TK spezial: Was erhoffen Sie sich von der Förderung innovativer E-Health-Projekte?

Grüttner: Telemedizin eröffnet eine große Chance, weil sie sehr schnell medizinische Expertise zu den Menschen bringt und Distanzen überbrücken kann. Damit ist sie ein Schlüssel zu einer weiterhin wohnortnahen Versorgung. Sie generiert zudem moderne, attraktive Arbeitsplätze für junge Fachkräfte der Heil- und Gesundheitsberufe besonders im ländlichen Raum. Experten-Wissen kann über telemedizinische Facharztnetze in den ländlichen Raum gebracht werden. Für Patientinnen und Patienten können dadurch weite Wege zu Facharzt-Zentren entfallen. Zudem können beispielsweise unnötige Doppeluntersuchungen abgebaut werden. Dies erhöht auch die Sicherheit für die Patientinnen und Patienten. Telemedizin kann nicht alles, aber sie kann in vielen Bereichen wichtige Brücken schlagen, wenn beispielsweise die Gemeindeschwester vom Hausbesuch aus mit dem Arzt kommuniziert. So sparen sich kranke Patienten den Weg zum Arzt, werden kompetent medizinisch betreut und die Ärzte werden entlastet.

Die Förderung und Umsetzung von Innovationsprojekten ist somit ein wirksamer Hebel zur Unterstützung einer nachhaltigen Entwicklung im Gesundheitswesen. Indem das Land für die Jahre 2018 und 2019 insgesamt rund 12 Mio. Euro zur Verfügung stellt, werden die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen, um geeignete Innovationen für die gesundheitliche Versorgung zu entwickeln.

Grüttner fordert zweites E-Health-Gesetz

TK spezial: Was läuft falsch im hessischen Gesundheitswesen, dass es überhaupt einer Landesförderung bedarf, um digitale Projekte ins Rollen zu bringen?

Grüttner: Es gibt vielfältige Gründe, warum die Chancen der Digitalisierung zur Verbesserung der Qualität, Transparenz und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung noch nicht wahrgenommen werden. Um die Chancen der Digitalisierung zu verwirklichen, braucht es vor allem einen sowohl für die Gesundheitsdienstleister als auch die IT-Branche verlässlichen bundesgesetzlichen Rahmen, der sowohl sektorenübergreifend einheitliche, technische Standards definiert, als auch eine bessere leistungsrechtliche Absicherung von neuen Versorgungsformen bietet.

Stefan Grüttner, Hessischer Gesundheitsminister Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Stefan Grüttner

Daher setze ich mich bei den politischen Beratungen auf Bundesebene für die baldige Verabschiedung eines zweiten E-Health-Gesetzes ein, das eine bundesweite Interoperabilität der Software-Anwendungen im Gesundheitswesen sicherstellt und für neue telemedizinische Leistungen einen geeigneten Vergütungsrahmen schafft. Denn wichtig ist, dass die Systeme, die zum Einsatz kommen, auch miteinander kommunizieren können. Eine Insellösung neben der anderen wird nicht zu einem Gesamtkonzept führen.

Projekte müssen Versorgungsqualität verbessern

TK spezial: Ist die neue Förderung nachhaltig angelegt?

Grüttner: Bei der Förderung wird das Hauptaugenmerk darauf gelegt, ob die Projekte unmittelbar die Qualität der Patientenversorgung erhöhen, die Versorgungsketten nachhaltig optimieren und in welchem Maße die neue Technik direkt dem Patienten zu Gute kommt. Dabei spielt es keine Rolle, welche technischen Systeme verwendet werden, solange trotz der unterschiedlichen fachlichen Ansätze auf die durchgängige Nutzung von den eben genannten interoperablen Standards geachtet wird. Eine Kommunikation der verschiedenen Software-Module untereinander ist die Voraussetzung, um bei Bedarf die unterschiedlichen Versorgungsaspekte miteinander technisch zu vernetzen.

Eine weitere Voraussetzung für eine Landesförderung ist, dass das beabsichtigte Projekt eine gute Chance hat, in die Regelversorgung aufgenommen zu werden. Deshalb muss ein Förderantrag in der Regel von mindestens einer "größeren" Krankenkasse unterstützt werden.

TK spezial: Woran werden Sie - sagen wir in fünf Jahren - festmachen, dass die Förderung sinnvoll war?

Grüttner: Das Förderprogramm strebt eine Verbesserung der Versorgungsstruktur an. Wenn die Versorgungsansätze, die als Modellprojekt begonnen haben, von anderen übernommen werden und wir schrittweise ein landesweites telemedizinisches Netz aufgebaut haben, wäre das ein großer Erfolg. Dann kann es uns gelingen, mit Hilfe der elektronischen Kommunikation und des raschen Datenaustauschs die derzeit starren Sektorengrenzen zu überwinden.

