TK spezial: Welche Möglichkeiten bietet die Telemedizin und wo sind die Grenzen?

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Dr. Franz-Joseph Bartmann

Dr. Bartmann: Telemedizin bietet zahlreiche Möglichkeiten einer zeitlich und örtlich ungebundenen Patientenbetreuung durch einen Arzt/Facharzt der Wahl.

Der Kontakt kann dabei unmittelbar bilateral zwischen einem einzelnen Arzt und Patienten oder auch im Rahmen einer Online-Konsultation zwischen dem Hausarzt und einem Facharzt in Anwesenheit des Patienten erfolgen. Dies ersetzt dann weitgehend die heute übliche Überweisungspraxis, die bekanntermaßen nicht in jedem Falle zu dem primär intendierten Ergebnis führt. Das erhöht nicht nur die Therapieadhärenz, also die Einsicht in die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit einer vorgeschlagenen Behandlung seitens des Patienten, sondern führt implizit auch zu einer Kompetenzerweiterung des anfragenden Arztes.

Besondere Möglichkeiten liegen aber auch in der Einbeziehung weiterer  Gesundheitsberufe, zum Beispiel in der aufsuchenden Betreuung durch medizinische Fachangestellte oder von Rettungssanitätern in der Notfallversorgung in die unmittelbare Patientenbetreuung. Die Verantwortung bleibt im Rahmen des Delegationsprinzips dabei beim Arzt.

Die Grenzen sind da erreicht, wo nach wie vor ein unmittelbarer Arzt-Patientenkontakt unverzichtbar ist, etwa bei der Umsetzung von Therapiemaßnahmen. Nach dem derzeit geltenden Berufsrecht muss zumindest ein Arzt, der den Patienten persönlich kennt, in die Behandlung einbezogen- beziehungsweise im Notfall  erreichbar sein. Diese Regelung wird auf der Basis positiver Erfahrungen im Ausland zunehmend in Frage gestellt.

TK spezial: Wie kann E-Health dazu beitragen, die Versorgung im ländlichen Raum zu sichern?

Dr. Bartmann: Telemedizin ersetzt nicht den unmittelbaren Arzt-Patienten-Kontakt, sondern ergänzt diesen mit Vorteilen vor allem in der Betreuung chronisch kranker Patienten. Die Zahl der unmittelbaren Patientenkontakte kann damit deutlich reduziert werden, so dass die unmittelbare räumliche Nähe zum Arztsitz an Bedeutung verliert. Gerade bei älteren, und eventuell technisch weniger affinen Patienten ist die aufsuchende Betreuung durch medizinisches Assistenzpersonal eine gute Alternative zu den klassischen Hausbesuchen traditioneller Art. Damit ist auch gewährleistet, dass im Zeitalter der allgemeinen Mobilität durch Kraftfahrzeuge, die wenigen nicht mobilen Patienten an der virtuellen Mobilität partizipieren können. Die Notwendigkeit einer fußläufigen Erreichbarkeit eines Arztes durch einen Arztsitz in jedem Ort- und Gemeinwesen ist medizinisch nicht mehr stichhaltig begründbar. Der Zusammenschluss in Versorgungszentren an Orten mit anderweitigen ländlichen Versorgungseinrichtungen bietet auch für die beteiligten Ärztinnen und Ärzte erhebliche Vorteile durch die Möglichkeit des kollegialen Austauschs und Teamarbeit anstatt der in früheren Generationen üblichen isolierten Arbeitsweise als „Einzelkämpfer“.

TK spezial: Die Digitalisierung verändert auch das Gesundheitswesen. Wo sehen Sie den größten Nutzen für die Patienten?

Dr. Bartmann: Mit elektronisch geführten Patientenakten gewinnt das bisherige Schlagwort vom Patienten als „Herr seiner Daten“ ein Stück weit mehr an Realität. Durchgehend positive Erfahrungen mit der gemeinsamen und einvernehmlichen Aktenführung im „Open notes system“ aus den USA werden wegen der unterschiedlichen Grundvoraussetzungen vermutlich in Deutschland zunächst noch Zukunftsmusik bleiben. Die damit einhergehende Verstärkung der eigenen Gesundheitskompetenz und der Emanzipation von Expertenwissen auch bei einfachen medizinische Zusammenhängen sind dabei unübersehbar. In Ansätzen wäre dies kurz- bis mittelfristig auch in Deutschland vorstellbar und notwendig.

TK spezial: Immer mehr Menschen vermessen sich mit Fitness-Trackern und teilen ihre Daten. Was sollte getan werden, damit Anwender die Vorteile für sich nutzen können, aber trotzdem Herr ihrer Daten bleiben?

Dr. Bartmann: Auch dies ist ein durchaus wirksames Mittel zur Stärkung der körperlichen Selbstwahrnehmung, auch wenn die derzeitige Nutzung in dieser Hinweis weit hinter den Verkaufszahlen entsprechender devices und entsprechender Software und Apps zurückbleibt. Die Frage nach dem Datenschutz stellt sich in diesem Kontext durchaus auch in bidirektionaler Richtung und mündet letztendlich in dem Appell an die eigene Verantwortung für den Verbleib und das Teilen entsprechender Daten. Einfache Grundsätze wie die Tatsache, dass sich auch – und gerade – hinter kostenlosen Angeboten immer Geschäftsmodelle verbergen,  müssen mehr als bisher zum Allgemeingut werden. 

TK spezial: Ständig online oder öfter auch mal offline? Wie stark prägt das Digitale Ihre Freizeit?

Dr. Bartmann: Das richtige Maß hierfür ist individuell sicherlich sehr unterschiedlich. Für mich persönlich bedeutet die Möglichkeit des digitalen Informationsaustausches auch ein hohes Maß an gewonnenen Freiheitsgraden im Hinblick auf die Balance zwischen Arbeit und Freizeit.

TK spezial: Herr Dr. Bartmann, vielen Dank!

Zur Person

Dr. Franz Joseph Bartmann wurde 1950 in Giershagen geboren. Der Facharzt für Chirurgie war bis 2015 als Oberarzt im St. Franziskus-Hospital Flensburg tätig. 2001 wurde Bartmann erstmals zum Präsidenten der Ärztekammer Schleswig-Holstein gewählt. Als Mitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer ist er Vorsitzender der Weiterbildungsgremien und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Senates für ärztliche Fortbildung. Seit 2005 begleitet er als Vorsitzender des Telematikausschusses die Implementierung von Telematik und Telemedizin im deutschen Gesundheitswesen.