann und einen klaren Rahmen für die ausschließliche Fernbehandlung definieren konnte. Die Kammerversammlung hat im April 2018 einstimmig die notwendige Berufsordnungsänderung beschlossen.

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Dr. Henrik Herrmann

TK: Welche Möglichkeiten bietet die Fernbehandlung für die Patienten in Schleswig-Holstein?

Dr. Henrik Herrmann: Ich möchte dies an einem konkreten Beispiel beantworten, das sehr zu unserer Entscheidung beigetragen hat: Die Anrufe von Patienten unter der 116117 werden landesweit in einer Zentrale entgegengenommen.

Der Disponent kann nicht immer eine klare Zuordnung des medizinischen Sachverhalts vornehmen und hat die Möglichkeit, eine Ärztin oder Arzt telefonisch zur Beratung und eventuellen Behandlung hinzuziehen, wenn der Patient dies wünscht.

Das kann nun auch ohne direkten Patienten/Arzt-Kontakt stattfinden, wenn dies ärztlich indiziert ist. Positive Veränderungen werden wir aber auch durch elektronische Verordnungen, in der Notfallmedizin sowie bei der Versorgung von Menschen auf Inseln und Halligen und in Seniorenheimen erleben. 

TK: Für eine bestmögliche medizinische Versorgung braucht es zukünftig innovative Versorgungskonzepte. Welche Wege könnten Abseits der Fernbehandlung genutzt werden? 

Dr. Henrik Herrmann: Fernbehandlung stellt nur ein Teil des zukünftigen Versorgungskonzepts dar. Die zunehmende Digitalisierung und die künstliche Intelligenz unterstützen diesen Prozess, allein eine elektronische Dokumentation der Befunde eines Patienten ist schon sehr hilfreich.

Zur Person

Dr. Henrik Herrmann ist seit 2018 Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Der Facharzt für Innere Medizin ist außerdem Beisitzer im Bundesvorstand des Marburger Bundes und Mitglied der Ständigen Konferenz Weiterbildung Bundesärztekammer.

Deshalb begrüßen wir die Einführung von elektronischen Gesundheitsakten. Daneben brauchen wir wirklich sektorenverbindende Konzepte und eine stärkere Kooperation der Gesundheitsfachberufe.

Wir begrüßen die Einführung von elektronischen Gesundheitsakten.
Dr. Henrik Herrmann

Die Versorgung unserer Patienten wird differenzierter werden, die Aufgaben im Team verteilen sich je nach spezifischer Qualifikation und Bedarf. Es werden sich Gesundheitszentren bilden, die unter einem Dach eine interdisziplinäre und interprofessionelle Versorgung anbieten.

Eine zunehmend wichtigere Aufgabe wird dabei die ärztliche Teamführung und die Kommunikation mit den Patienten sein. 

TK: Wie wird sich der Praxisalltag eines Arztes in 20 Jahren von dem heutiger Mediziner unterscheiden?

Dr. Henrik Herrmann: Im Bereich des kognitiven Wissens werden Ärzte zunehmend Entlastung durch Nutzung umfassender Datenbänke und durch künstliche Intelligenz haben, welche die Diagnostik prägen werden.

Dafür werden die Ärzte mehr Gewicht auf ihr assoziatives Wissen legen können: empathische, kommunikative, soziale und erfahrungsbasierte ärztliche Kompetenzen werden an Bedeutung gewinnen. Die Patienten/Arzt-Beziehung wird dadurch gestärkt im Sinne eines partizipativen Verhältnisses.

Empathische, kommunikative, soziale und erfahrungsbasierte ärztliche Kompetenzen werden an Bedeutung gewinnen.
Dr. Henrik Herrmann

Die Patienten werden sich  besser informieren und an medizinisch-ärztlichen Entscheidungsprozessen teilhaben. Im Praxisalltag wird dies bedeuten: umfangreiche digitale Vernetzung, Kooperation, Kommunikation und Partizipation.

TK: Gibt es Entwicklungen im Gesundheitswesen, die Sie mit Sorge betrachten?

Dr. Henrik Herrmann: Sorgen bereitet mir die zunehmende Demotivation vieler im Gesundheitswesen Tätiger. Sie treten mit hohem Engagement an und treffen auf eine Wirklichkeit im Gesundheitswesen, die manchmal bedrückt, entmutigt und auch zum Ausstieg führt.

Sie können ihren Beruf nicht in der Weise ausüben, wie sie sich es vorgestellt haben: mit Empathie, menschlicher Zuneigung, Berücksichtigung sozialer Aspekte und vor allem Zeit für die Patienten.

Eine Gefahr sehe ich in der zunehmenden Kommerzialisierung im Gesundheitswesen. Wenn es nur um Renditen und Profit geht, wird die Grundlage jeglicher ärztlich-medizinischer Tätigkeit zerstört: das Vertrauen des Patienten dem Arzt gegenüber!

Eine Gefahr sehe ich in der zunehmenden Kommerzialisierung im Gesundheitswesen.
Dr. Henrik Herrmann

Hier stehen wir am Scheideweg zwischen ärztlicher weisungsungebundener Freiberuflichkeit versus kommerzielles Gewerbe. Beiden Entwicklungen gilt es, zum Wohle unserer Patienten entschieden entgegenzutreten!