Daneben werden wir Erkenntnisse darüber erhalten, ob die Annahmen über Qualität und Nutzen, die zu Beginn eines Projektes getroffen wurden, auch eintreffen. Es ist wichtig, dass durch die systematische Erprobung der telemedizinischen Prozessinnovationen ein Nachweis des Nutzens erfolgt. Telemedizin muss die Versorgung besser machen, mindestens aber gleichwertig zu konventionellen Ansätzen sein. Daneben darf die Innovation nicht nur ein attraktives Angebot darstellen, sondern muss sowohl für den Patienten als auch den Leistungserbringer einfach nutzbar sein.

Wettbewerb um die besten Ideen ist sinnvoll.
Stefan Grüttner
 

TK spezial: Viele Landesgesundheitsminister behaupten von sich, Vorreiter in Sachen Digitalisierung zu sein und fördern E-Health-Projekte auf unterschiedliche Weise. Bringt dieser Bieterwettbewerb überhaupt etwas für das Gesundheitswesen?

Grüttner: Das große Interesse der Landesgesundheitsminister an E-Health und Telemedizinprojekten unterstreicht, welcher Stellenwert in Zukunft modernen Kommunikations-und Informationstechnologien eingeräumt wird. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen steht noch am Anfang, deshalb ist es notwendig, anhand von unterschiedlichen Modellprojekten erste Erfahrungen zu sammeln. Eine Projektförderung bietet auch finanziell schwachen Leistungserbringern die Chance, neue Technologien im Praxisbetrieb zu testen und einzusetzen.

Im Übrigen halte ich einen Wettbewerb um die besten Ideen, die Gesundheitsversorgung mit Hilfe neuer Technologien zu verbessern, für äußerst sinnvoll. Dies bietet den Ländern die Möglichkeit, voneinander zu lernen. Zudem schließt der Wettbewerb in den Ländern nicht aus, dass wir - wie bei der Modellregion Rhein-Neckar - auch in Fragen von länderübergreifenden Telemedizinprojekten zusammenarbeiten können.

Hessischer E-Health-Award geplant

TK spezial: Die deutsche Start-Up-Szene konzentriert sich vor allem auf Berlin. Hessen fällt hier bisher noch nicht besonders positiv auf. Was kann das Land tun, damit auch Hessen als Standort für Start-Ups aus dem Bereich E-Health attraktiver wird?

Grüttner: Genauso wie in anderen Bundesländern finden Gründer in Hessen nicht nur aufgeschlossene Auftraggeber, sondern auch eine Vielzahl von Technologie- und Gründerzentren sowie Inkubatoren, die ihnen auf dem Weg zur Marktetablierung helfen. Hessen unterstützt die Start-Up-Szene unter anderem mit Vorgründungsprogrammen für die Unternehmensberatung und Förderprogrammen für Existenzgründer.

In Hessen wird das an der Technischen Hochschule Mittelhessen angesiedelte Kompetenzzentrum für Telemedizin und E-Health bestehende Initiativen strategisch bündeln und Akteuren des hessischen Gesundheitswesens eine kostenfreie Beratung bei der Implementierung von neuen telemedizinischen Lösungen in technischen und medizin-rechtlichen Fragen anbieten. Zudem wird die Hessische Landesregierung im Rahmen des kommenden E-Health-Kongresses am 8. August 2018 erstmalig einen E-Health-Award verleihen, womit u.a. auch hessische Start-Ups belohnt werden sollen.

TK spezial: Was muss aus Ihrer Sicht außer der finanziellen Förderung von E-Health-Projekten noch passieren, um die Digitalisierung des hessischen Gesundheitswesens voran zu bringen?

Grüttner: Im digitalisierten Gesundheitswesen kommt dem Faktor Bildung eine entscheidende Rolle zu. Dem Patienten werden bei Anwendungen im Bereich Telemedizin, E-Health und Mobile-Health vielfach aktive Aufgaben im Behandlungsprozess übertragen, sodass er über eigene Kenntnisse und Kompetenzen verfügen muss. Schon der Umgang mit Technologien zur Prävention und mit Assistenzsystemen setzt medizintechnisches Anwendungs- und gesundheitliches Hintergrundwissen voraus. Deshalb wird das Hessische Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) im ersten Quartal 2018 eine eigene Internet-Informationsplattform zum Thema E-Health und Telemedizin freischalten. Auf dieser Seite wird es auch einen E-Health-Projekteatlas geben. Hier können sich alle Projekte aus Hessen registrieren und vernetzen.

Auch die Ärzteschaft steht einem wachsenden Angebot digitaler Produkte und Dienstleistungen gegenüber, deren medizinische Wirksamkeit und Vertrauenswürdigkeit nur teilweise in Forschungsprojekten, selten aber in evidenzbasierten Verfahren erwiesen ist. Oft stellen sich auch Fragen hinsichtlich Datenschutz, IT-Sicherheit und Abrechnungsmodalitäten. Es ist daher förderlich, wenn etablierte Institutionen wie die Berufskammern oder die Fachgesellschaften das Thema Telemedizin stärker in Fortbildungsangeboten aufgreifen.

Digitalisierung erhöht Effizienz und Sicherheit

TK spezial: In welchen Bereichen wird die Digitalisierung das Gesundheitswesen aus Ihrer Sicht künftig deutlich verbessern?

Grüttner: Der medizinische Fortschritt der letzten Jahrzehnte und die Digitalisierung machen heute vieles möglich, was zuvor undenkbar war. Beschleunigte Kommunikationsflüsse, ständig und überall verfügbares Wissen, vernetzte Menschen und eine Fülle von Daten, deren automatisierte Auswertung völlig neue Anwendungen ermöglicht.

Mithilfe elektronischer Technologien werden die sektorenübergreifende Kommunikation und der Datenabgleich verbessert. Das erhöht die Effektivität, Effizienz und auch die Sicherheit im Gesundheitswesen. Fehl- und Überbehandlungen wie z.B. unnötige Doppeluntersuchungen können somit abgebaut werden. Schwerwiegende Erkrankungen können besser behandelt oder ihre Auswirkungen zumindest gemildert werden. Vielen Patienten kann damit eine Perspektive für weitere Lebensjahre bei guter Lebensqualität eröffnet werden.

Besonders im ländlichen Raum können moderne Technologien einen wichtigen Beitrag bei der Sicherstellung von wohnortnaher und medizinisch hochwertiger Versorgung leisten. Zur Organisation der benötigten Hilfen aus den Bereichen Medizin, Pflege und soziale Betreuung erfordert es bedarfsgerechter, sektorenübergreifender Versorgungsketten. Hierbei eignen sich telemedizinische Facharztnetze als ein Baustein, um das Experten-Wissen in die Fläche zu bringen. Für Patienten können dadurch weite Wege zu Facharztzentren entfallen und Gesundheitsdienstleister können in ihrer täglichen Arbeit unterstützt werden. Indem mobile Anwendungen Distanzen überbrücken, kann auch zukünftig eine wohnortnahe Versorgung und Betreuung sichergestellt werden. Und das unabhängig vom Standort des Leistungserbringers.

Daneben kann die Telemedizin zu einer effizienteren und effektiveren Organisation der sektorenübergreifenden medizinischen Notfallversorgung beitragen. Indem sie sich an der Dringlichkeit der Behandlung orientiert und den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, den Rettungsdienst und die Notfallambulanzen von Krankenhäusern einbindet.

Projekt aus Hessen mit Vorbild-Charakter

TK spezial: In Ihrer Funktion als hessischer Gesundheitsminister wurden Ihnen sicherlich bereits viele spannende E-Health-Projekte vorgestellt. Welche innovative Idee hat Sie dabei bisher am meisten beeindruckt?

Grüttner: In der Tat gibt es in Hessen bereits mehrere innovative Ideen, die gesundheitliche Versorgung mit Hilfe von Telemedizin zu verbessern. So wurde im Rettungsdienst mit Unterstützung des HMSI ein webbasierter interdisziplinärer Versorgungsnachweis (IVENA) eingeführt. Die in Hessen entwickelte IT-Applikation IVENA ermöglicht die standardisierte Vorab-Übermittlung diagnostischer und therapeutischer Echtzeitdaten vom Rettungswagen an das Krankenhaus. Verletzte oder erkrankte Notfallpatienten können so rasch in ein geeignetes und aufnahmebereites Krankenhaus überführt werden. IVENA ist ein Beispiel für ein erfolgreiches hessisches Projekt das nicht an der Landesgrenze halt macht. Nach den Bundesländern Niedersachsen und Brandenburg haben dieses System inzwischen auch österreichische Krankenhausträger übernommen. Hier sind wir Vorreiter und engagieren uns, damit mit neuen Wegen und Lösungen, die Menschen in Hessen weiterhin auf hohem medizinischem Niveau gut versorgt werden. Dafür stehe ich als Gesundheitsminister ein.

Zur Person

Stefan Grüttner (CDU) wurde 1956 in Wiesbaden geboren. Ab 1977 studierte er Volkswirtschaftslehre an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Das Studium schloss Grüttner 1983 mit dem Diplom ab. Anschließend war er bis 1986 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mainz am Lehrstuhl für Volkswirtschaftspolitik. Danach wechselte er als Grundsatzreferent in das rheinland-pfälzische Ministerium für Soziales und Familie. Von 1987 bis 1991 war Grüttner dort als persönlicher Referent der rheinland-pfälzischen Sozialministerin tätig.

1995 wurde der CDU-Politiker erstmals in den Hessischen Landtag gewählt. Von April 2003 bis 2010 war Grüttner Chef der Staatskanzlei in Wiesbaden. Seit August 2010 war er Hessischer Sozialminister; von Januar 2014 bis Januar 2019 Hessischer Minister für Soziales und Integration. Seit 1994 ist Grüttner  Kreisvorsitzender der CDU Offenbach.